Italiener und Zigaretten L'amore è finito: Italien macht Schluss mit Rauchen

Rauchen - immer und überall: Das ist vorbei in Italien.

(Foto: dpa)

Niemand rauchte einst so leidenschaftlich wie die Italiener. Heute ist ihre Liebe zur Zigarette erkaltet. Wie konnte das nur passieren?

Von Thomas Steinfeld

Einer der berühmtesten italienischen Filme der Sechzigerjahre beginnt mit einer langen Autofahrt durch menschenleere Straßen. Der Ort ist Rom. Die Zeit ist Mitte August, genauer: Ferragosto, der heißeste Feiertag des Jahres. Der Mann in seinem offenen Cabriolet ist auf der Suche nach Zigaretten. Doch die Geschäfte sind geschlossen, die Bars verriegelt, in den tabacchi sind die Rollladen heruntergelassen. Ein jüngerer Mann (gespielt von Jean-Louis Trintignant) gesellt sich zu ihm. Er ist Nichtraucher, aber er begleitet Bruno Cortona (gespielt von Vittorio Gassman), auf seiner Fahndung.

Ein Drittel der Spielzeit von "Il Sorpasso" ("Verliebt in scharfe Kurven", 1962) ist schon vergangen, als Bruno endlich Zigaretten in Händen hält. Sie sind das Glück - und selbstverständlich keine "Nazionali", nicht die schwarzen Krautstengel des italienischen Arbeiters, sondern "Chesterfield", feine amerikanische Zigaretten, wie sie von Humphrey Bogart geraucht worden waren.

Über dem 20. Jahrhundert lag eine Wolke aus Tabakqualm. Kaum, dass man sich dann erinnerte, aber es wurde überall geraucht, nicht nur in Restaurants, in Fernsehstudios und in Wartesälen, sondern auch in den Zügen, in den Konferenzsälen und in den Betten, in den Fluren der Krankenhäuser und in den Toiletten der Schulen sowieso.

Über Italien muss diese Wolke dichter als über anderen Ländern gewesen sein. Dort gab es Romane, an deren Anfang Sätze stehen, die vermutlich schon in mittlerer Zukunft unverständlich sein werden: "Zwar weiß ich nicht, wie ich beginnen soll. Alle Zigaretten, die ich je geraucht habe, mögen mir beistehen. Sie glichen alle der einen, die ich hier in der Hand halte." Inmitten der grauen Schwaden vollzog sich, an und mit den kleinen glühenden Rollen, eine Choreografie der Selbstzuwendung und Selbstvergewisserung, der Annäherung und der Zurückweisung, der Konzentration und der Entspannung, von der man nicht zu sagen wüsste, was an ihre Stelle getreten wäre.

Um gar nicht erst anzufangen mit dem Trost und dem Beistand, die eine Zigarette gewährt - und mit jenem Roman, der angeblich aus dem (vergeblichen) Versuch des Erzählers entstand, sich das Rauchen abzugewöhnen: Es ist Italo Svevos "Zeno Cosini", erschienen im Jahr 1923 und eines der großen Bücher der klassischen Moderne.

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Italien fand spät zu den Zigaretten. Gewiss, es gab auch dort Wohlhabende und Weltläufige. Sie waren mit von der Partie, als man um das Jahr 1890 begann, fein geschnittenen Tabak in dünne Blätter Papier zu rollen und unter klingenden Namen wie "Macedonia" oder "Giubek" zu verkaufen. Der weitaus größte Teil der Bevölkerung, und das heißt: das Landvolk, rauchte nicht. Den Bauern fehlte das Geld, und wenn sie es dennoch taten, dann saugten sie an Zigarren, an nikotinreichen, meist halbierten "Toscani", wie sie in den Fünfzigerjahren noch Don Camillo rauchte, in sorgfältig abgemessenen und jeweils mehrere Tage auseinanderliegenden Rationen.

