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Shopping:Da kannst du was erleben

Hundreds of people queue up at the first weekend of the reopening of the Samaritaine in Paris, to discover the renovatio

Ein Blick unters Dach der Samaritaine mit dem prächtigen Jugendstil-Fresko.

(Foto: Julien Mattia /imago images/Le Pictorium)

In Deutschland machen immer mehr Geschäfte dicht, in Paris ist ein altes Kaufhaus gerade für 750 Millionen Euro restauriert und wiedereröffnet worden. Was läuft dort anders? Ein Besuch in der Zukunft.

Von Tanja Rest

Lust auf was anderes? Dann vom Pariser Louvre aus die Rue de Rivoli ostwärts marschiert bis zum Luxuskaufhaus La Samaritaine. Treppe rauf in die erste Etage, wo sich in einer Ecke zwischen Hoodies und Sneakers eine Riesenfaust ballt. In die Faust geklettert, auf Kommando einer Servicekraft expressive, dem Stummfilm entnommene Schreckensgrimassen geschnitten, die Hände gerungen, mit den Füßen gezappelt. Merci bien, madame, votre adresse? Minuten später landet das Filmchen im E-Mail-Postfach.

Da also ist King Kong, wie er die Treppen von Sacré Coeur hinunterstürmt. King Kong, wie er die Fassade von La Samaritaine hinaufklettert. Fensterscheiben bersten, drinnen greift die Affenhand nach einem davoneilenden Menschlein. Es ist der original Schwarz-Weiß-Werbespot von 1974 - nur dass aus der Faust jetzt das eigene Schreckensgesicht hervorlugt, die eigenen Arme um Hilfe winken. Sekunden später wirft einen King Kong in eine große Einkaufstüte, Aufdruck: "On trouve tout a la Samaritaine". Man findet alles in der Samaritaine. Für einen Preis, versteht sich.

La Samaritaine

Die Autorin in der Hand von King Kong. Der Werbespot ist von 1974, die Technik neu.

(Foto: La Samaritaine)

Wer jetzt fragt, was ein Themenpark-Gadget in einem Kaufhaus zu suchen hat, hat schon mal ganz grundsätzlich was nicht verstanden. Es geht in Kaufhäusern nämlich nicht mehr ums Kaufen, jedenfalls nicht nur. Es geht ums Erleben.

Ein kurzer Schwenk nach Deutschland. Galeria Karstadt Kaufhof hat nach einer Finanzspritze in Höhe von 460 Millionen Euro gerade den zweiten Staatskredit beantragt, 131 Filialen stehen auf der Kippe, 17 000 Mitarbeiter bangen um ihre Jobs. Die Parfümeriekette Douglas will jedes siebte Geschäft schließen, H&M bundesweit 800 Stellen streichen; Hallhuber und Pimkie haben Insolvenz angemeldet. Im Jahr 2030 wird bereits die Hälfte der Mode online gekauft werden, hat die Unternehmensberatung KPMG errechnet, die Verkaufsflächen würden sich damit handstreichartig halbieren. Erst vergangene Woche hat der Städtetag Alarm geschlagen und vor einer Ausblutung der Innenstädte gewarnt. Der Handelsverband Deutschland befürchtet, dass bis zu 50 000 Geschäfte dichtmachen müssen.

Hat das Warenhaus, die olle Wirtschaftswunderklitsche, noch eine Zukunft? Der drittreichste Mann der Welt hat diese Frage soeben mit Ja beantwortet, das hat ihn rund eine Dreiviertelmilliarde Euro gekostet. Wenn Bernard Arnault, Chef der Luxusgruppe LVMH, zu der Louis Vuitton gehört, Dior, Tiffany und noch etwa 70 weitere Edelmarken, wenn ein solch unsentimentales Alphatier des Business ein 150 Jahre altes Kaufhaus an der Seine entkernt, restauriert und wiedereröffnet, dann muss hier Geld zu verdienen sein. Sehr viel Geld.

La Samaritaine

Direkt an der Seine, beim Pont Neuf: Hier begann 1870 die Geschichte der Samaritaine. Die Art-déco-Fassade wurde aufwendig restauriert.

