Süddeutsche Zeitung

Jürgen Fliege: Glaube und Geschäft:Die Über-Ich-AG

Niemand hat den Glauben so konsequent zum Geschäftsmodell ausgebaut wie der Ex-Fernsehpfarrer Jürgen Fliege.

Cornelius Pollmer

"Ich bin ein Dorfgeistlicher und ein Fuhrmann", sagt Jürgen Fliege und macht sich auf den Weg. Sein Dorf heißt Tutzing, sein Wagen ist ein Audi Cabrio. Es steht gerade und bläst geduldig Abgas in den kalten Wintertag, denn Flieges Mission, seinen Glauben ins Land und zu den Leuten zu tragen, sie endet heute schon am Gartentor. Das Gatter klemmt.

Fliege drückt auf den Sender, und weil sich nichts tut, drückt er fester und noch fester. Sein Wille geschieht nicht, und so muss Fliege selbst zur Pforte eilen. Drei schnelle Schritte, eine überfrorene Stelle, schwupp!, der Pfarrer landet auf dem Lederhosenboden. Immerhin: Er ist nicht auf den Mund gefallen. Er steht auf und sagt: "Was lehrt mich das? Ich muss heute gut auf mich aufpassen."

So ein Sturz lässt sich ja beliebig interpretieren. Soll Fliege sich nur schutzbefohlen in eigener Sache fühlen? Oder soll er seine Mission ruhen lassen und sich zu den Seinen gesellen, gewissermaßen als Pater inter pares?

Jürgen Fliege, 62, wird Letzteres nicht tun. In den Neunzigern war er der Fernsehpfarrer der Nation, ein Menschenflüsterer, dessen Wort vielen Zuschauern Wahrheit war. Andere, das muss man so sagen, waren furchtbar genervt, wenn sie ihn nur sahen; diesen Scheinwerferheiligen, von dem man glauben musste, er gurgele jeden Morgen mit einer Kappe Kuschelweich. Es muss einen Menschen verändern, wenn er maßlose Verehrung und strikte Ablehnung zugleich erfährt.

Wenn er Dankbarkeit spürt, weil er Bedürfnisse bedient, die sonst unbefriedigt blieben - und sei es auch nur das Gefühl, gehört und verstanden zu werden. Und wenn ihm andererseits jeder Respekt verwehrt wird, weil er verdächtig ist, sich zu bereichern an Kummer und Sorgen.

Einer wie Jürgen Fliege aber erträgt es auch nicht, wenn ihm auf einmal gar nichts mehr widerfährt. Als die ARD vor fünf Jahren seine tägliche Sendung absetzte, suchte sich Fliege schnell eine neue Bühne. Der Geistliche mit Geschäftssinn wurde zum Unternehmer.

Fliege ist heute Herausgeber der nach ihm benannten Zeitschrift und produziert eine nach ihm benannte Talkshow, die in einigen Regionalfenstern zu sehen ist. Er schickt Leute mit Fliege-Reisen in die Türkei und bittet sie um Spenden für die Stiftung Fliege. Er lässt Menschen in seiner Online-Kirche unter fliege.de virtuelle Kerzen anzünden und vermietet sich selbst als Coach, Referent, Seminarleiter. Kurzum: Er bietet Lebenshilfe aus erster und einer Hand an, geleistet von der Über-Ich-AG Jürgen Fliege.

Fliege sagt: "In den USA ist es gang und gäbe, mit Religion Geschäfte zu machen, mit Medizin wird doch auch ein Geschäft gemacht", und bei ihm kommt nun alles zusammen: der Glaube, die Medizin, das Geschäft. Leute kämen im Lokal aus zwei Gründen an seinen Tisch. Wenn sie ein Autogramm haben wollten - oder um ihm ihre Krankengeschichte zu erzählen. Weshalb sich ihm Fragen stellen: Warum kommen sie immer noch, die Menschen, und, vor allem: Was kann er ihnen anbieten?

Das Warum sieht Fliege im Versagen der Kirchen und "wo die Kirchen versagen, da wachsen die Sekten". Ein ICE am Tag verlasse die Kirche, sagt er: "1000 Leute. Daraus rekrutiere ich, ich bediene erlebbare Frömmigkeit, nicht geglaubte." Oder anders: "Esoterik ist eine riesige Macht."

