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Kegeln:Kugelsichere Feste

Kegeln war mal eine große Sache für die Deutschen. Heute scheint das Spiel nicht mehr in die Zeit zu passen. Oder doch? Ein Abend im Berliner Wedding mit begeisterten Anfängern.

Von Harald Hordych, Berlin

Als der große junge Mann mit dem Kinnbart die Kegelbahn betritt, gehen seine Worte im tumultartigen Getöse aus spitzen Schreien, Rumpeln und Popmusik unter. Immer wieder ruft er "Schluss!" und noch lauter: "Ihr müsst jetzt aufhören! Die an-de-re Gruppe war-tet schoooon!" Als er endlich durchdringt, umringen ihn viele junge Frauen und rufen im Ton höchster Aufgeregtheit: Aber das geht nicht. Wir müssen doch noch die neun schaffen. Die neun! Bitte! Einige hüpfen aufgeregt auf der Stelle. Und dann ruft der junge Mann: Na schön, aber nur noch einen Wurf! Die Frauen beachten ihn nicht mehr, weil schon wieder alle zur Bahn und zur nächsten lospolternden Kugel starren.

Dieser emotionale Augenblick war drei Stunden vorher nicht zu erwarten gewesen. Ekstase und Ehrgeiz waren so weit weg, wie Australien, Polen, Griechenland, Italien und Belgien vom deutschen Freizeitvergnügen Kegeln entfernt sind. Aus diesen Ländern stammen viele der jungen Frauen zwischen 20 und 30 Jahren. Bis zu diesem Abend in Berlin-Wedding hatten sie mit Kegeln nicht das Geringste am Hut.

Was ist da in der "Kugelbahn" auf der Grüntaler Straße passiert? Denn eigentlich durfte es das gar nicht mehr geben: Junge Menschen, die freiwillig in einen fensterlosen, dunklen, verrauchten Raum hinabsteigen, um einen ganzen Abend lang abwechselnd eine Kugel auf eine Bahn zu rollen und zu hoffen, dass sie neun Kegel auf einmal zum Umstürzen bringt.

Kegeln, das war mal eine große Sache für die Deutschen, eine Art Nationalsport. Fast 200 000 Mitglieder zählte der Deutsche Kegler- und Bowlingbund in den Achtzigerjahren. Heute sind es 78 000. Immer mehr Klubs machen zu, weil der Nachwuchs ausbleibt. Und was verbindet man mehr mit gründlich organisiertem deutschen Freizeitvergnügen als Kegeln, wo man sich den Alkoholgenuss durch Leistung verdient? Und wo immer einer nach dem anderen, schön nach der Sitzordnung am Tisch, an die Reihe kommt und fein säuberlich jedes Wurfergebnis festgehalten wird, vor allem aber auch jeder einzelne Fehlwurf, wenn die Kugel von der Bahn kullert und an den Kegeln vorbeirumpelt. Ein Versagen, das wahlweise "Pumpe", "Pudel" oder "Ratte" genannt wird und in Summe die Krönung des schlimmsten Versagers, des "Pudelkönigs", nach sich zieht.

Lustig klingt das, lustig wie "Väter der Klamotte" oder nach Heinz-Rühmann-Filmen. Es klingt wie: Weißt du noch, damals vor dem Krieg?

"Kegeln ist ein Auslaufmodell", sagt Ann Franke. "Es gibt ja 1000 Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten." Gemeinsam mit Jessica Schmidt betreibt sie seit 2012 die Kugelbahn. Damals waren die beiden an dem eingeschossigen Klinkerbau vorbeigekommen. Ein neuer Pächter wurde gesucht, wieder mal. Bis heute sieht man der Kneipe an, die mit der großen Fensterfront genauso gut ein heruntergekommener Getränkemarkt sein könnte, dass das Leben im Wedding kein Zuckerschlecken ist. Hoher Ausländeranteil, viele Sozialhilfeempfänger, vor zehn Jahren noch berüchtigt für Bandenkriminalität, von schmucken Altbauten kaum eine Spur, dafür viel lieblos hochgezogener Billigwohnraum. Die Kugelbahn mit ihrer halb zerbrochenen Neonreklame passt in die Umgebung.

Eigentlich war alles hergerichtet für die Kegelbeerdigung im Wedding

Die Psychologin Franke und die Anthropologin Schmidt nennt man wohl "fachfremd". Unbekümmert stürzten sie sich in die Gastronomie. Dafür kannten sie ihr Publikum und den Nachholbedarf an coolen Kneipen im armen Wedding.

