Japans Kaiser Akihito Das Unerträgliche ertragen

Welche Bedeutung die Worte des Kaisers haben - auch wenn er nicht in Gummistiefeln vor Ort erscheint -, zeigt der Japan-Experte am Beispiel der Ansprache von Kaiser Hirohito, dem Vater des heutigen Tennos: Am 15. August 1945, es war der Tag der bedingungslosen Kapitulation Japans, appellierte Hirohito an sein Volk, "das Unerträgliche zu ertragen". Damals galt der Tenno noch als göttlich, als Nachfahre der Sonnengöttin Amaterasu-omikami, und es war das erste Mal, dass ein japanischer Kaiser zu seinen Untertanen sprach.

Wenig später erfolgte der Wandel vom Gott zum Menschen: Hirohito musste sich in seiner Neujahrsansprache von seiner göttlichen Abstammung distanzieren und erklären, dass seine Beziehung zum Volk nicht auf Mythen, sondern auf "Vertrauen und Zuneigung" beruhe. Akihito selbst vollzog diese Entmysthifizierung durch die Ehe mit Michiko, einer Bürgerlichen, die er beim Tennis kennengelernt hatte.

Heute besitzt der Kaiser keine politische Macht mehr: "Akihito, der auf einem riesigen Areal in Tokios Zentrum residiert, ist für das Volk praktisch unsichtbar", erklärt der Japan-Experte Vollmer. Darüber hinaus ist er auch nicht befugt, sich zu äußern, wie es ihm beliebt: Der kaiserliche Hof prüft jede Bemerkung, die den Palast verlässt.

Zwar verehren die Japaner den 77-Jährigen als Repräsentanten der ältesten Dynastie der Welt noch immer, und seine symbolische Bedeutung für das Volk ist immens. Dennoch hat sich der Kaiser aus aktuellen Dingen herauszuhalten. In der jetzigen Situation bedeutet das konkret: Erst musste sich die Regierung zur Lage im eigenen Land äußern, dann der Tenno.

Diese Voraussetzung, immerhin, war gegeben: Eifrig versuchte Japans Regierung, in Gestalt des Kabinetts-Chefsekretärs Yukio Edano auf allen TV-Kanälen seine Landsleute darüber zu informieren, wie sie mit der Katastrophe in Fukushima Daiichi (-1) umgeht. Leider bewirkte der Mann, der in seinem blauen Anzug wohl die Kompetenz eines Technikers vermitteln sollte, mit seinen Aussagen eher das Gegenteil. "Wenn die Japaner ihr Verhalten der Regierung anpassen würden, wäre längst Panik ausgebrochen", kommentierte Stephan Krug von der Umweltschutzorganisation Greenpeace die japanische Informationspolitik.

Vielleicht ist das der Grund, warum der Tenno so lange nicht zu seinem Volk sprach: dass seine tröstlichen Worte die Ratlosigkeit der Regierung nur noch deutlicher zutagetreten lassen.