Mit dem Wohlstand kam die Leidenschaft für Zigaretten

Die Hinwendung zum Rauchen, die Industrialisierung und der langsam wachsende Wohlstand gehören zusammen: Erst um 1950 wurde in Italien so viel gequalmt, wie 250 Jahre zuvor in Großbritannien oder in den Niederlanden (knapp ein Kilogramm Tabak pro Kopf und Jahr) geraucht worden war. Aber als dann die Leidenschaft für Zigaretten das Land ergriff, nach dem Zweiten Weltkrieg, geriet sie heftiger als in jedem anderen europäischen Land. Mit solcher Inbrunst wurde geraucht, dass die Kampagnen wider das Rauchen in diesem Land, verglichen etwa mit Deutschland oder erst recht mit den Vereinigten Staaten, erst mit einer Verspätung von zwanzig oder dreißig Jahren zu fruchten begannen - in den Neunzigern.

Der amerikanische Historiker Carl Ipsen, ein Fachmann für die Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert, veröffentlichte vor Kurzem ein Buch über diese mediterrane Variante des Rauchens: "Fumo" heißt es es, "Rauch" oder "ich rauche" ("Italy's Love Affair with the Cigarette", Stanford University Press, 2016). Es entstand aus einem ungewöhnlichen Grund: Im Auftrag einer Anwaltskanzlei sollte er ein Gutachten in einem Gerichtsverfahren erstellen, das die Nachkommen eines italienischen Einwanderers angestrengt hatten, nachdem dieser an Lungenkrebs gestorben war. In Italien, so ihr Argument, habe es im Interesse der Tabakkonzerne an Aufklärung über die Risiken des Rauchens gefehlt.

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Ipsen wies nach, dass es nicht an Informationen fehlte. Er zeigte indessen auch, dass sich die schlechten Nachrichten in diesem Land lange Zeit nicht gegen einen allgegenwärtigen Kult des Rauchens behaupten konnten. Wie das geschah, mit welchen Mitteln und in welchen Marken, nach welchen Vorbildern und gemäß welchen wirtschaftlichen Interessen: Davon handelt dieses Buch. Die Nachkommen jenes Rauchers verloren das Verfahren.

Geraucht wurde immer und überall

Der Schauspieler Marcello Mastroianni rauchte unentwegt, im Film wie im Leben. Die Publizistin Oriana Fallaci verglich die Versuche, das Rauchen in der Öffentlichkeit zu verbieten, mit der Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten (sie starb an Lungenkrebs). Der Fernsehmoderator Gianfranco Funari ließ sich im Jahr 2008 (obwohl er das Rauchen aufgegeben hatte) mit drei Packungen Zigaretten und einem Feuerzeug begraben. Für den Schriftsteller Umberto Eco war das Schreiben so sehr mit dem Rauchen verbunden, dass er seine Zeitungskolumnen "La Bustina di Minerva" (auf Deutsch: "Streichholzbriefe") nannte, nach den Streichholzbriefchen der Marke "Minerva", deren weiße Innenklappe man für eine Notiz benutzen konnte.

Und Mina, bis heute eine der erfolgreichsten italienischen Sängerinnen überhaupt, verwandelte im Jahr 1966 einen amerikanischen Schlager in eine Hymne auf das Rauchen. "Fumoblu" heißt das Lied: "Blauer Rauch, blauer Rauch / Eine Wolke und darin du / Und dann, und dann, wenn ein Mann nach Rauch riecht / Aber ja, aber ja, dann ist er wirklich ein Mann / Und ich werde dich lieben, solange du willst / Weil du bist, wie du bist." Wo anders als in Italien (mit Ausnahme von Frankreich: Jean Gabin, Jean-Paul Sartre, Léo Ferré und "La Gitane") hätte eine so nutzlose, so flüchtige Tätigkeit eine solche kulturelle Kraft entfaltet?