(Foto: Stéphane ABOUDARAM)

Ein Freitagmorgen kurz vor 10 Uhr, vor der Samaritaine haben sich Schlangen gebildet. An den Eingängen stehen schmiedeeiserne Desinfektionsmittelspender neben Schildern mit QR-Codes, die zu einem Lageplan des Hauses geleiten, einer Übersicht der Services sowie des kompletten Sortiments. Und wo die Leute das Handy schon mal in der Hand haben - da können sie doch gleich die Fassade fotografieren! Hübschester Jugendstil, handgemalte Blütengirlanden auf goldenem Grund, dazwischen in schnörkeligen Lettern die historischen Schriftzüge, Reminiszenz an Abteilungen, die es hier alle mal gab: "Uniformes", "Photographie", "Chapeaux" (Hüte), "Chasse" (Jagd). Auf die Sekunde um Punkt zehn Uhr bewegt sich drinnen wie ein Männerballett die Garde der Schlüsselträger auf die Pforten zu. Sesam, öffne dich.

Die Samaritaine, benannt nach der barmherzigen Frau aus Samarien im Johannes-Evangelium, ist eine Erfindung des geschäftstüchtigen Ehepaars Marie-Louise Jaÿ und Ernest Cognacq. Um 1870 kaum mehr als eine Eck-Boutique am Pont Neuf, war sie in den Dreißigerjahren schon zu einem mehrteiligen Kaufhauskomplex mit einem Jahresumsatz von einer Milliarde Francs herangewachsen. Elemente des Jugendstils und des Art déco formten den verwegensten Luxustempel von Paris; man kam schon damals nicht nur, um zu kaufen, sondern auch, um zu staunen. Der Inbegriff von Chic aber sah in den Neunzigern allmählich alt aus. Das Geschäft versiegte, 2001 griff der LVMH-Konzern zu, 2005 wurde die Samaritaine wegen akuter Brandgefahr geschlossen.

Acht Jahre dauerte der Umbau. Weitere Jahre verstrichen, weil die Denkmalschützer die futuristische Wellenfassade des Neubaus zur Rue de Rivoli hin partout nicht durchwinken wollten. Es folgte Corona. Doch am Ende gewinnt man nicht gegen einen Bernard Arnault, ob Virus oder Bewahrer. Die Fassade kam, und als die neue Samaritaine mit einem Festakt am 23. Juni eröffnet wurde, stand kein Geringerer als Staatspräsident Emmanuel Macron neben ihm.

Und was soll man sagen? Das Ergebnis ist spektakulär. Man sieht es an den Gesichtern der Leute, die nun das Erdgeschoss erstürmen (Taschen, Accessoires), nach wenigen Schritten abrupt stehen bleiben und fünf Stockwerke hinaufblicken, durch das elegante, von geschwungenen Stahlträgern gehaltene Glasdach direkt in den Pariser Himmel. Köstliche Erschütterung, schau mal hier, schau mal dort, wo ist mein Handy? Es ist wie früher, als der Modetross eines dieser gigantischen Sets betrat, die Karl Lagerfeld in Auftrag gegeben hatte für Chanel: Man machte Fotos, erstens, weil man es mit anderen Mitteln nicht fassen konnte. Zweitens, weil man für Mann-Kind-Freunde-die-Nachwelt glaubte, zweifelsfrei festhalten zu müssen: Oh ja, Baby, ich war da.

Die Samaritaine hat noch keine Viertelstunde geöffnet, da füttert die Kundschaft schon die Social-Media-Kanäle. Es ist der feuchte Traum jedes PR-Soldaten: ein Perpetuum mobile der Werbung, gratis, angetrieben von Emotionen.

La Samaritaine

Prunkstück des Hauses: die Treppenkonstruktion mit dem schmiedeeisernen Geländer und den schweren Holzstufen von damals.

