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Jahresbilanz 2017:Immer weniger Deutsche spenden

16 12 2017 Spenden¸berweisung und Kugelschreiber Kuli Kugelschreiber ausf¸llen Spende Geldspe

Spendenüberweisung samt Kugelschreiber (Symbolbild)

(Foto: imago; Bearbeitung SZ)
  • Mit 5,2 Milliarden Euro haben die Deutschen im vergangenen Jahr wieder die dritthöchste Summe seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2005 gespendet.
  • Gleichzeitig sind immer weniger Menschen bereit, Geld an gemeinnützige oder kirchliche Organisationen zu überweisen.
  • Ein neuer Trend ist Crowdfunding.

Hier 25 Euro für bedrohte Tiere, dort 100 Euro für Waisenkinder in Nepal: Im vergangenen Jahr haben die Deutschen mit knapp 5,2 Milliarden Euro die drittgrößte Spendensumme seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2005 überwiesen, teilt der Deutsche Spendenrat mit.

Allerdings sind weniger Menschen bereit, überhaupt zu spenden. Etwa 21 Millionen Deutsche überwiesen Geld an gemeinnützige oder kirchliche Organisationen. Das sind mehr als eine Million Menschen weniger als im Vorjahr und so wenige wie noch nie zuvor. Vor allem in der Altersgruppe der 40- bis 49-Jährigen haben knapp 30 Prozent weniger Geld gespendet. Dafür geben ältere Menschen über 70 Jahre deutlich mehr und pro Jahr auch höhere Summen als alle anderen Altersgruppen. Obwohl sie nur knapp 20 Prozent der Bevölkerung stellen, sind sie für mehr als 40 Prozent der Spendeneinnahmen verantwortlich.

Die Zahlen stammen aus der "Bilanz des Helfens", einer Zusammenstellung von Daten, die die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) im Auftrag des Deutschen Spendenrates herausgibt. Die Forscher haben für ihre Studie 10 000 Personen befragt wie viel, wie oft und an welche Organisationen sie spenden.

Die Spendeneinnahmen sind insgesamt aber dennoch auf einem hohen Niveau geblieben, weil die Menschen, die sich engagieren, öfter spenden als noch im Jahr 2005. Waren es vor zwölf Jahren noch 4,3 "Spendenakte", wie die Forscher sagen, sind es, bezogen auf 2017, bereits 6,9 Spendenakte. Auch die Höhe der durchschnittlichen Spende hat sich in den vergangenen Jahren stetig nach oben entwickelt und hält sich mit durchschnittlich 35 Euro pro Spendenakt im Vergleich zum Vorjahr konstant.

Warum gerade die 40- bis 49-Jährigen beim Spenden zurückhaltend sind, kann der Deutsche Spendenrat nicht wissenschaftlich begründen. Aber er hat Vermutungen: "Diese Altersgruppe befindet sich in der Familienphase", sagt Daniela Geue, Geschäftsführerin des Deutschen Spendenrats. "Sie haben Kinder, müssen eventuell ein Haus abbezahlen oder sich um pflegebedürftige Eltern kümmern." Außerdem sei in dieser Altersgruppe die Angst vor Altersarmut besonders groß. Manuela Roßbach, Geschäftsführerin der "Aktion Deutschland Hilft", hofft, dass diese Spender in einer späteren Phase ihres Lebens erneut spenden möchten. Die Studie zeige, dass die Gruppe der Menschen älter als 70 die Hauptspender seien.

Einen neuen Trend, den der Spendenrat beobachtet, ist Crowdfunding - also das Geldsammeln durch Online-Aktionen. Dies sei besonders bei der Altersklasse von 30 bis 49 Jahren beliebt. "Crowdfunding ist keine klassische Form des Spendens, dafür kann über das Internet für einzelne Projekte Geld gegeben werden", sagt Geue. "Hier ergeben sich durch die Digitalisierung große Potenziale für Spenden sammelnde gemeinnützige Organisationen." Den Spendern sei Transparenz sehr wichtig. Sie wollten schnell und verständlich informiert werden, wohin ihr Geld fließt. Zur Transparenz gehöre entweder ein leicht nachvollziehbarer Jahresbericht oder eine gut verständliche Website, schließlich wolle sich kein potenzieller Spender erst durch Hunderte Seiten wühlen, um zu entscheiden, ob die Organisation seriös ist.

