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Jugendwort des Jahres:Gar nicht Lol!

Die Wahl zum "Jugendwort des Jahres" fällt aus. Das könnt ihr nicht bringen. Wie sollen wir Älteren denn jetzt mit den Teenies kommunizieren? Ein Umstimmungsversuch.

Zehn Jahre lang war das Jugendsprache-Lexikon Bindeglied zwischen den Generationen X, Y und Z. Und nun? Fehlen einem fast die Worte. Illustration: Stefan Dimitrov

Lieber Pons-Verlag, verehrter Herr Verlagsleiter Schmidt, geschätzte Jugendworterfinderinnen und Jugendworterfinder, ratlos war ich, verstört, irritiert, konsterniert, also gelinde gesagt völlig von der Rolle ob der Dinge, die da aus Ihrem Hause verlauteten. Ist Ihnen klar, was Sie da tun? Ist Ihnen die Tragweite Ihres Handelns bewusst? Haben Sie ein einziges Mal für zehn Pfennig über die Konsequenzen nachgedacht? Ich glaube, nein und ich übernehme im Folgenden einen, zugegeben etwas verzweifelten, Versuch, Sie im letzten Moment umzustimmen.

Sie wollen das Jugendwort des Jahres mir nichts, dir nichts auf den Müllhaufen der Geschichte werfen, es in die ewigen Jagdgründe schicken. Sie verweisen auf eine profane Unternehmensfusion, die Sie dazu veranlasst habe, den Stecker zu ziehen. Der Zustand des Jugendsprache-Lexikons, so schreiben Sie, Herr Schmidt, sei nicht so gewesen, als "dass wir das Projekt on diesem Jahr in einem vernünftigen Zustand zu Ende führen können".

"How dare you?" bin ich versucht zu entgegnen, so wie eine junge, inzwischen berühmte Schulstreikerin neulich vor den Vereinten Nationen in New York. Doch mein Anliegen ist bescheidener. Ich bin nur ein hilfesuchender Mann mittleren Alters, der auf Sie gezählt hat.

Zehn Jahre lang war Ihr Verlag nun das Bindeglied zwischen den Generationen X, Y und Z. Sie boten Menschen aus dem vorigen Jahrtausend Halt in einer für uns fremden Welt. Sie waren die Übersetzer, die Vermittler, die Kundschafter, deretwegen wir uns verstanden fühlten und nicht verzweifelten. Da konnte die Jugend noch so sehr als Smombie durch die Straßen laufen, Niveaulimbo spielen, ihre Mütter Ehrenfrauen nennen und den Swag aufdrehen, oder wie das heißt. Sie waren verlässlich an unserer Seite.

Chillt mal eure Basis und macht euch locker

Klar, es gab Nörgler und Niezufriedene. Mit dem Jugendwort des Jahres, sagten die, verhalte es sich wie mit Bielefeld: Das gebe es ja gar nicht. Doch alle Theorien über die Nichtexistenz der ostwestfälischen Hauptstadt wurden kürzlich ein für allemal widerlegt. Läuft bei denen ja offenbar. Und wer in den vergangenen Jahren nachmittags gelegentlich an Bushaltestellen oder Einkaufszentrumspassagen rumhing, wo Jugendliche Spuckefäden auf den Boden rinnen ließen, der konnte neben dem fast schon zeitlosen "Alter" und "Digga" auch ein paar Wörter aus Ihrer Liste hören.

Am Ende ist der Lauch (Platz 4 im Jahr 2018) ja sowieso nichts anderes als der Spargeltarzan anno 1982. Und wenn man heute jemanden mit dem Spruch "Chabos wissen, wer der Babo (Platz 1 im Jahr 2013) ist" anraunzt, wenn man sich vordrängeln will, dann rief man 20 Jahre vorher womöglich: "Lass mich Arzt, ich bin durch."

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Und sage noch einer, die Jugend interessiere sich nicht für Politik. Sie hat offensichtlich vor zwei Jahren ziemlich viel n-tv geguckt, die Verhandlungen um die Jamaika-Koalition mitverfolgt und sagt seitdem "lindnern", wenn beschrieben werden soll, etwas lieber gar nicht als schlecht zu machen.

Jaja, manche Oberschlaumeier sagen jetzt auch, die Liste sei nicht wissenschaftlich gewesen und so. Die Wörter, die in der Liste vorkommen, seien nicht einwandfrei statistisch erfasst, die empirische Basis fehle. Chillt mal eure Basis und macht euch locker. Fußball ist keine Mathematik, hat der berühmte Sprachkünstler Karl-Heinz Rummenigge mal gesagt, und Jugendsprache ist es auch nicht.

Come on, geben Sie sich einen Ruck

Zugegeben, meine Wertschätzung für Ihre Jugendwörter-Liste musste erst reifen. Gleich am Anfang, 2008 war das, schleuderten Sie mir "Gammelfleischparty" entgegen und umschrieben damit die Abendgestaltung von Ü-30-Menschen, meiner Generation also. Aber dann wurde es versöhnlicher, liebevoller. Ich sage jetzt nicht mehr "Schatzi" oder "Hase" zu meiner Freundin, ich sage jetzt "Habibi, ich küsse dein Auge" (Platz 8 im Jahr 2018).

Früher hatte ich manchmal ein schlechtes Gewissen, wenn ich in einem unbeobachteten Moment meinen eigenen Namen googelte, jetzt habe ich dank Ihnen ein harmlos klingendes Wort dafür: egosurfen (Platz 3 im Jahr 2010), und ich fühle mich gleich besser. Und persönliche Niederlagen als epic fail (Platz 2 im Jahr 2011) zu verbuchen, geht irgendwie leichter von den Lippen als zu sagen: "Ich hab den Karren richtig gegen die Wand gefahren."

Ich kann jetzt auf Augenhöhe kommunizieren mit diesen jungen Menschen, die Unboxing-Videos ins Netz stellen, ihr halbes Leben instagrammen und sich auf Youtube, auf einem Bildschirm also, stundenlang ansehen, wie ein anderer vor einem Bildschirm sitzt und ein Ego-Shooter-Game durchzockt. Ich verstehe sie nicht, aber ich fühle den Vibe. Isso, you know.

Und deshalb, bitte Herr Schmidt, Sie haben es in der Hand, seien Sie kein Frosch, machen Sie eine neue Liste, sammeln Sie Vorschläge, veranstalten Sie 23 Regionalkonferenzen, zum Beispiel in Saarbrücken, Nieder-Olm und Neubrandenburg, das ist modern jetzt, und dann haben wir am Ende ein neues, freshes Jugendwort des Jahres. Wär doch knorke.

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