70 Jahre Hermès Tuch der Tücher

Ein Must-have der 40er Jahre

Tuch, Tasche, Outfit - da wären noch die Schuhe: Schuhe von John Lobb, der traditionsreichen Firma, die seit 1973 auch zu Hermès gehört und die natürlich die besten Schuhe der Welt herstellt. Bleiben - last but not least - die Parfums: 1961 kam "Calèche" für die Dame, 1970 folgte "Equipage" für den Herrn - beide duften weltweit erfolgreich. So kann sich die Halstuch-Kundin bei Hermès Wünsche von Kopf bis Fuß erfüllen. Dabei sehen sich die Hersteller edler Produkte nicht als Luxusfabrikanten, sondern als Handwerker, die von Hand Spitzenprodukte herstellen. Hermès-Stücke sind nicht teuer, sie sind - es lebe der feine Unterschied - kostspielig, sagt die Firma, der Preis wird geprägt von Art und Design des Modells, der Verarbeitung, der Arbeitszeit, den Stoffen.

Mit sinnlichen Stoffen die Haut streicheln, das will die Firma, wie sie schwärmend annonciert. Sinnlich wirken sollen auch die kostbaren Seidentücher: Sie sind gar Thema einer empirischen Untersuchung über die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Frauen im Management geworden. In dieser Studie aus dem Jahr 1991 befassen sich die Autorinnen auch mit der Kleiderfrage im Hinblick darauf, ob sich Frauen ihr Frausein bis zu einem gewissen Grad abgewöhnen müssen, wenn sie Karriere machen wollen. Zitat: "Insgesamt fiel uns bei fast allen Interviewpartnerinnen auf, dass für Frauen hinsichtlich der Kleidung ein gleich hoher Uniformierungsgrad wie für Männer existiert.

Das sachliche Kostüm scheint als Pendant zum männlichen Anzug ein Muß zu sein. In den Farben herrschen blau, braun, grau und schwarz vor - zum Teil mit Nadelstreifen. Das weiße Oberhemd mit dem Schlips als Farbtupfer beim Manager wird bei der Frau durch die helle Bluse mit Seidentuch ersetzt. Dieses Tuch scheint einziger Ausdruck von individuellen Vorlieben in der Kleidung zu sein, hier sind alle Farben und Muster erlaubt." So stellen wir uns also eine karrierebewusste, finanziell gut ausgestattete Twentysomething vor, die zur Betonung ihrer Individualität ein Hermèstuch wählt. Damit wirkt sie im doppelten Sinn gut betucht. (Zusätzlich mag es sie bei ihrer Wahl noch bestärken, dass das Wort "betucht" vom jiddischen "betuch" stammt und ,,sicher, vertrauenswürdig'' bedeutet.)

Beständige Qualität garantiert die traditionell sorgfältige Herstellung der Carrés. Nach ganz bestimmten Kriterien werden die Seiden ausgesucht, Motiv und Farbgebung entschieden und der Druck ausgeführt. Nach verschiedenen Bearbeitungsprozessen und einem sorgfältigen Druckverfahren wird das fertige Tuch einer endgültigen Inspektion unterzogen. Dann gefaltet, in säurefreies Papier gewickelt und in die typische orangefarbene quadratische Schachtel verpackt. Alle Tücher sind natürlich handbedruckt, die Säume von Hand eingefasst, pro Jahr gibt es zwei Kollektionen, dazu kommen die Nachdrucke älterer Modelle. Das moderne Hermès-Tuch wiegt etwa 65 Gramm und wird aus besonders dichter Seide gewebt, -"la soie d'Hermès" heißt die Qualität im Fachjargon. Eines der berühmtesten Motive ist das "Bride de Gala"-Design, edles Zaumzeug, in pastellige Farben gebettet; erstmals 1970 produziert, über 70 000 Mal verkauft.

Und wie steht es mit Fälschungen der begehrten Objekte? Es gibt im Internet lange Instruktionen, die genau belegen, was echt ist. Zum Beispiel, wie das echte Calèche Logo von Hermès aussieht, wie die Signatur, wie das Größenverhältnis von Verpackungskarton und Tuch, wie die Schreibweise des accent d'aigu gehandhabt wird, oder dass auf den Original-Etiketten niemals der Schriftzug "Reine Seide/Seta" erscheint...

"Mir reicht es jetzt, dass mein Pferd besser angezogen ist als ich", soll vor Zeiten eine Hermès-Kundin moniert haben - doch längst ist die Firma vom Pferd auf Damen und Herren zu Pferd und ohne Pferd gekommen; Sättel werden übrigens weiterhin hergestellt. Man bedient auch junge modische Trendsetterinnen, die das traditionelle Seidentuch attraktiv finden, zu Jeans knallige und originelle Farben und Motive wählen. Außerdem scheint die Geschäftsphilosophie von Hermès sicher zu wissen, dass die Reichen nicht aussterben werden. Und die weniger Betuchten? Die können eine Menge reduzierter Angebote bei Ebay nutzen, mit genauen Angaben über Entstehungsjahr und Zustand der Tücher. Und es gibt solide Hermèstücher-Versandgeschäfte mit günstigen Offerten.

In diesem Jahr feiert das Carré 70. Geburtstag, dazu wird eine Jubiläumsausgabe in den Maßen 70 mal 70 cm präsentiert, aus knitterfester Seide, speziell konzipiert für Jugendliche und Reisende. "Bonne fête" also und "joyeux anniversaire": Im 70-mal-70-Seidenviereck für Kopf, Hals, Hüfte, Schulter, Taille und zärtliche Stunden feiert die Kundin mit! Übrigens: 2006 verzeichnete die Firma auf dem Sektor Seiden und Textilien einen Zuwachs von sieben Prozent mit einem starken Aufwärtstrend im vierten Quartal. Der Gesamtumsatz verteilte sich, wie es in distinguiertem Deutsch heißt, "harmonisch", auf die Märkte Asien, Amerika und Europa. Er betrug im vorigen Jahr 1510 Millionen Euro - wahrhaft schmeichelhaft fürs Firmen-Portemonnaie und -renommee. Die Tuchmacher aus Krefeld können zufrieden sein.