Wer die Kugelbahn betritt, kommt nicht eine Sekunde auf die Idee, dass hier gekegelt werden könnte. Ein großer, leerer Raum mit kahler Klinkerwand und schlichter Theke, darin ein locker verteiltes Sammelsurium von Sofas und Tischen aus geerbten Oma-Beständen. Die Kegelbahn ist im Keller. Das Erste, was Franke und Schmidt machten, war, sie in einen Veranstaltungsraum mit Bühne für Live-Musik und einer DJ-Anlage samt Boxen zu verwandeln. Die paar Kegelklubs, die früher um 16 Uhr gekommen waren, wurden ausgesperrt, weil es sich nicht lohnte, nachmittags geöffnet zu haben.

So war eigentlich alles hergerichtet für die Kegelbeerdigung im Wedding. Das durchweg junge, moderne, kultur-avantgardistische, politisch aktive Publikum, das bei der kleinsten Bierpreiserhöhung mit den Betreiberinnen über Manchester-Kapitalismus diskutiert, wäre die richtige Trauergemeinde für einen letzten Salut auf die altdeutsche Biedermann-Kultur.

Kann ein so populäres Spiel einfach aussterben?

Allerdings ist Kegeln älter als jede mittelalterliche Spießergarde. Schon Wandzeichnungen aus ägyptischen Grabstätten, die 3500 Jahre vor Christus errichtet wurden, zeigen Kinder beim Kegelspiel. Auch germanische Stämme hatten Freude daran, mit Steinen auf aufgestellte Knochen zu werfen. Seit dem späten Mittelalter fehlte auf keinem Volksfest und keiner großen Hochzeitsfeier in Deutschland und in England eine Kegelbahn, lange unter freiem Himmel. Auch der Adel liebte das Kegeln. Und das selbstbewusster werdende Bürgertum natürlich auch. 1885 wird der Zentralverband deutscher Kegelklubs" gegründet. Da hatten deutsche Auswanderer längst das Kegelspiel nach Amerika exportiert, wo es Millionen Anhänger fand. Kann ein so populäres Spiel einfach aussterben?

Werner Aisslinger, 53, ist der Gründer eines Möbel- und Designstudios, der jugendlich wirkende Chef hat zum ersten Mal für seine Mitarbeiterinnen und einen Mitarbeiter einen gemeinsamen Abend organisiert. Nur eine Bar oder ein Restaurant erschien ihm zu fad. Warum nicht Bar plus Kegeln? Die elf Frauen sowie Aisslinger und sein Kollege Dirk stehen und sitzen lange beisammen, und ein typisches Phänomen ist zu beobachten: Es stehen die zusammen, die immer zusammen stehen. Eigentlich ein Fall für eine Event-Agentur, die die Leute durch spielerische Aktionen durchmischt. Der Deutsche organisiert halt gern, auch die Stimmung beim Socializing.

Kegeln ist unfassbar einfach, jeder kann es sofort, vor allem sofort Fehler machen. Es bietet selbst dem Anfänger Erfolgserlebnisse, vielleicht nicht alle neune, aber wenigstens alle viere oder fünfe.

(Foto: Nikita Teryoshin)

Oder er geht einfach auf die Kegelbahn.

Irgendwann schaut Werner Aisslinger auf seine mechanische Uhr. Das Ziffernblatt hat er entworfen für die sächsische Firma Kronos, 4000 Euro kostet die Uhr. Seine Miene sagt: Der Abend schreitet voran, und noch immer will keiner auf die Bahn, alle machen es sich lieber hier oben bei Wein und Bier gemütlich. Deshalb sagt der Ästhet jetzt: Let's go! Er wird seine Ansagen oft auf Englisch wiederholen, weil einige der jungen Praktikantinnen kaum Deutsch sprechen. Kegeln heißt auf Englisch übrigens: to skittle.

Kegeln gehört zu den sogenannten Präzisionssportarten

Und so tastet sich die Gruppe an die Bahn heran. Kegeln ist unfassbar einfach, jeder kann es sofort, vor allem sofort Fehler machen. Es bietet selbst dem Anfänger Erfolgserlebnisse, vielleicht nicht alle neune, aber wenigstens alle viere oder fünfe. Kaum rollt die Kugel, steigt die Lautstärke. Jetzt stehen alle gleichzeitig im Sportraum, wo die Kugeln liegen, fläzen sich auf das weiße Ledersofa, qualmen eine nach der anderen und machen Aaaah!, wenn die Kugel unterwegs ist, und Jaaaaaaa!, wenn sie in die Kegel rauscht. Innerhalb von wenigen Minuten sind aus 13 Kegellaien 13 Kegelexperten geworden.

