Jamie Oliver Gesundes Ego

"Ich kann drei Dinge gut: Kochen, Reden, Stylen", sagt Jamie Oliver über sich selbst.

(Foto: Dominic Lipinski/picture alliance)

Der britische Koch Jamie Oliver ist längst nicht mehr nur der nette Kumpel mit dem Zitronenhuhn. Er kämpft gegen Fett und Zucker in Nahrungsmitteln - und gegen Theresa May.

Von Marten Rolff

Das Hauptquartier von Jamie Oliver erinnert eher an ein Filmset als an eine Firmenzentrale. Selbst Google, gern Vorreiter darin, einen Arbeitsplatz als Spielwiese zu organisieren, könnte hier noch lernen. Das entkernte Fabrikloft liegt im Londoner Stadtteil Islington, an der Bar plaudern Mitarbeiter beim Espresso, zum Mittag gibt es später für jeden Suppe mit Kürbis aus dem Garten des Chefs. Hinter dem Café öffnet sich eine Art gigantisches Wohnzimmer: Kelims, antike Clubsessel neben dänischen Mid-Century-Sofas. Durchs Bild laufen herzlich grüßende junge Frauen in Ethnokleidern. Und das einzige Bürozitat sind die Powerbooks, die wenige Menschen neben ihren Earl Greys aufgeklappt haben.

Es ist ein perfektes Abbild der hippen heilen Welt, die der bekannteste Koch des Planeten seit 20 Jahren so virtuos inszeniert. "Ich kann drei Dinge gut: Kochen, Reden, Stylen", sagt er über sich. Sein Markenkern ist er selbst: Kumpel, Sexsymbol, demonstrativ glücklicher Ehemann und fünffacher Familienvater, der zum Popstar wurde, weil er die Nahbarkeit in die Küche brachte.

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Es ist Mittwoch, beste Frühstückszeit, und obwohl es bis zum verabredeten Termin noch 30 Minuten sind, eilt Jamie Oliver dem Besucher in seinem Wohnküchenbüro bereits entgegen. Er trägt Jeans und rot-blaues Karohemd zur akkuraten Sturmfrisur, wie man ihn von Fotos kennt. Ein Gruß mit der Nussknackerrechten, dann stellt der Koch auch schon ein paar Kollegen vor und versichert, dass es bald losgeht. "Tee?"

Zur Heimeligkeit passt gar nicht, dass der Chef mit jedem Jahr politischer wird. Oliver ist ja nicht nur bekannt für Zitronenhuhn oder schnelle Pasta, sondern auch für medienwirksame Kampagnen, in denen er für gesunde Ernährung von Kindern eintritt. Der Ton seiner Aufklärungsarbeit hat sich deutlich verschärft: Sie sei "ein Mehrfrontenkrieg", so gibt er nun zu Protokoll. Gegen die Nahrungsmittelindustrie und ihre Lobby, gegen ignorante Regierungen, gegen Ungleichheit und die Macht schlechter Essgewohnheiten. Der Guardian urteilte gerade, die Wandlung vom Küchenbubi zum ernst zu nehmenden "Kreuzritter" der Ernährungspolitik sei endgültig vollzogen.

Bei 40 Prozent der Geschäftsideen habe er abgekackt, sagt Jamie Oliver

Doch Krieg und Kuscheligkeit schließen sich nicht aus, auch wenn man das im Zeitalter der Polarisierung leicht vergisst. Die effektivste Waffe - das kann man an einem Tag bei Jamie Oliver lernen - ist nicht hasserfülltes Auf-Trumpen, sondern Freundlichkeit, wo nötig: penetrante.

So lässt sich sogar ein Krieg ins Gegenteil verkehren. Er würde dann nicht mehr gegen Industrie, Lobby und Politik geführt, sondern mit. Jedenfalls ist Oliver erfolgreich dabei, mit Theresa May seinen vierten britischen Premier in Folge aufs Herzlichste zu zermürben. Auf sanften Druck des Kochs hin hat die Regierung ihren Aktionsplan gegen Fettleibigkeit bei Kindern gerade zum weltweit ehrgeizigsten Gesundheitsprogramm der Art ausgebaut, wie May stolz verkündete. Mehr als ein Drittel aller britischen Kinder sind bei Verlassen der Grundschule übergewichtig. In anderen westlichen Ländern sieht es ähnlich aus. Gerade hat eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung ergeben, dass Schulessen in Deutschland zu ungesund ist. Die Bundesregierung hat neue Zuschüsse für die Kantinen angekündigt, Großbritannien ist da weiter. Dort will man die Zahl der übergewichtigen Kinder bis 2030 halbieren.

