Dior-Designer Galliano Wandelnder Imageschaden

Der Dior-Designer John Galliano ist bei antisemitischen Tiraden gefilmt worden. Damit ist seine Karriere wohl besiegelt.

Von Tanja Rest

Das Video zeigt einen Mann an einem Bistrotisch. Oberlippenbärtchen, Jackenkragen pelzverbrämt, auf dem Kopf ein Militärkäppi, unter dem lange Strähnen hervorquellen. Der Mann spricht englisch. Er ist offensichtlich betrunken, die Zunge liegt ihm schwer im Mund. "Sind Sie blond?", fragt eine weibliche Stimme. "Nein, aber ich liebe Hitler." Entsetztes Damengekicher. Der Mann: "Leute wie Sie sollten tot sein. Ihre Mütter, Ihre Großeltern sollten alle verdammt vergast sein." Aus dem Gekicher wird Entrüstung: "Sie sollten so etwas nicht sagen! Haben Sie ein Problem?" Antwort: "Mit Ihnen. Sie sind hässlich."

Designer John Galliano beim Verlassen des Pariser Polizeireviers, wo er am Montag fünf Stunden lang verhört wurde. Der Vorwurf ist ernst: Rassismus und Antisemitismus.

(Foto: AP)

Bisher stand Aussage gegen Aussage. Ein nicht näher identifiziertes Paar hatte den Designer John Galliano beschuldigt, sie am Donnerstagabend in der Pariser Brasserie "La Perle" verbal attackiert und dabei rassistische und judenfeindliche Beschimpfungen ausgestoßen zu haben. Die Firma Christian Dior hatte Galliano daraufhin suspendiert - so lange, bis die Anschuldigungen geklärt seien, hieß es. Galliano, bei dem hinterher ein Blutalkoholwert von 1,1 Promille gemessen wurde, ließ über seinen Anwalt alles dementieren und erstattete Anzeige wegen Diffamierung. Die Modebranche hat auf die Vorwürfe gegen den 50-jährigen Briten bisher gar nicht oder nur mit Abwiegelungen reagiert: Wer wisse schon, wer den Streit wirklich angefangen habe und was dabei gesagt worden sei? Und: Habe Dior den Designer nach 14 Jahren nicht ohnehin loswerden wollen?

Nun hat die britische Boulevardzeitung The Sun ein im "La Perle" aufgenommenes Handyvideo veröffentlicht, das einen anderen Vorfall zeigt, auf dem aber eben dies zu sehen ist: Galliano, wie er im Suff Menschen verbal attackiert und dabei judenfeindliche Beschimpfungen ausstößt. Und dies ist nicht alles. Der Zeitung Le Parisien zufolge hat sich inzwischen eine Frau gemeldet, die angibt, bereits im Oktober 2010 Opfer einer antisemitischen Tirade Gallianos geworden zu sein, abermals im "La Perle". Sie sei nur deshalb nicht früher zur Polizei gegangen, weil sie die Ausfälle seiner Trunkenheit zugeschrieben habe.

Am Montag verbrachte Galliano fünf Stunden im Pariser Polizeirevier, wo es zu einer Gegenüberstellung mit dem Paar vom Donnerstagabend kam. Auch Augenzeugen wurden vernommen, die den beanstandeten Wortwechsel offenbar aber nicht bestätigen konnten.

Für John Galliano und das Haus Dior dürfte das Ergebnis dieser Untersuchung möglicherweise schon keine Rolle mehr spielen. Ein öffentliches Video, auf dem sich der Chefdesigner einen Hitler-Freund nennt, dieser Imageschaden ist schon jetzt kaum mehr gut zu machen. Man toleriere keinerlei Rassismus und Antisemitismus, hatte Dior-Chef Sidney Toledano am Freitag mitgeteilt. Seither hat sich die Lage noch zugespitzt. Dass sich aus dem Umfeld Gallianos nun auch Stimmen melden, die von einem schweren Alkoholproblem berichten, ist da nur noch das Tüpfelchen auf dem i.

Am Freitag zeigt Dior seine Prêt-à-Porter-Schau im Rodin-Museum, und mit einiger Sicherheit wird Galliano am Ende nicht auf den Laufsteg treten, um die Ovationen entgegenzunehmen. Der Designer Hedi Slimane wird bereits als Nachfolger gehandelt. Im Zweifelsfall ist die Marke immer größer als ihr Macher.

John Galliano

Der Paradiesvogel