Katholische Kirche "Wir überlegen, wie ein Weiberaufstand aussehen kann"

Messdiener schwenken vor dem Hauptgottesdienst des Katholikentages in Münster ein Weihrauchfass. Viele Mitglieder der Kirche in Deutschland wünschen sich Reformen.

(Foto: picture alliance / Guido Kirchne)

Bei der Bundesversammlung von "Wir sind Kirche" wollen die Teilnehmer um Sigrid Grabmeier über Gleichberechtigung sprechen. Sonst habe die Kirche keine Zukunft.

Interview von Larissa Holzki

Sie wollen über einen "Weiberaufstand" sprechen: Von diesem Freitag an treffen sich in Nürnberg Mitglieder der Laienorganisation "Wir sind Kirche" zur Bundesversammlung. Ihr Credo: Ohne die Gleichberechtigung von Frauen hat die Kirche keine Zukunft. Da sind sich die Mitglieder einig - und das schon seit mehr als 20 Jahren. Aber bisher werden sie weder in Rom noch von der Deutschen Bischofskonferenz in ihren Forderungen unterstützt. Sigrid Grabmeier aus Deggendorf ist Mitglied im Bundesteam der Organisation. Sie will nicht mehr warten.

SZ: Frau Grabmeier, was können Frauen in der katholischen Kirche erreichen, wenn sie nicht Papst, nicht Bischof, nicht Pfarrer werden dürfen?

Sigrid Grabmeier: Wir Frauen können ziemlich viel. Aber wir fragen immer erst den Pfarrer. Das sollte aufhören. Frauen sollten ihre Gottesdienste in den Frauengruppen selbst feiern und nicht fragen, ob der Pfarrer dazukommt. Sie können etwas machen, das im Rahmen ist oder etwas Verbotenes. Aber auf jeden Fall sollten sie es selbst machen.

Wie könnte das aussehen, wenn Katholikinnen etwas Verbotenes tun?

Nach Kirchenrecht nicht erlaubt ist zum Beispiel eine Eucharistiefeier. Aber man könnte trotzdem mit Wein und Brot feiern. Und den Gottesdienst leitet dann eine ganz normale Frau. Vielleicht finden wir sogar eine Form, die den Menschen näher ist und ehrlicher. Wir überlegen an diesem Wochenende, wie ein Weiberaufstand aussehen kann. Phantasie ist gefragt.

Interview am Morgen

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Was erhoffen Sie sich davon? Der Präfekt der Glaubenskongregation, Luis F. Ladaria, hat das Nein zur Priesterweihe für Frauen zuletzt nochmal bekräftigt. Man könnte sagen: Ladaria ist der Bewacher der Glaubenslehre für die katholische Kirche.

Das kennen wir ja schon. Das hindert uns überhaupt nicht daran, unsere Vorstellungen weiter zu propagieren und die Menschen, vor allem die Frauen zu ermutigen, ihren eigenen Weg in die Kirche zu suchen. Aber von Seiten der Kirche erwarten wir natürlich, dass Gleichberechtigung zumindest auf den Posten umgesetzt wird, für die das Kirchenrecht sie bereits erlaubt.

An welche kirchlichen Ämter denken Sie?

An die Verwaltungsstellen eines Bischofs, also an seinen Ministerrat, das Domkapitel, seine Ministerien. Die stünden Frauen prinzipiell offen, werden aber trotzdem meistens mit Männern besetzt. Da könnte man deutlich mehr Frauen Verantwortung geben - und zwar nicht nur Ordensfrauen, sondern auch normalen Pastoralreferentinnen. Das sind Theologinnen, die haben die gleiche Ausbildung wie Priester. Die können das auch.

Stellen Sie die Bedeutung der Weihe an sich in Frage?

Es geht mir um das Gefälle zwischen Geweihten und Nichtgeweihten. Das hat mich zunächst mehr aufgerüttelt als die Frauenfrage. Als Pfarrgemeinderatsvorsitzende habe ich gemerkt, wie stark die Stellung eines Priesters in der Gemeinde ist, wie abhängig die Gemeinde von ihm ist. Dieses hierarchische System hat sich überlebt. Wir brauchen beauftragte, gut ausgebildete Männer und Frauen, die einem Gottesdienst vorstehen oder die die Gemeinde leiten können. Und wir wollen doch, dass die Menschen in die Kirche kommen. Die Behauptung, Priester sein kann nur ein Mann, ist aber so oder so nicht mehr zu halten.

Was stimmt Sie da optimistisch? Haben Sie konkrete Erwartungen an die Deutsche Bischofskonferenz?

Die Bischöfe sollten langsam mal in die Pötte kommen und sich den Forschungsstand anschauen. Der sagt: Es gab in der Geschichte der Kirche die Ordination, also die Sendung für das geistliche Amt, auch für Frauen. Zum Beispiel für die Vorsteherin eines Klosters. Und in der frühen Kirche waren Frauen Gemeindeleiterinnen. Das müssen die Bischöfe zur Kenntnis nehmen und sich ernsthaft für die Frauenordination einsetzten.

Bei der Jugendsynode im Oktober wurde daran erinnert, dass die Kirche nicht nur den Wünschen westlicher Länder folgen kann. Wie wichtig ist die Frauenfrage auf anderen Kontinenten?

Die Forderung nach Gleichberechtigung gibt es auf der ganzen Welt. Für Entwicklungsländer ist sie aus meiner Sicht sogar noch wichtiger als für uns. Frauen in Deutschland können theoretisch jedes Amt übernehmen, zum Beispiel auch Bundeskanzlerin werden. Die können die Einstellung haben, es sei nicht so schlimm, dass in der Kirche Männer Vorrechte haben, wenn das in der Gesellschaft keine Rolle spielt. In anderen Ländern wird die schlechte gesellschaftliche Position von Frauen durch die Kirchen legitimiert: Frauen dürfen nicht Priester werden, weil sie Frauen sind. Also können sie nicht so viel Wert sein wie Männer.

Gerade muss die katholische Kirche ihren Missbrauchsskandal aufarbeiten. Kommt ein Weiberaufstand zum richtigen Zeitpunkt?

Auf jeden Fall: Denn beides hängt zusammen mit der verschworenen Männergemeinschaft der Priester und Ordinariate. Man war zusammen im Vorseminar oder im Priesterseminar. Und dann sagt der Personalreferent zu einem Missbrauchsfall: Das ist ein guter Kerl, der hat einen Fehler gemacht, den versetzen wir. Oder man denke an den Priester, der als kleiner Junge selbst die Erfahrung gemacht hat, dass ein Priester übergriffig geworden ist. Der konnte nie darüber sprechen. Wenn man sich nicht für das Thema Sexualität öffnet und meint, alles im Männerkreis ausmachen zu müssen, passiert so etwas eher.

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