Wie das zu schaffen sein soll?

Der Reihe nach. Es passiere gerade viel, eigentlich sei er müde, "es ging mir in letzter Zeit nicht gut", erklärt Jamie Oliver, als er sich dann zum Interview in einen Sessel fallen lässt. Es muss manchmal eine Last sein, dass man ihm das nicht ansieht. Auch kokettiert der Koch gern, er habe zwei Kilo zu viel, doch das Maß an Jamiehaftigkeit, das er seinen mittlerweile 43 Jahren mühelos abtrotzt, ist noch immer beachtlich.

Dass er müde ist, verwundert nicht. Angesichts des straffen Stundenplans seines Gastroimperiums mit mehr als 5000 Mitarbeitern, nach seiner Unternehmenskrise, von der noch die Rede sein wird. Bei 40 Prozent aller Geschäftsideen "habe ich abgekackt", so hat er das mal zusammengefasst, britische Zeitungen errechneten daraus angebliche Vermögensverluste von umgerechnet 100 Millionen Euro seit 2014. Angefasst wirkt der Gastgeber trotzdem nicht. Selbst der Höflichkeitsfrage nach dem neuen Buch "Jamie kocht Italien" begegnet er mit freundlicher Nüchternheit: "Reden wir nur über das, was Sie wirklich interessiert." Zuerst Politik also. Da spricht der Koch noch dringlicher, als er es ohnehin tut. Obwohl kaum eine Antwort unter 20 Sätzen lang ist, hört man ihm gerne zu. Weitschweifigkeit macht er durch Emphase wett, er klingt selbst dann nett, wenn er "fuck" ruft.

So umreißt Oliver binnen der ersten fünf Minuten einen Maßnahmenkatalog gegen Adipositas, der sich so ermutigend anhört wie die Aufgabe, Donald Trump für den Klimaschutz zu begeistern: Werbung für Süßigkeiten und Junkfood einschränken; Hersteller dazu bringen, versteckten Zucker aus Nahrungsmitteln wie Müsli oder Säften zu streichen; Gemeinden und Schulen stärker für Ernährung sensibilisieren, ja, am besten das Thema Kochen in den Lehrplänen aller G-20-Staaten verankern.

Einerseits: Wer würde da nicht sofort unterschreiben? Andererseits: Sind diese Ziele nur naiv oder schon größenwahnsinnig?

Es wäre ein Fehler, den Koch zu unterschätzen

Natürlich klinge das gewagt, antwortet er geduldig. Aber vor 20 Jahren habe auch keiner an ein Rauchverbot an öffentlichen Orten geglaubt. Für ihn seien das erst einmal einfache moralische Fragen. Sollten Kinder Produkte essen, die sie zu Diabetes- oder Leberpatienten machen? Sollte jemand daran verdienen dürfen, sie zur Zielgruppe solcher Produkte zu erziehen? Ist es gerecht, dass es Kinder aus armen Familien mehr als doppelt so oft trifft? "Natürlich nein? Aber wenn sich da alle so einig sind, wieso ändern wir es dann nicht?"

Tatsächlich wäre es ein Fehler, den Koch zu unterschätzen. Keine andere Stimme in der Branche weckt so viel Aufmerksamkeit. 24 Bücher hat er geschrieben. Sie sind berühmt für einfache, gute Rezepte und wurden in 36 Sprachen übersetzt. Insgesamt gibt es mehr als 40 Millionen verkaufte Exemplare. Unter britischen Autoren dürfte nur J. K. Rowling derzeit mehr Menschen erreichen. Dazu kommen Internetportale, Fernsehshows, Produktionsfirmen, Restaurantketten, Produktlinien, Werbedeals.