(Foto: Matthieu Salvaing)

Luxus ist in diesem Kaufhaus weniger Transaktion à la "Hier habt ihr meine Master Card, nun gebt mir die Gucci-Tasche für 3000 Euro". Es ist in erster Linie ein Gefühl, für jeden erschwinglich. Schau hier, die alten Treppengeländer des Art déco, wie sie sich schwebend in die Höhe stapeln, verziert mit Hunderten geschmiedeter und vergoldeter Ahornblätter. Schau dort die Böden, die zwischen Marmor, Holz und Terrazzo changieren. Da oben unterm Dach, wo auf dem umlaufenden Fresko die Jugendstil-Pfauen ihre Räder schlagen, lass uns da unbedingt ein Selfie machen.

Die Samaritaine bietet teuerste Designermode, manche Teile exklusiv nur hier erhältlich. Sie beherbergt Bistros, Cocktail-Bars und Restaurants, eine ganze Etage nur für Schuhe, Loungeflächen, einen Raum für wechselnde Ausstellungen, ein Spa sowie die größte Beauty-Abteilung Europas. Vor allem aber ist sie ein Gebäude, das mit großem Genuss immer wieder auf sich selbst verweist. In der provozierend zur Schau gestellten Architektur, den großformatigen Fotos vom Umbau, den überall angebrachten Erklärtafeln zur Historie hat sie etwas von einem Museum. Da darf dann auch der Souvenir-Shop nicht fehlen, wo sich die Bilderwelten der Samaritaine auf Tassen, Tragetaschen und Postkarten niedergeschlagen haben - die einzigen Dinge, die hier wirklich erschwinglich sind. Was genau betrachtet aber nicht weiter tragisch ist.

Corona ist nicht der Grund ist für das Sterben der Kaufhäuser

Man denkt an die Pandemie. Wie man monatelang zu Hause saß und Kleider, Schuhe, Gebrauchsgegenstände per Mausklick zu sich bestellte mit einem seltsam leeren Gefühl. Wie man dann, als die Geschäfte wieder offen waren, in die Innenstadt eilte in der Hoffnung auf, ja genau: ein Einkaufserlebnis. Und nichts passierte. Der einzige Mehrwert war, dass man die Dinge jetzt wieder anfassen konnte. Ansonsten irrte man durch gleichförmig lieb- und freudlose Räume auf der Suche nach Trost und einer Bedienung, die einem am Ende auch nicht helfen konnte, denn: Was wir haben, steht im Regal oder hängt am Bügel, sehn Se ja. Fantasie, Inszenierung, Digitalisierung - Fehlanzeige. Der Altersschnitt der Innenstadtbesucher liegt heute schon bei 48 Jahren.

Deutsche Warenhausbetreiber haben mehrheitlich nicht die Zielgruppe eines Bernard Arnault, schon gar nicht dessen finanzielle Power. Aber sie haben auch keine Ideen. Sie glauben immer noch, dass es genügt, das Sortiment in die Filiale zu hieven, die noch dazu an jedem Standort genau gleich aussieht. Dabei gäbe es so viele Ideen. Eine Rutsche vom obersten Stock bis ins Erdgeschoss, schon hat man die Kinder und damit auch die Eltern. Ein Skaterpark vor der Tür, Selfie-Spots drinnen, und man hat die Jugendlichen. Ein Zusammenschluss aller Innenstadtgeschäfte in einer App würde für Übersicht sorgen, temporärer Pop-ups könnten ungewöhnliche Räume erschließen, Events Leben in die Bude bringen. Manches davon gibt es bereits, aber nur auf ganz kleiner, lokaler Flamme. Geht man durch die Münchner Kaufingerstraße, haben sich in zehn Jahren eigentlich nur die Namen der Geschäfte geändert.

In der Samaritaine wird deutlich, dass Corona nicht der Grund ist für das Sterben der Kaufhäuser. Es ist nur die Todesmelodie auf ein Konzept, das sich schon viele Jahre zuvor überlebt hatte. Bei LVMH, den kühl kalkulierenden Meistern der Verführung, haben sie das natürlich längst kapiert. Warum sollte die faul gewordene Kundschaft ihren Hintern überhaupt noch aus dem Haus bewegen, wenn sie nicht in einem aufregend sinnlichen Ambiente auf den perfekten Service trifft?

