Kinder - der ganz normale Wahnsinn:Ich bin wütend, so wütend

Bei Kindern in der Trotzphase genügen Kleinigkeiten, um süße Engelchen in wütende Teufel zu verwandeln. Die Eltern stehen beschämt davor. Leider glaubt niemand die Behauptung: "Der gehört nicht zu mir."

Katja Schnitzler

Eine Weisheit bei der Kindererziehung lautet: Wenn es schwierig wird, ist das nur eine Phase und die geht vorüber. Leider verrät niemand, dass eine Phase von der nächsten abgelöst wird. Zu Recht berüchtigt ist die Trotzphase. Wer die durchlebt hat, freut sich auf die Pubertät.

Schon Kleinigkeiten - das verweigerte sechste Gummibärchen zum Beispiel - können das süße Engelchen zwischen eineinhalb und knapp drei Jahren in einen rasenden Teufel verwandeln. Der wütet leider nicht leise, sondern laut, sehr laut.

In den eigenen vier Wänden bleiben Eltern gelassen genug, trotz des Ausbruchs auf ihrem Standpunkt zu bestehen. Oder humorvoll genug, um die Komik an der Situation zu erkennen - vor Wut explodierende Kleinkinder sehen manchmal sehr lustig aus. Dann können sich die Eltern nach drei Minuten Geheul auch dazu durchringen, das vom Zorn gebeutelte Kind in den Arm zu nehmen und zu trösten. Belohnt wir ihr Großmut mit dem Gefühl, pädagogisch wertvolle Eltern zu sein. Leider klappt das nicht, wenn die Eltern selbst unter Druck sind, und das sind sie oft.

Dieser Druck entsteht ganz von selbst: Wenn die Eltern zur Arbeit müssen, das Kind aber weder Jacke noch Schuhe angezogen hat und dies nur auf eine Art machen will: "Allein!" Leider klappt es allein nicht, aber: "Neihiiiin, Du sollst mir nicht helfen!" Wutanfall.

Dasselbe gilt für die Zeit, bevor Besuch ins Haus kommt und noch das Nötigste (Schmutzgeschirr, Bügelwäsche, Spielburg) weggeräumt werden muss: "Du hast meine Burg verschoben!" Wutanfall.

Oder wenn einfach nur ein Glas Milch ausgetrunken werden soll, aber diesmal ohne Strohhalm, wegen der Sauerei vom letzten Mal. Wutanfall.

Da fällt ruhig bleiben schwer, in diesem Fall auch den Eltern. Noch schwerer fällt GHK (Gelassenheit, Humor, Konsequenz) an öffentlichen, belebten Orten. Ein gerne bemühtes Beispiel ist die Supermarktkasse, denn sie bietet ideale Voraussetzungen für einen Trotzanfall: Das Kind ist gelangweilt vom Einkauf. Das Kind hat schon seit mindestens zehn Minuten nichts mehr gegessen. Das Kind muss an der Schlange mitanstehen. Das Kind entdeckt die Süßigkeiten vor der Kasse. Dieses Angebot heißt auch Quengelware. Nur leider quengeln Kinder im Trotzalter nicht. Sie verlieren die Contenance und finden sie nicht wieder. Damit treffen sie einen Nerv, und zwar den der Eltern, die ebenfalls beim Einkauf mit Kind in einer gestressten Phase sind.

Das Kind wird laut ("Schokolade!"), die Eltern werden lauter ("Nein, wir haben Schokolade zuhause. Ich kaufe jetzt keine Schokolade, Du bekommst daheim welche!"), das Kind wird noch lauter ("Schokolahadeeee!"). Wutanfall.

Die anderen Leute in der Warteschlange sind still. Sie beobachten das Drama, und das tun sie vorwurfsvoll.

"Dann mach ich was kaputt"

Die hochgezogenen Augenbrauen der Zuschauer, ihre genervten Blicke, das tiefe Seufzen verrät ihre Gedanken: Die hat ihr Kind ja wohl gar nicht unter Kontrolle! So ein Geschrei, kann sie es nicht zur Ruhe bringen. Jetzt ist das Kind schon rot im Gesicht, bald wird es blau, weil es nicht Luft holt. "Na, nun gönnen Sie dem Kind doch endlich seine Schokolade", zischt eine Frau wütend. Wer da nicht einknickt, hat es wegen seiner Konsequenz in Zukunft leichter mit seinem Kind. Wer doch nachgibt, nun, es lebe der Augenblick!

Doch diese Mutter an der Supermarktkasse blieb standhaft, sie hat das Geschrei und die Blicke ausgehalten, es irgendwie geschafft zu zahlen und dabei ständig in Gedanken ihr Mantra wiederholt: "Es ist nur eine Phase, alles nur eine Phase, sie geht vorüber, nur eine Phase." Währenddessen versuchte das gefühlsentfesselte Kleinkind, trotz der kurzen Beine einen Treffer am mütterlichen Schienbein zu landen, die Schokolade-Schreie sind zu unverständlichem Heulen geworden.

Die Mutter packt Einkäufe und Kind, schleift beides zum Auto. Das Kind schreit noch ein wenig weiter, dann ist Ruhe. Dort sitzen sie nun, erschöpft vom Kampf. "Warum", fragt die Mutter, "warum musst Du immer gleich so laut schreien?"

"Will ich ja gar nicht", schnieft das Kind, "das Schreien kommt einfach so heraus."

"Und das Treten", sagt die Mutter, "das tut mir doch weh." Ihr fällt ein Erziehungsrat ein: "Mach doch etwas anderes, als zu treten. Was könntest du stattdessen tun, wenn du das nächste Mal so wütend bist?"

Das Kind nickt verständig, wehtun, das will es doch nicht. Es denkt angestrengt nach. Plötzlich strahlt es:

"Nächstes Mal, dann mach ich etwas kaputt!"

Wie Eltern und Kinder entspannter durch die Trotzphase kommen und Wutanfälle sogar vermeiden können, erklärt Doris Heueck-Mauß bei den Expertentipps zur Erziehung.

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