Kaugummi-Verschmutzung in Städten 90 Placken pro Quadratmeter

Kaugummikauen ist gesellschaftsfähig geworden - und damit zum Problem für Stadtreinigungen allerorten. Beiläufig ausgespuckt, verkleben die geschmacklos gewordenen Gummis Fußwege und Plätze. Ihre Entfernung ist "Extremschmutzbeseitigung" und kostet jährlich Millionen.

Von Corinna Nohn

Die einen greifen zu Cola, die nächsten schwören auf Waschbenzin, wieder andere stecken ihre Schuhe ins Gefrierfach, um die zähen Reste achtlos ausgespuckter Kaugummis von der Sohle knibbeln zu können. Das mag eine Lösung für den Hausgebrauch sein - wer aber öffentliche Plätze von den unansehnlich grauen Placken reinigen möchte, muss schaben.

Aus dem Gesicht lassen sich zerplatzte Kaugummi-Blasen ohne größere Probleme entfernen. Ein Ärgernis sind dagegen angetrocknete Kaugummis für die Stadtreinigungen allerorten - sie müssen den hartnäckigen Placken mit schwerem Gerät zu Leibe rücken.

(Foto: KNA)

Das haben in dieser Woche in Rom Freiwillige und Mitarbeiter der Verwaltung gezeigt: Im Einsatz für ein kaugummifreies Stadtbild kratzten sie den Platz Largo di Torre Argentina frei, weitere Sehenswürdigkeiten folgen. Das soll darauf aufmerksam machen, dass jeden Tag etwa 15.000 Kaugummis auf römischem Boden landen, 5,5 Millionen im Jahr. Die Stadt beziffert die Kosten für die Reinigung auf einen Euro für jeden Placken.

"Sanktionen bringen nichts"

Deutsche Städte könnte die Entfernung von Kaugummis jedes Jahr fast eine Milliarde Euro kosten. Das schätzt Kommunikationsdesigner Marcus Sonntag, der seine Diplomarbeit dem Thema gewidmet hat. Er hat an neuralgischen Punkten wie Bushaltestellen oder vor Kinos "auf einem Quadratmeter bis zu 90 Kaugummis gezählt".

Das mag daran liegen, dass das Kauen längst gesellschaftsfähig ist - dank neuer Produkte zur Zahnpflege oder Theorien, das Malmen der Kiefer helfe beim Abnehmen oder verbessere die Konzentration. Laut den Kaugummiherstellern ist der deutsche Markt seit 2000 um gut ein Drittel gewachsen: Drei von vier Jugendlichen kauen regelmäßig, in der Gruppe der 40- bis 50-Jährigen ist es mittlerweile fast jeder Zweite.

Zwar ärgern sich die Leute auch über Zigarettenkippen und Hundekot, aber Kaugummi-Reinigung ist "Extremschmutzbeseitigung": Die synthetische, anfangs leicht verformbare Masse lässt sich, einmal getrocknet, auch von Kehrmaschinen nicht mehr vom Asphalt lösen; von selbst zersetzt sie sich erst nach fünf Jahren.

Reinigungsunternehmen in Großstädten wie Köln nutzen deshalb spezielle Hochdruckgeräte: Erst wird die Fläche mit heißem Dampf und Lösungsmittel bearbeitet, dann müssen die abgelösten Reste aufgekehrt werden. Das dauert, je nach Verschmutzung, bis zu 20 Minuten pro Quadratmeter und kostet bis zu 15 Euro.

Berlin, das es sich ohnehin nicht leisten kann, Kaugummis zu entfernen, will den Alexanderplatz lieber gleich mit Teflon versiegeln.

Nun ist Kaugummi-Spucken eine Ordnungswidrigkeit; wer in flagranti ertappt wird, müsste je nach Stadt 20 oder 50 Euro zahlen. Mit sehr hohen Geldstrafen versucht etwa Prag, die Verschmutzer einzuschüchtern; in Singapur war Kaugummi lange verboten, die Gummis sind heute nur auf Rezept zu erhalten.

"Aber Sanktionen bringen nichts, wenn Sie nicht flächendeckend kontrollieren, und Zwang verärgert alle", sagt Kommunikationsdesigner Sonntag. Er plädiert dafür, die Leute "auf humorvolle Art anzusprechen", etwa, indem Mülleimer farbenfroh gestaltet werden und lustige Aufschriften tragen - das versucht übrigens gerade Hamburg.

Wilfried Berf, Sprecher der Kölner Reinigungsgesellschaft AWB, hat einen anderen Vorschlag: Die Süßwarenhersteller sollten entweder die Reinigung zahlen - oder Kaugummi auf wasserlöslicher Basis herstellen. "Bis dahin hilft nur kratzen."