Mit seiner Kantinenkampagne hat Oliver der Regierung einst eine halbe Milliarde Pfund für gesünderes Schulessen aus dem Kreuz geleiert. Er hat Lokale gegründet, um sozial benachteiligte Jugendliche auszubilden. Er ist für TV-Dokumentationen durch die USA getourt, um ganzen Städten zu erklären, was Brokkoli ist und warum man den öfter essen sollte als frittierte Schokoriegel. Er hat mit Schülern, Eltern, Lehrern und Politikern gekocht, diskutiert und gestritten - und später schockiert erzählt, was für ein Knochenjob es sei, das Essverhalten der Menschen zu ändern. Nur, um dann trotzdem immer weiterzumachen.

Die Ernährungskampagnen, die "früher eher nebenbei" gelaufen seien, will er künftig mehr ins Zentrum des Unternehmens rücken. Das Team selbst ist überraschend klein. Fünf feste Mitarbeiter, unter ihnen eine Ärztin und ein Politikwissenschaftler, sowie einige Freiberufler, kümmern sich um die Kampagnen. Es geht darum, Netzwerke und Allianzen aufzubauen, von Universitäten oder Forschungseinrichtungen wie der British Heart Foundation Fakten zu sammeln, um mit so gut recherchierten Vorschlägen an Politiker und Firmen heranzutreten, dass diese nicht ablehnen können.

Oliver machte so viel Lärm um die Zuckersteuer, dass der Premier sich ihr nicht verweigern konnte

Er ist ein Meister darin, andere Menschen für sich einzunehmen. Den mächtigen ehemaligen New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg etwa, der auch für gesündere Ernährung kämpft und Oliver dabei unterstützte, in Großbritannien eine zehnprozentige sogenannte Zuckersteuer auf Softdrinks durchzusetzen. Oliver erzählt von seinem guten Zugang zu vielen Ministern: "Gegen Adipositas bei Kindern sind sie ja alle." Nur mit konkreten Taten sähe es schlecht aus. Premierminister "David Cameron hat die Idee einer Zuckersteuer gehasst". Doch der Koch hatte so viel Lärm gemacht, dass man sich der Steuer nicht mehr verweigern konnte, wie Finanzminister George Osborne anerkennend zugab. Wie sollen wir unseren Kindern später erklären, wir hätten handeln können, haben es aber nicht getan?, sagte Osborne in einer Rede.

Es erschwere den Kampf für besseres Essen, dass Politiker nur in Legislaturperioden denken und selten langfristig planten, stöhnt Oliver. Das kotze ihn an, "kommt ein neuer Premier, muss man bei null anfangen." Theresa May speckte den Aktionsplan gegen Übergewicht erst mal stark ab. Da wandte sich Olivers Team mit freundlichem Lächeln an ihre Gegner. An Labour-Chef Jeremy Corbyn. Und an die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon. "Der offene Brief, den alle unterschrieben, hat den Druck stark erhöht", sagt er. May musste den Aktionsplan wieder ausbauen.

Er habe dazugelernt, sagt Jamie Oliver. Zur Emanzipation gehörte auch der Beginn eines Studiums der Ernährungswissenschaften. Jeden Freitag kam für einige Stunden ein Professor. "Ein bezahlter Deal", den er wegen der Rettung seiner Firmen unterbrechen musste. Aber das Studium ist hilfreich, "ich war es einfach leid, vor CEOs oder Politikern wie ein Schüler ohne Hausaufgaben ins Stottern zu geraten."

Jamie der Underdog, der sich gegen die Mächtigen stemmt - auch das ist ein wiederkehrender Topos bei ihm. Ein "dicker, dummer Junge" aus einfacher Familie vom Land, wo die Eltern ein Pub führten. Ein Legastheniker, der Förderstunden brauchte, sich bis heute oft "nicht clever" fühlt und angeblich mit 38 sein erstes Buch las, "Die Tribute von Panem", geliehen von seiner Tochter. Diese Mischung aus rührender Offenheit und demonstrativem Understatement machte ihn sympathisch und berühmt, später eckte er damit auch an. Meint er das ernst? Dass er noch zu den "normalen Leuten" gehört? Nach 20 Jahren und mit einem geschätzten Privatvermögen von 150 Millionen Pfund? Will er geliebt werden oder ist das Imagepflege? Seine Frau postete kürzlich Bilder der neuen Villa in Hampstead auf Instagram. Kam nicht so gut an.

