Karnevalist in Unna "Wer nur ins TV will, hat keine Chance"

Helmut Scherer führt seit 53 Jahren den kleinsten Karnevalsumzug der Welt an. Er sucht einen Nachfolger - die Kriterien sind aber streng.

Interview: C. Fromme

Seit 1957 zieht Helmut Scherer mit seinem Bollerwagen durch Unna und gibt den Westfalen Nachhilfe im Fach Humor. Sein traditioneller Gang durch die Fußgängerzone an Weiberfastnacht ist dabei rekordverdächtig: Scherer betreibt den wohl kleinsten Karnevalsumzug der Welt, unterwegs sind nur er und sein Wagen. Nun macht der Karnevalsmissionar Schluss mit lustig: Der 75-Jährige will sich zur Ruhe setzen.

Helmut Scherer sucht einen Nachfolger für seinen Karnevalszug und hat strenge Kriterien: Humor ist eine davon.

(Foto: Foto: dpa)

Süddeutsche Zeitung: Herr Scherer, Sie wollen Unna also hängen lassen?

Helmut Scherer: So kann man das nicht sagen! Ich bin 75 und spüre meine Grenzen. Bevor ich im Karneval auf der Straße umfalle, suche ich einen Nachfolger.

SZ: Da jedes Jahr Kamerateams aus ganz Europa Ihren Zug begleiten, gibt es bestimmt sehr viele Bewerber.

Scherer: Leider nicht. Die Menschen aus Unna wollen nicht, sie schämen sich, kostümiert durch die Stadt zu ziehen. Und wer nur ins Fernsehen will, der hat sowieso keine Chance bei mir.

SZ: Verstehen Unnaer keinen Spaß?

Scherer: Sagen wir mal so, sie sind ein wenig störrisch. Kein Wunder, dass das Wahrzeichen der Stadt ein Esel ist. Ich bin gebürtiger Paderborner, die sind auch nicht sehr lustig, aber immer noch lustiger als die Menschen in Unna. Das liegt wohl daran, dass die Stadt protestantisch ist. Als ich 1956 nach Unna kam, sah ich einen Martinsumzug, und da fiel mir die Sache mit dem Karneval ein. Im Jahr darauf lief ich mit einem Kinderwagen, in dem eine Puppe eine Trompete im Mund hatte, durch Unna. Ich war als Chorleiter verkleidet. Die Leute haben mich für verrückt erklärt. Heute habe ich viele Fans.

SZ: Wie geht es denn jetzt weiter?

Scherer: Da ich weiß, dass es knifflig wird mit dem Nachfolger, werde ich erst nächstes Jahr nach meinem 54. Umzug abtreten. 2011 werde ich 77, Schnapszahl, das passt doch gut. Leider haben sich erst zwei gemeldet, einer davon aus Köln.

SZ: Rheinland! Das klingt doch gut.

Scherer: Ja, der machte mir einen guten Eindruck. Wir sind auf einer Wellenlänge, er sagte zu mir: Der Karneval in Unna muss aufrecht bleiben. Aber ich kenne ihn nur vom Telefon, und am Telefon kann man ja viel sagen. Ich werde die Bewerber beim Umzug auf die Probe stellen.

SZ: Laufen die Bewerber dann als Praktikanten bei Ihnen am Bollerwagen mit?

Scherer: Niemals! Sie müssen Abstand halten, wie die Musikgruppe und die Ordensritter auch. Alle laufen zehn Meter hinter mir her, sonst wäre es nicht mehr der kleinste Karnevalsumzug der Welt.

SZ: Logisch.

Scherer: Wissen Sie, mein Umzug zieht richtig Zuschauer, sicher 200 Mann. Und es gibt einen Fanclub mit 111 Leuten, die T-Shirts mit meinem Gesicht darauf tragen. Der Karneval hier ist richtig ursprünglich, ohne Absperrbänder, das ist ganz leger. Wer will, läuft hinterher.

SZ: Was muss man können, um Ihre strengen Kriterien zu erfüllen?

Scherer: Man muss Humor haben, auch im Rest des Jahres. Und es muss klar sein, dass es nicht von kurzer Dauer ist, ich habe das immerhin ein halbes Jahrhundert gemacht. Auch sollte man trinkfest sein. Wir halten an elf Geschäften, überall spielt die Musik, überall gibt es etwas. Beim Griechen Ouzo, an der Apotheke Kräuterlikör. Ich nippe aber nur noch.

SZ: Was erwartet Unna in diesem Jahr?

Scherer: "Wer Unna nicht kennt, hat die Welt verpennt", ist das Motto. Da geht es um Ruhr 2010 und die Kulturhauptstadt. Auf dem Wagen sind ein Esel und Bilder von Unna. Ich will darauf anspielen, dass wir auch viel zu bieten haben. Das Lichtkunstmuseum, die Kulturbrauerei, einen umgebauten Atombunker, das italienische Fest, das Seniorenfest...

SZ: Was waren die Höhepunkte in den vielen Jahren Ihres Ein-Mann-Umzuges?

Scherer: In Düsseldorf habe ich 1974 den Preis für den zweitschönsten Wagen bekommen, da ging es um Helmut Schön, den Bundestrainer. Weil mein Umzug in Unna an Weiberfastnacht ist, war ich an Rosenmontag früher oft in anderen Städten. In Münster, in Bergkamen und auch in Ungarn, in unserer Partnerstadt Ajka. Mein Umzug dort wurde sogar im Fernsehen in Portugal und Spanien übertragen.

SZ: Wie soll Ihr letzter Zug aussehen?

Scherer: Zum ersten Mal wird die Polizei die großen Kreuzungen sperren, dann ziehen sämtliche Schüler aus Unna hinter meinem Wagen her. Ich habe aber schon jetzt einen Kloß im Hals, wenn ich an die Zeit danach denke. Wenn ein anderer durch Unna läuft, bin ich weg. Ich ertrag das nicht. Dann nehme ich mir über Karneval ein Zimmer in Düsseldorf.

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