bedeckt München 23°
vgwortpixel

Verkleidung:Karneval der Klischees

Carnival In Cologne

Zwei Karnevalisten tauschen am Kölner Hauptbahnhof einen flüchtigen Blick aus. Uniform-Verkleidungen wirken laut einer Studie des Männermagazins Playboy auf Frauen besonders attraktiv.

(Foto: Volker Hartmann/Getty Images)

Geschlechterstereotypen weichen auf. Das gilt aber nicht auf Kostümfesten und närrischen Partys. Dort flirtet der Polizist noch immer am liebsten mit der Krankenschwester, als hätte es die Emanzipation nie gegeben.

Mit der richtigen Kleidung kann man fast alles erreichen. So wie Claire Underwood in der Serie "House of Cards". Die Klamotten, die sie auf ihrem Weg zum Amt als US-Präsidentin trägt, sind ausgezeichnet gewählt: Mantelkleider mit engen Gürteln, aufgestellten Krägen und meist recht militärischen Farbtönen. Uniformen auf dem Laufsteg zur Macht. "Power-Dressing", wie der Modefachmann sagt.

Selbst im Fasching gibt es Power-Dressing. Schließlich möchte auch der kostümierte Mensch in seiner Lächerlichkeit allgemein Beachtung finden. Laut einer repräsentativen Studie des in Uniform-Angelegenheiten keineswegs unerfahrenen, allerdings leicht in die Jahre gekommenen Männermagazins Playboy flirten Männer während der närrischen Zeit am liebsten mit Frauen, die als Krankenschwestern oder Stewardessen verkleidet sind. Frauen hingegen zeigen eine klare Tendenz für Männer in Polizei- und Piloten-Uniformen.

Mode Mächtig in Form
Hosenanzug für Frauen

Mächtig in Form

Wer als Frau auffallen will, trägt nicht mehr möglichst extravagante Kleider, sondern einen Hosenanzug. Das Trend-Kleidungsstück stellt seine Käuferinnen aber auch vor eine seltene Herausforderung.   Von Silke Wichert

Da ist sie also wieder: Die - völlig hanebüchene - Sehnsucht nach männlichem Schutz einerseits ("Polizei, dein Freund und Helfer", "Käpt'n Meyer begrüßt sie herzlich an Bord"). Auf der anderen Seite der - ebenfalls restlos überholte - Wunsch nach weiblicher Dienstbarkeit ("Schwester, bitte helfen Sie mir!", "Für mich einen Tomatensaft mit Salz und Pfeffer"). Das Stereotyp, es lebt. Zum Glück nur im Karneval.

Auf Kostümfesten werden Geschlechterklischees gepflegt

"Das Verrückte ist ja", meint der emeritierte Wuppertaler Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung Bazon Brock: "Gerade im Karneval will der Mensch Regeln brechen. Tatsächlich aber bedient er sie." Auf Kostümfesten jedenfalls sei, meint Brock, doch kaum etwas davon zu spüren, dass sich "gesellschaftliche Rollenmuster" in den vergangenen Jahren verändert hätten. Im Gegenteil: Geschlechterklischees würden dort gepflegt "wie der Adel im 19. Jahrhundert". Und da eine Uniform generell "Ausdruck der Zugehörigkeit zum Kollektiv" sei, helfe sie bei der (womöglich bereits leicht eingetrübten) Orientierung im Karneval.

Kostümierung beeinflusst nicht nur die Außenwirkung. Sie bestimmt auch die Selbstwahrnehmung. So haben Forscher der Northwestern University beziehungsweise der Yale-Universität herausgefunden, dass Probanden bei Medizinertests besser abschneiden, wenn sie weiße Arztkittel anhaben. Anzugträger wiederum verhandeln im Beruf wesentlich erfolgreicher als Menschen in Jogginghosen.

Doch Vorsicht: Power-Dressing kann auch nach hinten losgehen. Einem "Kaschmir-Kanzler" etwa nahmen die Deutschen seine sozialdemokratische Einstellung am Ende kaum mehr ab. Der Hauptmann von Köpenick indes fragte sich noch vor der Kostümierung: "Wat haste jemacht mit dein Leben, Wilhelm?"

"Uniform macht, was auch die Mode selbst macht", erklärt Gudrun König, Professorin für Kulturanthropologie des Textilen an der TU Dortmund: "Sie grenzt ein und zugleich aus." Auf den Karneval übertragen könnte das bedeuten: Männer in Polizeiuniformen und Frauen als Krankenschwestern - auf Kostümbällen und in ausgesuchten Altbierkneipen dürfte so ein Power-Dressing die erste Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht vielleicht erleichtern. Andernorts aber brächte sie manch ein seelisches Kartenhaus sofort zum Einsturz.

Wirtschaft in München Nicht den Schal in den Ärmel stopfen!

Garderobendame im Bayerischen Hof

Nicht den Schal in den Ärmel stopfen!

Annemarie Kleine stand vor 50 Jahren das erste Mal im Bayerischen Hof an der Garderobe. Sie hält schlimme Parfums genauso aus wie ungeduldige Gäste, hat die Veränderung der Mode und des Umgangs beobachtet und erlebt jeden Abend die Verwandlung ihrer Kunden.   Interview von Philipp Crone