Gleichzeitig wird die Evaluierung durch spezielle Güte-Siegel den Menschen bei den vielen Angeboten im Charity-Bereich wichtiger, sagt Geue. Zu nennen ist hier etwa das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) in Berlin. In einem Spendenalmanach führt das Institut mehr als 200 vertrauenswürdige Organisationen auf. Aus den Kurzporträts geht zum Beispiel hervor, ob die Tätigkeit der Organisation von einer unabhängigen Stelle überprüft wird und wie hoch die Ausgaben für Werbung und Verwaltung sind.

Die Leute wollen heute mehr denn je wissen, woran sie sind. "Aber wenn sie einmal Vertrauen zu einer Organisation gefasst haben, dann spenden sie auch regelmäßiger", sagt Spendenrats-Geschäftsführerin Geue.

In Deutschland gibt es insgesamt mehr als 600 000 gemeinnützige Organisationen, von denen die allermeisten Spenden in Empfang nehmen. Eine wichtige Rolle spielen noch immer kirchlich-konfessionelle Organisationen, an die ein Großteil der Spendeneinnahmen in Deutschland geht. Darunter kann zum Beispiel eine Banküberweisung an Brot für die Welt fallen oder auch eine Gabe in der sonntäglichen Kollekte.

Der Großteil der Spenden ist für humanitäre Zwecke gedacht, also etwa für die Entwicklungshilfe, für die Bildungsarbeit, für die Kranken- und Behindertenhilfe, für die Kinder- und Jugendhilfe oder für kirchliche Projekte. Deutliche kleinere Posten sind Tierschutz, Umweltschutz, Sport sowie Kultur- und Denkmalpflege. Vor allem der Anteil der Spenden für die Not- und Katastrophenhilfe ist mit 35 Millionen Euro mehr als im Vorjahr wieder angestiegen.

In diesem Bereich schwankt das Spendenaufkommen erfahrungsgemäß besonders stark. Das wirkt sich häufig auch auf die Gesamtsumme der Spenden in einem Jahr aus. So haben die Flut an der Elbe im Jahr 2002, der Tsunami in Südostasien an Weihnachten 2004 oder die Ankunft zahlreicher Flüchtlinge im Spätsommer 2015 jeweils zu deutlichen Ausschlägen bei der Höhe der Spenden geführt. Allein aus Anlass der Elbeflut wurden damals in Deutschland 350 Millionen Euro gespendet, bei der Tsunami-Katastrophe kamen sogar 670 Millionen Euro zusammen.

Auch öffentlichkeitswirksame Aufrufe wirken sich aus. So hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Frühsommer zu Spenden für die von Dürre geplagten Länder in Ostafrika gemahnt, was dazu geführt hat, dass die Höhe der Spenden im Juni um 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist.

Etwa ein Drittel aller Spenden sind dem Spendenrat zufolge regelmäßige Zuwendungen oder Beiträge, die aus einer Fördermitgliedschaft resultieren. Der Rest sind einmalige Spenden. Das wichtigste Instrument, um potenzielle Geldgeber dazu zu animieren, ist offenbar ein persönlicher Brief. In der Erhebung für den Spendenrat gaben im Jahr 2017 fast 23 Prozent der Befragten an, dass dies den entscheidenden Anstoß für ihre Spende gegeben habe. Das Internet, andere Medien oder die Ansprache am Infostand waren demgegenüber deutlich weniger wichtig. "Das ist der Grund, warum unserer Vorsitzender jedes Jahr Anfang Dezember ein Schreiben verschickt und sich persönlich bei allen Förderern bedankt. ", erklärt Achim Wiese, der Pressesprecher der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), die zu einem erheblichen Teil auf Spenden angewiesen ist.

Rückläufig war auch das Spendenaufkommen für Flüchtlinge im In- und Ausland. Nur noch 403 Millionen Euro flossen in diesen Bereich - ein Rückgang von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Auch die Höhe der Einzelspende ist dabei gesunken. Wer spendete, tat dies aber wie bei anderen Zwecken mehrfach im Jahr.

© SZ.de/feko/liv

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