Intimchirurgie als Gesellschaftsphänomen In der Gesellschaft angekommen

Umsätze und Angebot der Intimchirurgen wachsen derweil. Die Zunft ist erfindungsreich. So erfindungsreich, wie die Vorstellungen, Ängste und Hoffnungen der Menschen mannigfaltig sind. Für immer neue Wünsche finden die Chirurgen Lösungen. Und schaffen zugleich immer neue Wünsche in einem Bereich, den Menschen früher einfach so nahmen, wie er war.

Mehr als 7000 Operationen im Intimbereich werden in Deutschland pro Jahr vorgenommen, Tendenz steigend, hat die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) soeben bekannt gegeben. Allein 5400 davon seien Korrekturen der Schamlippen. Dieser Eingriff sei "in der Mitte der Gesellschaft angekommen". Noch ist die Zahl mickrig im Vergleich zu den USA oder dem nach allen möglichen Schönheitsoperationen lechzenden Brasilien, wo die Intimchirurgie schon seit vielen Jahren im Trend liegt. In den USA wächst der Markt nach Angaben der Gaerid jährlich immer noch um 20 bis 30 Prozent.

Versetzung der Klitoris zum Lustgewinn

Auch in Deutschland also ließe sich mehr erreichen, sind Marwan Nuwayhid und seine Kollegen überzeugt. Dazu muss in den Menschen nur die Idee wachsen, dass mit ihrem Genital etwas nicht in Ordnung sein könnte. So wie das schon bei Prinzessin Marie Bonaparte der Fall war, die 1927 den ersten wissenschaftlich beschriebenen Versuch unternahm, die Lust durch einschneidende Methoden zu steigern.

Zeit ihres Lebens klagte die französische Psychoanalytikerin, Sigmund-Freud-Unterstützerin und Urgroßnichte Napoleons über sexuelle Unerfülltheit - und glaubte später durch Vermessung von 243 weiblichen Genitalien auch den Grund dafür gefunden zu haben: Der Abstand zwischen ihrer Vagina und ihrer Klitoris sei ungünstig, stellte Bonaparte fest und publizierte diese These unter ihrem Pseudonym A. E. Narjani auch in einer medizinischen Fachzeitschrift. Ein befreundeter Chirurg verlegte daraufhin ihre Klitoris. Doch auch nach einer weiteren Operation stellte sich der gewünschte Erfolg nicht ein.

Wäre ein Gang zum Psychiater für Leib und Seele nicht der gesündere Weg? "Die Zahl der psychisch gestörten Patientinnen, die diese Eingriffe nachfragen, würde ich eher als unterdurchschnittlich einstufen", sagt die Plastische Chirurgin Sigrid Hülsbergen-Krüger aus Hamburg. Allenfalls lassen sich Menschen mit einem geringen Selbstbewusstsein leichter von den Botschaften der Schönheitschirurgen beeinflussen. Sie wünschen sich solche Eingriffe häufiger als Frauen mit einem ausgeprägten Selbstwertgefühl, folgert die Wiener Gesundheitspsychologin Beate Wimmer-Puchinger aus einer kleinen Studie.

Im Foyer vor dem "Ballsaal USA" bei der Tagung in Leipzig wirbt die Meyer-Haake GmbH für "Kleben statt nähen oder klammern!", die angeblich "beste Erfindung, seit es Pflaster gibt". Einen Raum weiter, am Stand der Premiumedswiss, wird in Ermangelung eines freiwilligen Probanden am offenen Schnitzel operiert. Nebenan, bei Ellmann, hat man sich für die Hühnerbrust von Edeka entschieden. Das Fleisch wird hüben wie drüben mit Radiofrequenz geschnitten, es riecht nach Verbranntem. Auf einem Tisch liegen drei Silikonkissen, als wäre das hier ein riesiges Hütchenspiel. Ein Standbetreuer zeigt auf die aktuelle Ausgabe einer Regionalzeitung, in der die Gaerid-Tagung mit einem etwas blumigen Text angekündigt wird. Er schüttelt den Kopf und sagt: "Die bleiben immer an diesen Muschi-Artikeln hängen."

Den Männern geht es um die Optik

Dabei ist es längst nicht nur das weibliche Genital, in das Chirurgen ihre Skalpelle schieben. Männer sind inzwischen gute Kunden in den Praxen der Schönheitschirurgen, die wiederum den Begriff "Kunden" gar nicht lieben, sondern betont von "Patienten" sprechen. Jede sechste aller Schönheitsoperationen wird den aktuellen Zahlen der DGPRÄC zufolge an einem Mann vorgenommen. Penis-Korrekturen seien aber weiterhin ein "Randthema", so die DGPRÄC. Nur 150 Mal hätten die Mitglieder der Gesellschaft im ganzen Jahr 2011 am Penis operiert, die Entfernung der Vorhaut einmal nicht mitgezählt.

Kleingeschnippelt wird hier allerdings nicht. Größer oder dicker soll das männliche Geschlecht mit Hilfe der Skalpelle werden. Vielleicht um einen Zentimeter länger, maximal um drei. Mehr geht nicht. Dazu schneiden die Chirurgen ein Stück Bindegewebe in Penisnähe durch. Danach sieht größer aus, was in Wirklichkeit nicht größer ist. "Der Penisschaft verschwindet weniger in der Bauchdecke", erläutert Regina Wagner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie (DGÄPC). Und DGÄPC-Präsident Sven von Saldern betont: "Es wird nichts Funktionelles verändert." Soll heißen: Es geht nur um die Anmutung; mehr Potenz wird nicht dranoperiert.

Immerhin: Das Risiko für Komplikationen gilt in der Intimchirurgie als nicht besonders hoch. Das räumen auch Kritiker ein. Aber es ist wie bei jedem Eingriff gegeben - und damit, könnte man meinen, angesichts der meist nicht vorhandenen Notwendigkeit für Operationen im Intimbereich schlicht zu hoch. Schließlich wird in Gegenden geschnitten, wo die Durchblutung größer ist als etwa am Nasenbein und wo es naturgemäß mit der Hygiene schwieriger ist als an der Brust.

"Die Genitalregion ist von einem dichten Nervengeflecht durchzogen", ergänzt Klaus Friese, Direktor der Frauenkliniken der Universität München. "Jeder operative Eingriff beeinträchtigt diese Strukturen und irritiert die Nervenenden." Langfristig, so Friese, können die OP-Narben daher beträchtlich schmerzen; die Schamlippen können überempfindlich werden oder auch taub. Wie häufig das vorkommt, ist nicht bekannt, weil es keine zuverlässigen Register gibt, die für eine Qualitäts- und Risikokontrolle eigentlich nötig wären. Aber wenn es passiert, werden Sexleben und lange Fahrradtouren wohl eher nicht schöner werden.