Dem Geheimnis auf der Spur:Kostbare Schnipsel

Dem Geheimnis auf der Spur: Als die Spekulationsblase platzte, wurde John Law in zeitgenössischen Satire-Bildern verhöhnt.

Als die Spekulationsblase platzte, wurde John Law in zeitgenössischen Satire-Bildern verhöhnt.

(Foto: mauritius images / Alamy / Prism)

Wie der Schotte John Law in Paris einmal märchenhaften Reichtum erzeugte mit Zetteln, die man Papiergeld nannte.

Von Josef Schnelle

"Man sieht 800 neue Kutschen in Paris, und die reich gewordenen Familien kaufen neues Tafelsilber, neue Möbel, neue Gewänder und eine neue Equipage, sodass hier ein gewaltiger Handel herrscht", schrieb Daniel Defoe über die außergewöhnlichen Zustände im so gut wie bankrotten Frankreich im September 1719. Mindestens 200 000 Menschen lockte der plötzliche Boom nach Paris, und sogar der neunjährige König Ludwig XV., den Philippe Duc d'Orléans als Regent forsch vertrat, frohlockte über den neuen Begriff des "Millionärs". Immer mehr von dieser neuen Kategorie Mensch residierte nun in Paris, wo kurz zuvor 1715 der verschwenderische "Sonnenkönig" Louis XIV. gestorben war und eine sagenhafte Staatsschuld von fast drei Milliarden Livres hinterlassen hatte. Allen Versuchen des Regenten, den drohenden Staatsbankrott abzuwenden, war nur wenig Erfolg beschieden.

Doch dann kam der Schotte John Law of Lauriston ins Spiel. Dem europaweit bekannten Spieler und Dandy, der in England nach einem Duell zum Tode verurteilt worden war, war durch Bestechung und unter Betäubung der Wachen die Flucht aus dem King's-Bench-Gefängnis gelungen. Er überzeugte seinen Freund d'Orléans von einer auf den ersten Blick genialen Idee: Je mehr Geld da ist, umso mehr brummt die Wirtschaft, wovon der Staat leicht mit profitiert. Das hatte Law schon 1705 in seinen "Betrachtungen über das Geld und den Handel einschließlich eines Vorschlages zur Geldbeschaffung für die Nation" ausgeführt. Nach seiner Flucht aus England war er mit dieser Idee erfolglos durch Europa von Spieltisch zu Spieltisch und von einem fürstlichen Hof zum anderen getingelt. Die Grundidee: raus aus der Münzgeldfalle von Gold und Silber, her mit einem ideell durch Grund und Boden gedeckten Papiergeld. In kleinem Umfang hatte es zwar schon vorher Papiergeld in Form von persönlichen Schuldverschreibungen gegeben, aber Law ließ rund um die Uhr Unmengen ordentlicher Banknoten drucken, nachdem ihm d'Orléans erlaubt hatte, eine "Banque Général" zu gründen, die 1718 zur mächtigen Staatsbank "Banque Royal" wurde.

"Doch die Bank ist nicht der einzige und größte meiner Einfälle. Ich werde ein Werk hervorbringen, das ganz Europa in Erstaunen versetzt", schrieb Law 1715 in einem Brief an den Regenten. Er versprach, jegliche Staatsschuld zu tilgen sowie unglaubliche Reichtümer aus den amerikanischen Besitztümern der Krone im Mississippi-Delta - damals halb Amerika - zu erwirtschaften. Dazu gründete Law die "Compagnie D'Occident", was zu einem schwunghaften Aktienhandel führte. Von anfangs 500 Livre stieg der Aktienwert in kürzester Zeit auf mehr als 9000. Law war auf einmal der reichste Mann der Welt. Doch die Spekulation auf märchenhafte Gewinne im sumpfigen Untergrund von Louisiana - so war ursprünglich die gesamte französische Kolonie Amerikas nach Louis XIV. benannt worden - erwies sich als Irrtum, wodurch das scheinbar austarierte Finanzsystem Laws alsbald zusammenbrach. Im Mai 1720 wurde das Land noch einmal mit Papiergeld überschwemmt. Doch als er den Wert der Aktien der Mississippi-Compagnie im gleichen Jahr auf nur noch 5000 halbierte, schwante den Menschen Übles. Allein auf ein Gerücht hin, dass wenigstens die Zehn-Livre-Noten in Münzgeld umgetauscht würden, versammelten sich 15 000 Menschen vor der Bank, schmissen die Scheiben ein und trampelten bei den mehrtägigen Krawallen Teilnehmer zu Tode, als der Tausch nicht geschah.

Vom Finanzgenie und Chef eines frühen Megakonzerns wurde Law über Nacht zum Sündenbock. Darauf jedoch hatte ihn sein Leben als Sohn eines Goldschmiedes in Edinburgh, der wie in seiner Branche üblich zugleich Geldverleiher war und ihm ein auskömmliches Erbe hinterließ, perfekt vorbereitet. Genau wie seine Triumphe als Bankhalter beim damals weitverbreiteten Faro-Kartenspiel, in dem er sämtliche Kunststücke beherrschte. Er sah Faro so sehr als seine eigentliche Profession an, dass er sogar eigene Spielmarken herstellen ließ. Am Spieltisch lernte er auch die Geheimnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung zu beherrschen und stets mit außerordentlicher Überzeugungskraft zu agieren. Haltlose Versprechungen klangen aus seinem Mund plötzlich wie geniale Visionen.

Seine Spielernatur verführte ihn aber schließlich zu grenzenlosem Hochmut. Hätte er nach der Erfindung des Papiergelds gegen die Nöte der französischen Krone einfach aufgehört, wäre er vielleicht als großer ökonomischer Visionär in die Geschichte des Geldes eingegangen. Doch seine "Zettel", die Reichtum bedeutet hatten, wurden 1721 einfach verbrannt. In einer Zeit, in der man an die Abschaffung des Bargelds zugunsten rein elektronischer Transaktionen denkt, ist er möglicherweise der Urahn der letzten Geheimnisse der Abstraktion Geld, das ja letztlich nur eine Idee in einem gigantischen Glücksspiel ist.

Wobei das vielleicht zu viel der Ehre ist für den so skrupellosen wie eleganten Taschenspieler, der er war. Law machte nach seinem tiefen Fall einfach weiter wie vor seiner denkwürdigen ersten Begegnung mit dem Duc d'Orléans. Er kehrte zurück an die Spieltische Europas, von denen die meisten und prächtigsten in Venedig standen. Immer noch galt er als ausgewiesener Finanzfachmann mit allerneuesten Ideen, und er hörte nicht auf, Philippe von Orléans neue Vorschläge zu machen, wie man die Staatsfinanzen - nun wieder mit Münzgeld - noch retten könne. Immerhin hatte die Inflation, die die kurze Blüte des Zettelgeldes ausgelöst hatte, die Staatsschulden doch um zwei Drittel reduziert. In Venedig umgab ihn bis zum Tod 1729 eine Entourage chronisch verzweifelter Verehrer, die hofften, an geheime Papiere aus seinen Glanzzeiten zu gelangen und zu begreifen, warum er sich so sicher war, sein neuer Handel mit Kunstwerken werde eines Tages ein profitabler Geschäftszweig werden. Sie spielten sein Spekulantenspiel Faro mit ihm in den Palästen der lebendigen Vision des steten Untergangs, die Venedig war und ist.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB