50 Jahre nach dem Medikamentenskandal Ich bin doch nicht deren Seelenklo!

sueddeutsche: Und als die mediale Aufmerksamkeit nachließ, war es mit der Hilfsbereitschaft vorbei?

Hudelmaier: Es gab zig Gespräche, in denen wir versucht haben, unsere Situation und Bedürfnisse zu schildern. Uns wurde dann jedoch schnell vermittelt, dass man sich eine finanzielle Unterstützung nicht in diesem Maße vorstelle. Zu allem Überfluss mussten wir uns auch noch von Vertretern der Unternehmerfamilie Wirtz anhören, wie schwierig es für sie gewesen sei, dass in der Familie früher nicht über den Skandal geredet werden durfte. Da hat man dann irgendwann genug: Ich bin doch nicht auch noch deren Seelenklo!

sueddeutsche.de: Im Juni hat der derzeitige Grünenthal-Chef, Harald Stock, in einem Interview angekündigt, den Härtefällen unter den Geschädigten bei akutem finanziellen Bedarf unkompliziert helfen zu wollen.

Hudelmaier: Blenderei! Damit geht Grünenthal hausieren: Wir helfen schnell, unkompliziert und unbürokratisch. Um noch einmal auf diese 50 Millionen Euro zurückzukommen: Das war ein einziger PR-Gag - und das Gleiche gilt für Herrn Stocks Aussage. Auch die Absichtserklärung, man wolle Projekte für Contergan-Geschädigte unterstützen: Wenn wir dann als Bundesverband fragen, was der Inhalt dieser Projekte sein soll, kommt nichts - null!

sueddeutsche.de: Also sind auf die Ankündigung noch keine Taten gefolgt?

Hudelmaier: Es gibt Betroffene, die wenden sich in ihrer Verzweiflung direkt an Grünenthal. Wenn jemand in Not ist, greift er nach dem letzten Strohhalm - und Geld stinkt nicht. Menschlich kann ich das absolut nachvollziehen. Als Vorsitzende des Bundesverbandes Contergangeschädigter sehe ich solche Alleingänge allerdings problematisch: Grünenthal brüstet sich dann, dass man doch etwas tue - dabei sind das immer nur Tropfen auf den heißen Stein. Das Hilfsangebot ist auch nicht transparent: Wie wird ein Härtefall definiert? Muss es mir da zu meinen kurzen Armen noch finanziell schlecht gehen? Oder reicht es, wenn ich lange Arme habe und es mir finanziell schlecht geht?

sueddeutsche.de: Fühlen Sie sich zumindest von der Bundesregierung ausreichend unterstützt?

Hudelmaier: 2009 gab es erstmals eine Verdoppelung der monatlichen Renten. Das klingt erst einmal toll - doch wenn man ins europäische Ausland schaut: Da ist die staatliche Unterstützung teilweise drei- bis viermal so hoch wie in Deutschland. Die Bundesregierung hat jetzt eine Untersuchung in Auftrag gegeben, um die Leistungen in anderen Ländern zu ermitteln. Von den Ergebnissen erhoffen wir uns sehr viel - wobei abzuwarten bleibt, wie die Regierung dann darauf reagiert.

sueddeutsche.de: Trotz der bekannten Nebenwirkungen wird der Contergan-Wirkstoff Thalidomid, der die embryonalen Schädigungen auslöst, heute wieder eingesetzt: beispielsweise in der Krebs-Therapie. Da klingeln bei Ihnen doch bestimmt alle Alarmglocken?

Hudelmaier: Das Klingeln ist schon wieder beendet. Das, was uns geschädigt hat - dass die Blutgefäße im Wachstum gehemmt werden - ist in der Krebstherapie hilfreich: Das Wachstum von Tumoren kann mithilfe von Thalidomid gestoppt werden. Anfangs konnte ich diesem Gedanken aus Abscheu nichts abgewinnen. Doch für Knochenkrebspatienten etwa können entsprechende Präparate der letzte Ausweg sein.

sueddeutsche.de: Sie versuchen also nicht, die Markteinführung entsprechender Medikamente zu verhindern?

Hudelmaier: Man muss sich als Contergangeschädigter überlegen: Rechtfertigt meine eigene Betroffenheit, dass ich einem anderen Menschen den letzten Strohhalm nehme? Wir als Bundesverband setzen uns mittlerweile für eine streng kontrollierte Einführung von Thalidomid-Präparaten ein: Es muss bei allen Vorteilen des Wirkstoffes ganz klar sein, was das für ein Teufelszeug ist.