Lesen sie auf der nächsten Seite über Flieges Kraft zu verführen und wie ein Pfarrer die zehn Gebote bricht.

"Bin ich Obama oder Hitler?"

Wo eine Macht ist, ist auch ein Markt, und diesen Markt sieht Fliege wachsen. Alles begann damals mit einer zart sprießenden Pflanze: "Ich bin der Entdecker von Aloe Vera. Die ganze Aloe-Vera-Kacke kam doch durch eine Fliege-Sendung auf", sagt Fliege. Jetzt soll die ganze Mangostan-Kacke durch seine Webseite aufkommen: Über einen Werbelink lässt sich der Fruchttrunk mit seiner angeblich wertvollen Konzentration von Xanthonen und Radikalfängern flaschenweise bestellen.

Den wertvollsten Keimling aber hat Fliege im Unterallgäu gesetzt, im Kneippkurort Bad Wörishofen. "Flieges Wörishofener Herbst" soll ein jährliches Festival der Spiritualität werden, ein "Fest für Körper, Geist und Seele." Flieges erstem Aufruf im vergangenen Jahr folgten immerhin schon 2000 Menschen, doch das Medieninteresse war verhalten, das Programm las sich wie ein Scherz: Treffen sich ein Komiker, eine Pfarrerin und ein Schamane ... Sie kamen aber wirklich nach Wörishofen, der Komödiant Eckart von Hirschhausen, die Pastorin Susanne Ohr, der Heiler Wolf-Dieter Storl.

Dieses Jahr soll alles größer, das Festival soll ausgebaut werden. Anselm Grün wird kommen, vielleicht auch Konstantin Wecker, ganz vielleicht Paulo Coelho, und wenn es richtig gut läuft sogar Yusuf Islam. Es geht Fliege um nicht weniger als ein "Davos in Wörishofen, ein Davos auf spiritueller Ebene" - das wird schwer, vielleicht ist es unmöglich: "Deutschland ist das schwierigste Missionsgebiet auf der ganzen Welt.

Das liegt daran, dass unsere Fähigkeit zum großen Gefühl vor zwei Generationen missbraucht wurde. Die Männer mussten für Adolf ihr Leben geben, die Frauen ihren Unterleib." Fliege glaubt, dass er das schaffen kann, das ganz große Gefühl, und wer könnte Fliege auch daran hindern? Nur Fliege selbst: "Jeder, der führen kann, kann auch verführen. Bin ich Obama oder Hitler? Wer schützt mich vor der dunklen Seite des Guten?"

Jetzt übertreibt er, klar, im Guten wie im Schlechten, das ist ja sein Trick.

Fliege sitzt in seinem Büro, auf dem Tisch vor ihm brennt eine Kerze, an der Wand dahinter hängt ein Kreuz, in der Ecke steht ein Schamanen-Schrein. Nach einem besonders markigen Spruch legt er die Hände in den Schoß, lächelt sanft und berauscht sich im Stillen ein bisschen an der Wirkung seiner Worte, in deren Nachhall sich Dichtung und Wahrheit überlagern. Viel später noch, wenn der Pfarrer am Gatter ruckelt, wird man sich fragen, wie und wie ernst sie nun gemeint war, die Sache mit Hitler, Obama und Fliege.

Sicher ist nur, dass das Böse durchaus zu Gast war im Leben von Jürgen Fliege: "Ich habe alle zehn Gebote gebrochen." Menschen hat er nicht gemordet, Fische durchaus. Die Ehe gebrochen? "Natürlich habe ich das. Die zehn Gebote sind Lebensstationen" - das gilt auch für einen Fuhrmann und Dorfgeistlichen, der in seinen Worten, Thesen und vielem mehr gewiss etwas extrem geraten ist.

Am Ende aber ist Fliege mehr Mensch, als ihm vielleicht lieb ist. Er praktiziert christliche Nächstenliebe - und ist sich dabei gelegentlich selbst der Nächste.

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SZ vom 18.03.2010/sewo/vs
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