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Kinderbetreuung:Italien streitet über Babysitter-Bonus für Großeltern

Inside coronavirus-hit small towns in northern Italy

Während der Corona-Beschränkungen wurden die Großeltern, nicht nur in Italien, schmerzlich vermisst. Hier eine Familienszene aus San Fiorano.

(Foto: Marzio Toniolo/via REUTERS)

Die italienische Regierung zahlt einen neuen Babysitter-Bonus auch an Großeltern. Fair, sagen die einen. Ungerecht, die anderen.

Vor einigen Jahren hat sich das italienische Parlament dafür entschieden, den "Großelterntag" aus den USA zu importieren - um die Rolle der Großeltern in der Familie und in der Gesellschaft zu würdigen, wie es damals hieß. Als es dann darum ging, ein passendes Datum dafür zu finden, fiel die Wahl auf den 2. Oktober, der schon als Schutzengeltag im Kalender steht. Und das mit Absicht. Denn dort, wo der italienische Sozialstaat nicht hinkommt, steht meistens ein Großelternteil parat. So auch in der Corona-Krise, zumindest nach den Lockerungen Anfang Mai. Seit diesem Zeitpunkt sind viele nonni, wie man auf Italienisch sagt, langsam zu einer ihrer wichtigsten Funktion zurückgekehrt: der Kinderbetreuung.

Nun hat die italienische Regierung weitere Maßnahmen erlassen, um die Corona-Krise zu bekämpfen. Dazu gehört auch der sogenannte Babysitter-Voucher, der als Rückerstattung für die Betreuungskosten dient. Das Besondere daran: Der einmalige Bonus im Wert von bis zu 1200 Euro (oder 2000 Euro bei systemrelevanten Berufen) gilt nicht nur für Babysitter und Ferienlager, sondern auch für Familienangehörige, die sich um die Kinder kümmern.

Das heißt also, der Bonus kann auch für Großeltern angewendet werden, die traditionell und natürlich umsonst auf die Enkelkinder aufpassen. Mit einer Ausnahme: Sie dürfen nicht in demselben Haushalt wohnen. Das Ganze wird über das Portal des Inps, des wichtigsten Sozialversicherungsträgers Italiens, reguliert. Sowohl die Familie als auch die Kinderbetreuer müssen sich dort registrieren, die Bezahlung erfolgt dann über die Plattform.

Krippenplätze sind rar

Wenig überraschend entflammte die Diskussion sofort in den sozialen Medien: Der Babysitter-Voucher wurde schnell zum "Großeltern-Voucher", selbst die Landwirtschaftsministerin kritisierte die Maßnahme - aus Angst, der Bonus könnte im Hinblick auf das Coronavirus die Gesundheit älterer Menschen gefährden, die lieber zu Hause als bei den Kindern bleiben sollten.

Der Ökonom Carlo Cottarelli, eine ständige Präsenz in den italienischen Politshows, meldete sich auf Twitter zu Wort: "Die Großeltern würden sowieso Zeit mit den Enkelkindern verbringen, und zwar aus emotionalen Gründen. Warum das Geld so verschwenden? Jetzt haben wir auch die Staatsgroßeltern", schrieb er - und erntete so viele Kommentare wie selten zuvor. Einige Nutzer fragten sich, warum die Regierung die Großeltern anstatt der jungen Menschen subventionieren sollte - "come sempre", wie immer also.

Und so öffnete sich schnell eine alte und nie geheilte Wunde der italienischen Gesellschaft: der Konflikt zwischen den Generationen, der in Krisenzeiten immer wieder auftaucht - vor allem dann, wenn das Geld und die Arbeit knapp sind. Und die Corona-Krise, wie viele Experten prognostizieren, wird vor allem junge Menschen beeinträchtigen, die schon davor von prekären Arbeitsbedingungen betroffen waren.

Fakt ist aber auch, dass Großeltern bei der Kinderbetreuung in Italien eine entscheidende Rolle spielen - nicht immer freiwillig, sondern wegen des knappen Angebots an Kitas und sonstigen Betreuungsmöglichkeiten, vor allem auf dem Land. Auch jetzt: Seit Ende Februar haben Kitas und Schulen in Italien geschlossen, eine Notfallbetreuung, etwa für Kinder von Pflegekräften, ist nicht vorgesehen. Der Corriere della Sera, Italiens meistgelesene Tageszeitung, sprach deshalb von dem Bonus als "eine schöne Neuheit", auf Twitter schrieb jemand: "Die Großeltern ersetzen den abwesenden Staat, und zwar kostenlos."

Tatsächlich bekommen nur 24 Prozent der unter Dreijährigen in Italien einen Krippenplatz, in Deutschland sind das laut Statistischem Bundesamt immerhin 34 Prozent. Natürlich ist das nur ein Mittelwert. In manchen Städten Süditaliens werden nur fünf Prozent der Kinder in einer Kita betreut, um den Rest kümmern sich die Mütter und manchmal Babysitterinnen - oder halt die Großeltern. Ohne vergütet zu werden, aber immerhin mit einem eigenen, wenn auch noch recht unbekannten, Gedenktag.

© SZ/moge
Mother with her newborn baby in the hospital

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