La Samaritaine

Das "Apartment" war früher die Dienstwohnung der Samaritaine-Gründer Marie-Louise Jaÿ und Ernest Cognacq. Heute kann man hier mit Stylisten Kleider durchprobieren.

(Foto: Matthieu Salvaing)

Kunden der Samaritaine können Make-up-Tutorials besuchen, Stylisten konsultieren, ihren Namen auf Taschen, Broschen und Parfumflakons gravieren lassen. Sie können einen Termin im "Apartment" in der 1. Etage buchen, der früheren Dienstwohnung der beiden Gründer, und digital dort hingeorderte Kleidung in aller Ruhe anprobieren. Eine bestimmte Größe ist gerade vergriffen? Schauen wir doch mal im elektronischen Filial-Verzeichnis nach und lassen das Teil schnell aus der Avenue Montaigne kommen. Die schönsten Selfie-Hintergründe mit dem schmeichelhaftesten Licht? Sind in der Store-App verzeichnet. Wohin mit den Kindern? Zu King Kong. Wohin jetzt mit den Tüten? Sie werden auf Wunsch ins Hotel geliefert.

Der einzige Bildschirm im ganzen Riesengebäude ist eine Leinwand. Sie prangt im 5. Stock vor einer Sofalandschaft, auf der die erschlaffte Kundschaft wohlig lümmelt; zu sehen ist der von der Dachterrasse gefilmte Blick auf die Seine, rauschender Verkehr, tuckernde Ausflugsschiffe. Mehr Flimmern ist nicht. Die überall zelebrierte Retro-Haptik der Waren und der Oberflächen aber täuscht natürlich trotzdem. Das Digitale hat in der Samaritaine ganz selbstverständlich seinen Platz, nicht als Konkurrenzmodell, sondern komplementär zum Physischen. Einen anderen Weg gibt es ja nicht. Wer sein Sortiment jetzt auch im Netz anbietet, das Digitalisierung nennt, in der Damenoberbekleidung noch schnell eine Kaffee-Bar aufstellt und ansonsten einfach weitermacht, schafft sich früher oder später selber ab.

Paul Brennan, Chef der britischen Kaufhauskette Browns, hält es für denkbar, dass es im Kaufhaus der Zukunft gar nichts mehr zu kaufen gibt. Es wird ein Marketing-Tool sein für Labels, die sich zwischen Bistros und Restaurants nach Herzenslust selbst inszenieren, eindrucksvoller und unmittelbarer als im Netz. Und es wird eine analoge Schnittstelle sein zum Kunden, der Neuware begutachten und anprobieren kann, die er dann online nach Hause bestellt. Beides, glaubt Brennan, werde in Zukunft eher noch wichtiger werden. Absolute Voraussetzung aber sei, dass man den Leuten exzellenten Service und ein Ambiente bietet, in dem Erlebnisse möglich sind.

La Samaritaine

Nur shoppen wäre dann doch ein bisschen wenig: die Champagner-Bar.

(Foto: Matthieu Salvaing)

Bilanz eines Tages: acht Selfies in schmeichelhaftem Licht, ein Glas Champagner, ein Croque-Madame, eine in der Sofalandschaft verbummelte Dreiviertelstunde mit Blick auf die abgefilmte Seine. Drei Besuche am "Conciergerie" genannten Service-Desk, um die dort vorhandene Geduld zu testen (unendlich). Unzählige, unter Auferbietung aller Selbsterhaltungskräfte und des letzten Restes Verstand nicht gekaufte Luxusklamotten. Und natürlich das King-Kong-Video.

Berechenbar, wie man als Bewohner des 21. Jahrhunderts nun mal ist, hat man es sofort an Eltern, Freunde, Kollegen und das eigene Kind verschickt. Oh wie super, schrieb eine Kollegin zurück, in Kürze sei sie mit beiden Söhnen in Paris! "Da gehe ich tausendprozentig hin."

© SZ
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