"Ich habe nie behauptet, ich sei einer von denen, die wenig haben", sagt Oliver. Wo man ihm Snobismus, Anbiederung oder Bevormundung vorhalte, würden solche Vorwürfe gern als Instrument benutzt. Von Politikern. Von Reportern, die sich in Problemvierteln vor Schulen stellten, um Müttern Fragen zu stellen wie: "Finden Sie es gut, dass der Chichi-Koch Ihren Kindern Pommes und Muffins verbietet?" Es gehe nicht darum, Essen zu verbieten, sagt er, sondern darum, die Manipulation von Menschen zu verhindern. Das sei seine Mission. Er will, dass seine Prominenz für etwas gut ist, dass sie nicht nur Fanaufläufe verursacht, sobald er einen Supermarkt betritt.

Ist dem Koch etwas wichtig, dann kann seine kräftige Hand schon mal auf den Unterarm eines Gegenübers wandern und zudrücken. Jetzt nicht unterbrechen, es geht um was, meint diese Geste. Und man stellt sich heimlich vor, ob er so auch bei David Cameron saß. Ob der taube Arm des Premiers irgendwann die Botschaft ZUCKERSTEUER JETZT SOFORT ans Hirn sandte.

Seine Restaurantkette stand fast vor dem Aus. Auch, weil er Trends verschlafen hatte

Das Image ist natürlich wichtig, bei Oliver besonders. Glaubwürdigkeit ist das größte Kapital eines Unternehmens, das ganz auf seine Person zugeschnitten ist. Er spricht deshalb immer weiter, ignoriert auch den Einwand seiner PR-Managerin, dass er schon eine halbe Stunde überzogen habe, ob man wirklich noch mal alle Firmenprobleme durchkauen müsse? Ganz unrecht hat sie nicht. Was er offenlegen wollte, hat er offengelegt. Zwölf der 49 "Jamie's Italian"-Filialen mussten schließen, die Firma hat sich von etwa 600 Mitarbeitern trennen und sich vom Gammelfleischärger eines Zulieferers distanzieren müssen. Oliver hat Artikel in Ich-Form zur Krise veröffentlicht. Über Millionen von Pfund, die er binnen Stunden organisierte, um Stellen zu retten. Sogar darüber, wie "ich im stillen Kämmerlein geweint habe", hat er geschrieben; auch Pathos ist eine Säule seines Erfolgs.

Die Gründe für die Krise waren teils hausgemacht - schlechte Mietverträge, Fehlentscheidungen, verschlafene Trends. Doch auch der Einbruch des Pfunds, die immer schärfere Konkurrenz und der abflauende Gastromarkt waren ein Problem. Der Konzern wurde seitdem gestrafft, sagt er, Kontrollen verstärkt, er hat seinen Schwager ins Management geholt. "Wir haben sicher Fehler gemacht, vielleicht bin ich manchmal zu nett gewesen, aber ich habe nie gelogen, das ist mir sehr wichtig", sagt er.

Nur so kann er Angriffe parieren. Die Vorwürfe wegen der Zusammenarbeit mit dem Supermarktriesen Sainsbury's etwa. Oder weil er für Land Rover gerade ein seltsames Barbecue-Mobil präsentiert hat. "Ein tolles Unternehmen!", ruft Oliver, "man wird mich in Zukunft noch viele Firmennamen nennen hören!" Es sei ganz einfach: Kampagnen kosten Geld. Und Veränderung ist nur mit der Wirtschaft möglich, nicht gegen sie. Unternehmen müssten lernen, mit gesunden Produkten Geld zu verdienen. Klüger, als McDonald's zu verdammen, sei es, den Burgerbrater für seine Fortschritte mit Bioprodukten und Salaten zu loben, findet er. "Ich bin Optimist, ich liebe die Vision, dass Coca-Cola in hundert Jahren der größte Gesundheitskonzern der Welt ist."

Als der Koch sich nach gut anderthalb Stunden endlich aus dem Sessel erhebt, wirkt seine PR-Assistentin deutlich erschöpfter als er. Knapp zehn Jahre sind seine ersten Zusammenstöße mit der Politik nun her. Oliver solle endlich mal aufhören, den Leuten ständig vorzuschreiben, was sie essen sollen, hatte Gesundheitsminister Andrew Lansley damals geätzt. An Lansley erinnert sich kaum einer. Bei Jamie Oliver kann man den Eindruck gewinnen, er fange gerade erst an.

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