Junge Erwachsene in Italien Sieben Millionen Riesenbabys

Das "Hotel Mama" ist ein bequemer Rückzugsort in Zeiten der Krise, Wäsche waschen inklusive. Etwa sieben Millionen Italiener unter 35 Jahren leben noch mit mindestens einem Elternteil zusammen.

Mama erledigt die Einkäufe, kocht lecker Pasta und wäscht die schmutzige Wäsche: Mehr als 60 Prozent der Italiener unter 35 Jahre wohnen noch bei den Eltern. Daran ist nur zum Teil die Wirtschaftskrise schuld.

Von Oliver Klasen

Das Klischee sagt ja, dass der durchschnittliche Italiener ein wenig emotionaler ist als der durchschnittliche Deutsche. Vielleicht ist das der Grund, warum die Leser auf der Onlineseite der italienischen Zeitung Corriere della Sera unter den Texten nicht nur Kommentare posten, sondern auch mitteilen können, welches Gefühl sie nach der Lektüre des Textes erfasst hat. Das Ganze funktioniert mittels verschiedener Smileys, die entweder nach oben gezogene Mundwinkel haben oder zusammengekniffene Augenbrauen oder irgendetwas dazwischen. Der Text, um den es hier gehen soll, ruft bei den Lesern mehrheitlich das Gefühl "triste" aus.

Die Leser sind also traurig, nachdem sie erfahren haben, dass fast sieben Millionen junge Italiener zwischen 18 und 34 Jahren noch zu Hause wohnen, also bei mindestens einem Elternteil. Sieben Millionen, das entspricht einem Anteil von gut 61 Prozent, die bequem im "Hotel Mama" logieren und verköstigt werden. (Man tut den italienischen Vätern vermutlich kein schlimmes Unrecht, wenn man den Anteil derjenigen, die ein "Hotel Papa" unterhalten, als eher gering annimmt.)

"Gravierend, aber in Wirklichkeit nicht völlig neu", nennt der Corriere den "Bericht über den sozialen Zusammenhalt", den das nationale Statistikinstitut Istat jetzt auf Basis der Daten von 2012 veröffentlicht hat. Demnach ist der ohnehin schon hohe Anteil der Nesthocker im Vergleich zum Vorjahr noch einmal um zwei Prozentpunkte gestiegen. Immerhin knapp die Hälfte von ihnen ist zwischen 25 und 34 Jahre alt, also nach landläufiger Vorstellung längst in einem Alter, in dem man für sich selbst sorgen müsste.

Die Statistiker haben auch herausgefunden, dass es Unterschiede gibt zwischen den Geschlechtern und zwischen den Regionen. Der Anteil der jungen Männer die zu Hause wohnen, liegt noch einmal um zehn Prozentpunkte höher, also bei 70 Prozent. Genauso verhält es sich mit jungen Menschen aus Süditalien.

Die Bamboccioni - zu Deutsch ungefähr: Riesenbabys - sind in Italien zum Symbol der Krise geworden. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 40 Prozent trauen sich viele junge Erwachsene offenbar nicht zu, einen eigenen Haushalt zu gründen. Sie verschieben den Auszug immer weiter nach hinten, manche schaffen den Absprung dann gar nicht mehr.

Der Autor des Corriere fürchtet bereits, dass sein Land bald von jeder Menge "Hybridwesen" bevölkert sein könnte, die - gefangen in einem merkwürdigen Zwischenstadium zwischen Jugend und Erwachsenendasein - niemals gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen.

Der italienische Sozialstaat - das geht auf eine Theorie des dänischen Soziologen Gøsta Esping-Andersen aus den neunziger Jahren zurück - war schon immer sehr stark auf die Familie ausgerichtet. In Zeiten der Krise bietet das Elternhaus da einen bequemen Rückzugsraum, in dem man vor den Widrigkeiten des Arbeitsmarktes geschützt ist. Nebenbei erledigt die Mama auch noch die Einkäufe, kocht lecker Pasta, wäscht und bügelt die schmutzige Wäsche.

Aber die Nesthocker sind nicht nur ein Produkt der Krise, sie sind schon lange Teil der italienischen Kultur. Der Anteil derjenigen jungen Erwachsenen, die zu Hause wohnen, ist von jeher höher als in vergleichbaren Industrieländern.

Was tun mit den Riesenbabys? Die Regierung versucht seit Jahren, junge Italiener früher zur Selbständigkeit zu erziehen. Sie sollten, so eine Forderung, auch schlechtbezahlte und niedrigqualifizierte Jobs annehmen, um sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien. Lieber im Restaurant Teller waschen also, als sich zu Hause bei Mama einen gut gefüllten Teller servieren zu lassen.

Ein Minister hat vor Jahren sogar einmal darüber nachgedacht, jungen Frauen und Männern Prämien zu zahlen, wenn sie das Elternhaus verlassen. Doch sein Vorschlag war nicht finanzierbar und am Ende bekannte er, dass er selbst ein Bamboccione war und mit 30 Jahren nicht einmal wusste, wie man ein Bett bezieht.