Architekt Dirk besticht durch die Kraft, die er auf die Bahn bringt. Die Italienerin Camilla mit einer blitzsauberen Technik, die praktisch aus dem Nichts hervorgegangen ist, Naturtalent. Auch den Chef hat nun der Ehrgeiz gepackt. Werner Aisslinger taucht bei jedem Wurf mit sauber gestrecktem Körper zum Boden ab, als wolle er die Weltmeisterschaft gewinnen. Eine Australierin probt meditativ den Ernstfall, indem sie die Kugel mit hochgereckten Armen über ihren Kopf hält. Konzentration, bitte!

Kegeln gehört zu den sogenannten Präzisionssportarten. Das heißt, es muss mit ruhiger Hand eine zielführende Bewegung ausgeführt werden. Bier fördert an diesem Abend erkennbar die Nebenbei-Kommunikation, wenn man gerade nicht kegelt. Erschwert aber mit zunehmender Fortdauer die Präzisionshandarbeit. Und das auf der schwersten Bahnform, die das Kegeln zu bieten hat. Die beiden Kegelbahnen auf der Kugelbahn gehören zu den sehr seltenen Scherenbahnen. Die Kugeln müssen auf eine sehr schmale Lauffläche gesetzt werden, die dann noch schmaler wird. Mit anderen Worten: Wer hier am Anfang keine fünf Pumpen hintereinander wirft, ist ein Meister. Später dann ein beschwipster Meister oder eben doch: Pudelkönig. Und jeder macht Fehler. Auch der Chef.

Mitgliedern traditioneller Kegelvereinen würden die Haare zu Berge stehen, bei diesem lärmenden Haufen ohne richtige Reihenfolge. Ständig wird die Kegelleine berührt, die am Anfang der Bahn gespannt ist, damit der Kegler nicht zu weit nach vorn läuft. Viele greifen zum Oma-Kegeln, bei dem die Damen die Kugel mit beiden Händen fassen und zwischen den Beinen hindurch auf die Bahn kullern lassen wie Fallobst - die Bankrotterklärung beim Kegelsport. Egal. Alle finden den Abend klasse. Und wollen den Sieg, die neun. Aber dazu wird es nicht kommen. Alle neune schafft keiner. Ob Bowling nicht genauso viel Spaß mache? Nein, sagt Sonia, 23. Kegeln sei intimer, man sei unter sich. Auf den großen Bowlingbahnen stelle sich dieser Effekt nicht ein.

"Egal, wann ich beim Kegeln mal runter zur Bahn gehe - immer wird dort laut gelacht und laut geredet"

Für Ann Franke ist dieser Mittwochabend in sehr ruhigen Bahnen verlaufen. Freitag und Samstag ist Guerillakegeln. Dann wird unten getanzt, wenn ein DJ auflegt, und jeder der will, kann auch mal kegeln. Da fliegen auch schon mal die Biergläser auf die Bahn. Manchmal sind mehr als 50 Leute da, sie kommen aus ganz Berlin, aus Kreuzberg, aus Neukölln. "Wir haben das Kegeln modifiziert", sagt Ann Franke. "Die Leute wollen Sachen gleichzeitig machen, auf verschiedenen Ebenen Spaß haben." Aber eines muss sie auch sagen. "Egal, wann ich beim Kegeln mal runter zur Bahn gehe - immer wird dort laut gelacht und laut geredet. Immer."

Nach mehr als fünf Jahren macht die Kugelbahn endlich Gewinn, die Bahn wird regelmäßig gebucht. Aber am Ende des Jahres wird Schluss sein, das dahinterliegende Altenpflegeheim hat das Gebäude samt Terrasse und Gärtchen gekauft. 2019 wird die Kugelbahn abgerissen. Ann Franke und Jessica Schmidt haben prozessiert, aber nur einen Vergleich erreicht. "Egal", sagt Ann Franke, wir finden einen neuen Ort, eine neue Bahn, wir wissen ja jetzt, wie es geht." Sie überlegen, ob sie die Bahn nicht sogar mitnehmen sollen und an anderer Stelle wieder aufbauen können.

Werner Aisslinger, der nicht begreifen will, dass der Abend so schnell vorübergegangen ist, erschrickt, als er die schlechte Nachricht vernimmt. "Dann gehen wir noch zwei oder drei Mal auf die Kugelbahn!", gibt er als Order aus. Die Chefansage wird beifällig zur Kenntnis genommen. Für einen Mann, der die Kugelbahn eigentlich wegen der tollen unverblendeten Schalenbetondecke ausgewählt hatte, ein erstaunlicher Wandlungsprozess.

© SZ vom 28.04.2018/eik
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