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Junge Musiker:Durchgetaktet

Vier bis sechs Stunden täglich übt Tassilo Probst auf seiner Geige.

(Foto: Arlet Ulfers)

Großes Talent ist eine Sache. Eine Solokarriere eine ganz andere. In der Musikwelt zählt nur Perfektion. Hochbegabten Kindern verlangt das viel ab - aber auch ihren Eltern.

Tassilo Probst klemmt die Geige zwischen Schulter und Kinn, holt Luft, sein Brustkorb hebt sich. Kurz bevor der Bogen die Saiten berührt, atmet er aus - so ist es am besten für den Ton. Es soll auch helfen, den Mund leicht aufzumachen. "Dann sind drei Muskeln weniger angespannt, und man hat eine bessere Haltung", sagt er. Sein Geigenlehrer hat ihm das beigebracht.

Tassilo Probst lebt in Emmering nahe München, ist gerade 16 Jahre alt geworden und auf dem besten Weg, ein professioneller Sologeiger zu werden. Seit er zehn Jahre alt ist, gewinnt er bei "Jugend musiziert"-Wettbewerben regelmäßig den ersten Preis. Jeder weitere erste Platz verspricht Aufmerksamkeit, Einladungen zu Konzerten, renommiertere Lehrer. Seit er 13 ist, bekommt er Privatunterricht und ist Jungstudent an der Münchner Musikhochschule. "Es ist für mich klar, was ich werden möchte: Solist oder Professor für Geige", sagt er.

Der beste Klang ist sein Ziel, natürlich. Deshalb übt er jeden Tag: in der Schulzeit mindestens drei Stunden, während der Ferien vier bis sechs. Das ist harte Arbeit. Er versuche, überall der Beste zu sein, sagt Tassilo Probst, nur so komme er ans Ziel.

Seine Mutter fährt ihn zum Geigenunterricht, er lernt auf der Rückbank für die nächste Klausur

Seine Mutter, Petra Probst, fährt ihn seit dem Kindergarten zum Geigenunterricht, zu Meisterklassen, zu Konzerten. Sie sitzt am Steuer, und ihr Sohn lernt auf der Rückbank für Klausuren - im nächsten Jahr steht das Abitur an. Für ihn ist das keine Doppelbelastung, sagt er, aber Priorität hat die Schule auch nicht. "Die Geige steht ganz klar im Vordergrund."

Die Mutter macht halbtags die Buchhaltung in der Kanzlei ihres Mannes. Das erlaubt ihr, Tassilo zu begleiten. Sie führt seinen Terminkalender, bringt die Noten in einem faltbaren Stoffkorb mit und nimmt das Spiel ihres Sohnes während des Unterrichts mit einem Diktiergerät auf, damit er es später noch einmal anhören kann. "Ich bin nur die Notenträgerin", sagt sie lachend. Aber sie weiß, dass es ein "großer finanzieller und zeitlicher Aufwand" ist - für die ganze Familie. Die Fahrten, der Unterricht, die CDs, die Noten, die Hotels bei Konzerten und Meisterkursen. Immer dabei ist ein schwarzer Geigenkoffer. Darin ist eine Violine, die sich Tassilo Probst beim Wettbewerb des Deutschen Musikinstrumentenfonds erspielt hat. Eine Grancino aus Privatbesitz, Baujahr 1690 in Mailand.

"Er war schon im Kindergarten anders als andere Kinder", sagt die Mutter. Als Tassilo noch Windeln trägt, spielt der Vater Geige, der ältere Bruder spielt ihm nach, mit viereinhalb will Tassilo auch mitspielen. Weil er das absolute Gehör hat, fällt ihm das Notenlernen leichter. Auch in anderen Bereichen des Lebens ist er begabter als andere: Mit fünf kann er im Hunderterraum rechnen. Die erste Klasse überspringt er. Als sie hören, ihr Sohn sei hochbegabt und brauche eine gezielte Förderung, müssen die Eltern schlucken. "Wir waren nicht darauf vorbereitet", sagt der Vater. Es gebe kein Patentrezept, sagt die Mutter. Also müsse man ständig gucken: Ist der Sohn zu viel gefordert oder zu wenig? Und auch die Eltern müssen sich die Frage stellen: Fördern sie ihr Kind - oder überfordern sie es?

0,01 Prozent

aller Menschen haben Schätzungen zufolge das absolute Gehör. Sie können die Höhe eines Tons sowie die Tonart ohne Bezugston benennen. Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass das absolute Gehör besonders bei Kindern, die früh mit Musik in Kontakt kommen, verbreitet ist, sowie bei Menschen, die tonale Sprachen wie Chinesisch sprechen. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle.

Kinder wie Tassilo Probst, die eine Sache überdurchschnittlich gut können und das schon viel früher als die meisten, erregen Aufsehen. Die einen sind von ihnen fasziniert, die anderen finden, dass jungen Talenten die unbeschwerte Kindheit entgehe, weil ihre ehrgeizigen Eltern eigene Träume über ihren begabten Nachwuchs auslebten.

"Es ist Leistungssport", sagt die Lehrerin

Das Bild der fordernden Helikoptereltern mag Petra Probst gar nicht. "Tassilo kann man nicht pushen. Entweder er macht es, weil er es will, oder er macht es gar nicht", sagt sie. "Uns ist wichtig, dass er nicht verheizt wird." Seine Konzertauftritte, das ist die Bedingung der Eltern, müssen mit der Schule vereinbar sein.

"Es ist Leistungssport", sagt Martina Bauer, eine der Leiterinnen der Jugendakademie für Hochbegabtenförderung an der Musikhochschule in München, an der Tassilo Probst seit zwei Jahren Jungstudent ist. Sie findet nicht, dass Kinder ihrer unbeschwerten Kindheit beraubt werden. "Wir bieten ihnen eine Spielwiese der anderen Art." Klar stünden bei vielen ihrer Jungstudenten ehrgeizige Eltern im Hintergrund. Aber auf dem Niveau, auf dem Tassilo Probst mittlerweile spielt, seien es die Kinder selbst, die vorwärts drängen.

Natürlich bauten Wettbewerbe und die Aussicht auf Preise Druck auf, sagt der 16-Jährige. Wer es weit bringen will, muss hart arbeiten. "Aber der größte Druck kommt von einem selber", sagt der Violinist. Dieser hohe Anspruch an sich selbst motiviere ihn aber auch, weiterzumachen. "Sonst wäre der große Anreiz zu spielen weg." Martina Bauer sagt: Die Liebe zur Musik verschmelze bei den Kindern, die sie lehrt, mit der Liebe zur Bestleistung.

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