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Jürgen Fliege: Glaube und Geschäft:"Bin ich Obama oder Hitler?"

Wo eine Macht ist, ist auch ein Markt, und diesen Markt sieht Fliege wachsen. Alles begann damals mit einer zart sprießenden Pflanze: "Ich bin der Entdecker von Aloe Vera. Die ganze Aloe-Vera-Kacke kam doch durch eine Fliege-Sendung auf", sagt Fliege. Jetzt soll die ganze Mangostan-Kacke durch seine Webseite aufkommen: Über einen Werbelink lässt sich der Fruchttrunk mit seiner angeblich wertvollen Konzentration von Xanthonen und Radikalfängern flaschenweise bestellen.

Den wertvollsten Keimling aber hat Fliege im Unterallgäu gesetzt, im Kneippkurort Bad Wörishofen. "Flieges Wörishofener Herbst" soll ein jährliches Festival der Spiritualität werden, ein "Fest für Körper, Geist und Seele." Flieges erstem Aufruf im vergangenen Jahr folgten immerhin schon 2000 Menschen, doch das Medieninteresse war verhalten, das Programm las sich wie ein Scherz: Treffen sich ein Komiker, eine Pfarrerin und ein Schamane ... Sie kamen aber wirklich nach Wörishofen, der Komödiant Eckart von Hirschhausen, die Pastorin Susanne Ohr, der Heiler Wolf-Dieter Storl.

Dieses Jahr soll alles größer, das Festival soll ausgebaut werden. Anselm Grün wird kommen, vielleicht auch Konstantin Wecker, ganz vielleicht Paulo Coelho, und wenn es richtig gut läuft sogar Yusuf Islam. Es geht Fliege um nicht weniger als ein "Davos in Wörishofen, ein Davos auf spiritueller Ebene" - das wird schwer, vielleicht ist es unmöglich: "Deutschland ist das schwierigste Missionsgebiet auf der ganzen Welt.

Das liegt daran, dass unsere Fähigkeit zum großen Gefühl vor zwei Generationen missbraucht wurde. Die Männer mussten für Adolf ihr Leben geben, die Frauen ihren Unterleib." Fliege glaubt, dass er das schaffen kann, das ganz große Gefühl, und wer könnte Fliege auch daran hindern? Nur Fliege selbst: "Jeder, der führen kann, kann auch verführen. Bin ich Obama oder Hitler? Wer schützt mich vor der dunklen Seite des Guten?"

Jetzt übertreibt er, klar, im Guten wie im Schlechten, das ist ja sein Trick.

Fliege sitzt in seinem Büro, auf dem Tisch vor ihm brennt eine Kerze, an der Wand dahinter hängt ein Kreuz, in der Ecke steht ein Schamanen-Schrein. Nach einem besonders markigen Spruch legt er die Hände in den Schoß, lächelt sanft und berauscht sich im Stillen ein bisschen an der Wirkung seiner Worte, in deren Nachhall sich Dichtung und Wahrheit überlagern. Viel später noch, wenn der Pfarrer am Gatter ruckelt, wird man sich fragen, wie und wie ernst sie nun gemeint war, die Sache mit Hitler, Obama und Fliege.

Sicher ist nur, dass das Böse durchaus zu Gast war im Leben von Jürgen Fliege: "Ich habe alle zehn Gebote gebrochen." Menschen hat er nicht gemordet, Fische durchaus. Die Ehe gebrochen? "Natürlich habe ich das. Die zehn Gebote sind Lebensstationen" - das gilt auch für einen Fuhrmann und Dorfgeistlichen, der in seinen Worten, Thesen und vielem mehr gewiss etwas extrem geraten ist.

Am Ende aber ist Fliege mehr Mensch, als ihm vielleicht lieb ist. Er praktiziert christliche Nächstenliebe - und ist sich dabei gelegentlich selbst der Nächste.