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Israel:Gebote und Verbote

Ultraorthodoxe gewinnen in Israel an Einfluss. Sie erheben Forderungen wie die Einführung der Geschlechtertrennung und Kleiderregeln für Frauen.

Freitagabend in Jerusalem: Vor einem Restaurant im Stadtteil Nahalat Shiva marschieren ein Dutzend Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und mit breitkrempigen Hüten auf: Sie fangen an zu singen - laut und falsch. Es ist kein Gesang, der erfreuen, sondern die Gäste von der Terrasse vertreiben soll. Die meisten reagieren genervt, genießen weiter die israelische Küche. Nach fünfzehn Minuten ziehen die Männer, Verwünschungen ausstoßend, wieder ab. Es waren auch schon mehr als hundert, die vor dem Restaurant ihre Störaktion durchgezogen hatten. Andere Lokale wurden mit Steinen beworfen.

Immer mehr Restaurantbetreiber in Jerusalem schließen ihre Lokale am Schabbat, weil sie diese Auseinandersetzungen satthaben. Die Charedim, wie sie auch bezeichnet werden, wollen durchsetzen, dass am Schabbat Ruhe herrscht - am liebsten im ganzen Land. Dass am jüdischen Ruhetag, der mit Sonnenuntergang am Freitag beginnt und bis Sonnenuntergang am Samstag dauert, in Israel keine öffentlichen Verkehrsmittel fahren, haben sie schon durchgesetzt. Es gibt auch nur wenige Geschäfte, die mit einer Ausnahmegenehmigung geöffnet haben dürfen.

Es gibt neuerdings Plakate, mit denen Frauen dazu aufgefordert werden, Badestrände zu meiden

Viele ultraorthodoxe Juden kämpfen nicht nur dafür, dass sie nach ihren eigenen Regeln leben können, sondern sie wollen auch den anderen ihren strengen Lebensstil aufzwingen. Die Charedim sind eine stark wachsende Bevölkerungsgruppe, sieben Kinder gebärt eine ultraorthodoxe Jüdin im Durchschnitt. Sie machen inzwischen mehr als eine Million der neun Millionen Einwohner aus. Ihre streng religiösen Männer wollen sich nur dem Thorastudium widmen und nicht zum Militärdienst. Ihre Kinder sollen nach eigenen, religiösen Vorstellungen erzogen werden. Viele lehnen sogar den Staat Israel ab, weil ihrer Ansicht nach nur der Messias einen jüdischen Staat errichten darf.

Wer als Jude streng religiös leben will, hat es nicht einfach: Es gilt nicht nur die Halacha, das gesetzliche System des Judentums, zu beachten. Das umfasst schon 613 Gebote. Allein am Schabbat sind 39 Tätigkeiten verboten. So darf man am Schabbat weder kochen noch arbeiten oder Auto fahren. Zusätzlich gibt es noch die Weisungen der Rabbiner für den Alltag, denen ultraorthodoxe Juden Folge zu leisten haben. Sie dürfen nur sogenannte koschere Handys benutzen, die keinen Zugang zum Internet haben und von denen nur bestimmte, von Rabbinern freigegebene Nummern gewählt werden können. Es gibt auch Vorschriften für die Tierhaltung: Mehr als ein Dutzend Rabbiner in Elad, einer Stadt nahe Tel Aviv, haben im Juni ein Edikt erlassen: Das Halten von Hunden sei "verflucht".

Pünktlich zur Ferienzeit haben Rabbiner außerdem Baderegeln aufgestellt, die wie Sicherheitsanweisungen klingen: "Stellen Sie sicher, dass der Pool ordentlich von einem Zaun in der Höhe von mindestens 1,10 Metern umgeben ist und über ein Tor verfügt, das nicht von Kindern geöffnet werden kann." Strände ohne Bademeister dürften nicht benutzt werden "und selbstverständlich keine, die nicht von Rabbinern freigegeben wurden".

Das geht manchen streng religiösen Juden aber immer noch nicht weit genug. Sie halten Badevergnügen für Frauen generell für moralisch nicht vertretbar - selbst wenn dies auf einem Strandabschnitt oder in einem Schwimmbad geschieht, wo nur Frauen Zutritt haben. In Bnei Brak, einer vor allem von Ultraorthodoxen bewohnten Stadt nahe Tel Aviv, hängen in diesem Sommer Plakate, auf denen Frauen und Mädchen aufgefordert werden, Strände zu vermeiden. Denn selbst an Badestellen, die nach Geschlechtern getrennt sind, gebe es "Männer, die sich vergnügen", wird gewarnt. Auch ein Schal über dem Badeanzug "löst das Problem nicht, denn ein nasser Badeanzug klebt am Körper und keine gottesfürchtige Frau würde sich so in der Öffentlichkeit sehen lassen".

Vergangenen Sommer kursierte ein Video im Netz, das zeigt, wie ultraorthodoxe Männer Frauen durch die Straßen von Bet Schemesch jagen. Die Frauen hatten es gewagt, in Shorts und mit Spaghettiträger-Shirts bekleidet vor die Haustür zu treten.

Der Transportminister würde gerne einen "jüdischen Gottesstaat" errichten

Erst kurz zuvor waren in dieser Stadt nahe Jerusalem, wo rund die Hälfte der Bevölkerung Ultraorthodoxe sind, Schilder abgenommen worden, auf denen Frauen Vorschriften erteilt wurden: wie sie sich zu kleiden haben und wo sie nicht gehen oder stehen dürfen. Vier Jahre lang kämpften fünf mutige orthodoxe Frauen dagegen. Nach einem Spruch des Obersten Gerichts mussten die Schilder entfernt werden - was wütende Demonstranten tagelang verhinderten. Bereits 2011 hatten Richter klargestellt, dass Frauen nicht gezwungen werden dürfen, in Bussen nur die hinteren Plätze einzunehmen. Allerdings ließen sie ein Schlupfloch offen, auf "freiwilliger Basis" dürfe eine Geschlechtertrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgen.

Geschlechtertrennungen gibt es immer häufiger in Israel - sei es bei der Armee, an Universitäten oder bei Veranstaltungen. Vergangenen Sonntag untersagte ein Gericht ein Konzert in einer öffentlichen Halle in Afula. Die Organisatoren hatten die Aufteilung des Zuschauerraums nach Geschlechtern vorbereitet. Die nächste Gerichtsinstanz hob das Urteil auf, das Konzert fand dann vor einem Publikum statt, das nach Geschlechtern getrennt wurde. Die erste Gerichtsentscheidung zum Konzert in Afula wurde zum Politikum: Der religiöse Transportminister Bezalel Smotrich von der Partei Vereinigte Rechte attackierte Premierminister Benjamin Netanjahu, weil er gegen die Gerichtsentscheidung nicht eingeschritten ist. Auch die beiden ultraorthodoxen Regierungsparteien Schas und Vereinigtes Thora-Judentum kritisierten den Premierminister scharf. Smotrich kündigte an, nach der Parlamentswahl am 17. September nur in eine Regierung einzutreten, "wenn Geschlechtertrennung bei öffentlichen Veranstaltungen erlaubt wird". Sein Ziel: Ein "jüdischer Gottesstaat". Und so wird die Wahl auch ein Votum darüber, ob der Einfluss der Ultraorthodoxen in Israel weiter zunimmt.

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