Kolumne „Schön doof“Schauen und kauen

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Wem Kaugummi-Kauen als Achtsamkeitseinheit zu profan ist, kann auch die „Rosinenübung“ machen, bei der man einfach die verschrumpelte Traube anstarrt.
Wem Kaugummi-Kauen als Achtsamkeitseinheit zu profan ist, kann auch die „Rosinenübung“ machen, bei der man einfach die verschrumpelte Traube anstarrt. (Foto: Lorenz Mehrlich)

Zen-Meditation, Tee-Zeremonie und Atemübungen? Neuerdings wird Kaugummikauen als Selfcare-Routine angepriesen, gut umzusetzen bei einem „Gum Walk“, einem Spaziergang mit bewusstem Schmatzen.

Kolumne von Titus Arnu

Die Kulturgeschichte des Kaugummis zieht sich durch die Jahrtausende. Schon vor mehr als 9000 Jahren bissen Menschen auf Birkenharz herum, wie Archäologen festgestellt haben. Das ausgiebige Kauen auf zähem Zeug – Leder, Lakritze, Hubba Bubba – beruhigt eben die Nerven. Was früher halb verhungerten Steinzeitjägern und später Rauchern bei der Entwöhnung half, wird neuerdings als Achtsamkeitsübung angepriesen: Am „Internationalen Selfcare Day“, dem 24. Juli, lädt der Kaugummihersteller Wrigley zu einem „Gum Walk“ an der Hamburger Außenalster ein, begleitet von Sänger, Moderator und „The Voice“-Coach Wincent Weiss.

Es handelt sich dabei angeblich um eine „neue Selfcare-Routine, die sich ganz einfach in den Alltag integrieren lässt“. Wie? In einer Mitteilung dazu heißt es: „Ein Spaziergang wird mit dem bewussten Kauen von zuckerfreiem Kaugummi kombiniert.“ Man könnte auch sagen, man latscht halt durch einen Park und knatscht dabei auf einem Kaugummi herum. Schauen und kauen, um gedanklich elastisch zu bleiben.

„Ich brauch’ frische Luft/ Damit ich wieder bisschen atmen kann“, singt Weiss in einem seiner Lieder. Als Mundraum-Deo nach dem Verzehr eines Kebabs mag ein Kaugummi gute Dienste leisten, aber als zentrales Element eines Achtsamkeitsrituals? Na ja. Da hat jemand den Mund ganz schön voll genommen. Klassische Kaugummistreifen bestehen aus Erdölderivaten, gespickt mit Weichmachern, künstlichen Aromen und Süßstoffen. Zudem werden die meisten Kaugummis eher unachtsam ausgespuckt oder unter Bänke geklebt. Besonders nachhaltig und besonnen ist der Genuss dieser Süßigkeit nicht unbedingt. Da gäbe es geeignetere Lebensmittelrituale.

Ein Podcast des Radiosenders N-Joy empfiehlt Kartoffelschälen als Meditation: „Nicht ich mache in diesem Moment etwas mit der Kartoffel, sie macht etwas mit mir – sie zwingt mich zur Aufmerksamkeit.“ Bei der „Rosinenübung“, einem Klassiker der Achtsamkeits-Folklore, soll man sich zehn Minuten lang auf eine verschrumpelte Traube fokussieren, sie beschnuppern, befühlen, an ihr lauschen und lutschen, bevor man sie schluckt. Insider-Tipp: Das geht auch mit einer Tafel Schokolade. Der vietnamesische Mönch Thích Nhât Hạnh rät: „Stecken Sie ein Reiskorn in Ihren Mund, nehmen Sie das ganze Universum in sich auf. Das ist möglich, wenn Sie aufhören zu denken.“

Aufhören zu denken? Nicht, bevor das Thema ganz durchgekaut ist. Die Kaugummi-Branche ist seit Jahren in der Krise, und die Einladung zum Gum Walk kommt vom Konzern Mars. 2023 gab die Firma bekannt, dass die klassischen Streifen der Marke Wrigley, die zu Mars gehört, in Deutschland vom Markt genommen werden. Der neue Achtsamkeitstrend wurde also nicht vorrangig aus Gründen der Selbstwirksamkeit, sondern zu Selbstwerbezwecken vom Hersteller aufgeblasen, wie ein großer rosa Hubba Bubba. Wahrscheinlich meditiert man nicht in die falsche Richtung, wenn man vermutet, dass diese Blase leicht platzen könnte.

Titus Arnu mochte früher „Big Red“-Kaugummis mit Zimtgeschmack. Doch die rötlichen Streifen sind in Deutschland aus den Läden verschwunden.
Titus Arnu mochte früher „Big Red“-Kaugummis mit Zimtgeschmack. Doch die rötlichen Streifen sind in Deutschland aus den Läden verschwunden. (Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))
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