Süddeutsche Zeitung

Interview mit Telefonsex-Anbieterin:"Mein allererster Anrufer hat aufgelegt"

Sie weiß, was Männer hören wollen: Seit zehn Jahren betreibt die Luxemburgerin "Phonebitch" eine Hotline für Telefonsex. Jetzt hat sie ein Buch mit ihren schrägsten Erlebnissen geschrieben. Im Gespräch erzählt sie, warum ihr erster Kunde nie wieder angerufen hat, wie man Gesprächspartner in der Leitung hält - und welche Wünsche Frauen haben.

Johanna Bruckner

Wahrscheinlich schüchtern und sicher sexuell frustriert. So stellt man sich den typischen Kunden einer Telefonsex-Hotline vor. Wer tatsächlich anruft, das weiß auch "Phonebitch" nicht. Die Luxemburgerin, die hinter diesem Pseudonym steckt, betreibt eine Leitung zum Lustgewinn. Die lustigsten Anrufer-Anekdoten veröffentlicht sie seit 2005 auf ihrem Blog, seit kurzem gibt es auch den passenden Sammelband: "Schmutzige Nummern". Ihr Buch werde in ihrer Heimat boykottiert, erzählt sie: "Ein Luxemburger tut sowas nicht." Dabei kann sie sich gut daran erinnern, dass sie auch schon aus ihrer Nachbarschaft angerufen wurde. Vielleicht hält "Phonebitch" auch deshalb ihren bürgerlichen Namen geheim und Interessierte mit Informationen kurz. Alter? Für ihre Kunden werde sie immer Mitte zwanzig bleiben. "In Wirklichkeit bin ich aber Mitte dreißig." Familienstand? In einer Beziehung, keine Kinder. Und was hat sie gelernt als erotische Einflüsterin? Ohne Vorbereitung geht nichts.

Süddeutsche.de: Wenn ich Sie auf Ihrer Hotline angerufen hätte, wie wäre ich dann begrüßt worden?

Phonebitch: Mit einem ganz normalen "hallo".

Süddeutsche.de: Und wie hätten Sie sich vorgestellt, klassisch als Chantal?

Phonebitch: Ich habe einen festen Namen, aber den möchte ich ungern nennen. Es gibt in Luxemburg nicht viele Anbieterinnen, die so heißen.

Süddeutsche.de: Ehrlich gesagt klingen Sie gar nicht wie jemand, der Telefonsex verkauft ...

Phonebitch: Jetzt spreche ich ja auch nicht mit meiner Hotline-Stimme.

Süddeutsche.de: Und die hört sich anders an, verführerischer?

Phonebitch: Ja, die hat natürlich einen sexuellen Touch. Und klingt erfahren. Das reicht meistens schon.

Süddeutsche.de: Wie kommt man auf die Idee, Telefonsex anzubieten?

Phonebitch: Ein extra Taschengeld hat ja jeder gerne. Ich war irgendwann mit Freunden unterwegs. Wir haben über das Thema Telefonsex gescherzt und ein Bekannter meinte zu mir: "Mit deiner Stimme könntest du das machen." Zufällig hat dieser Herr bei der Post gearbeitet und mir dann eine Hotline gelegt. Am Anfang gab es in Luxemburg nur eine Handvoll Frauen in dieser Sparte, mittlerweile sind es Hunderte. Besonders clevere Kolleginnen haben deshalb mehrere Servicenummern: eine für Telefonsex, und eine für Astrologie.

Süddeutsche.de: Ist es nicht ermüdend, acht Stunden am Tag in den Hörer zu hauchen?

Phonebitch: Ich habe einen ganz normalen Job, Telefonsex mache ich nur nebenberuflich. Wenn ich abends Zeit habe, gehe ich ran.

Süddeutsche.de: Können Sie sich noch an Ihren ersten Kunden erinnern?

Phonebitch: Oh ja! Mein allererster Anrufer hieß Bob. Der hat aufgelegt, weil ich viel zu nervös war. Ich bin damals davon ausgegangen, dass ich nett "hallo" sage und dann erzählen mir die Männer was. Aber plötzlich wurde ich gefragt: "Ja, und jetzt? Erzähl mal was!" Ich hatte nichts vorbereitet. Man muss den Kunden eine Geschichte spinnen, einfach nur rumzustöhnen, reicht nicht. Bob hat nie wieder angerufen.

"Vorspiel, Missionarsstellung, Oralverkehr und das Ende wie im Porno"

Süddeutsche.de: Ist es heute auch noch aufregend oder Routine?

Phonebitch: Es ist immer wieder dasselbe: Vorspiel, Missionarsstellung, Oralverkehr und das Ende wie in jedem Porno. Es gibt natürlich ein paar Freaks, Fußfetischisten und so. Wenn man denkt, man hat schon alles gehört, kommt doch wieder irgendein Knüller.

Süddeutsche.de: Und nach dem Höhepunkt: Bedanken sich die Männer?

Phonebitch: Sehr nette sagen: "Tschüss, bis zum nächsten Mal." Andere legen noch während des Orgasmus' auf.

Süddeutsche.de: Haben Sie viele Stammkunden?

Phonebitch: Mindestens zwanzig. Die rufen regelmäßig an, einmal die Woche, manche sogar täglich.

Süddeutsche.de: Stimmt das Klischee, dass manche Anrufer einfach jemandem zum Reden brauchen?

Phonebitch: Gerade auf die Stammkunden trifft das zu. Die erzählen mir von ihrer Familie, ihren Sorgen mit den Kindern. Für diese Männer ist der Anruf bei einer Sexhotline auch kein Betrug, die sind stolz auf sich, dass sie nicht zu einer Prostituierten gehen.

Süddeutsche.de: Welche Tricks verwenden Sie, um Männer in der Leitung zu halten?

Phonebitch: Ich stelle so viele Gegenfragen wie möglich: Was hast du gerne? Warum hast du das gerne? Ein Anruf bei mir kostet zwei Euro pro Minute. Davon bekomme ich 1,24 Euro, den Rest kriegt die Post. Man versucht natürlich, auf Zeit zu spielen. Mein persönlicher Rekord liegt bei zweieinhalb Stunden. Heutzutage wird allerdings nach einer halben Stunde die Leitung gekappt.

Süddeutsche.de: Kommt es vor, dass Kunden nochmal anrufen, um sich über die Abzocke zu beschweren?

Phonebitch: Ja, doch. Die können ganz schön gemein werden. Aber aus meiner Werbung gehen die Kosten klar hervor. Wer die überliest: Dumm gelaufen!

Süddeutsche.de: Haben Sie schon mal einen Mann aus der Leitung geworfen?

Phonebitch: Es gibt Schweine, denen legt man auf. Ich hatte mal einen Anrufer, der wollte, dass ich mich anhöre wie ein Kind. Das ist ein rotes Tuch für mich. Aber das ist einer unter tausend.

Süddeutsche.de: Jemals mit einer Frau telefoniert, also beruflich?

Phonebitch: Ein, zwei Lesben rufen schon an, ja. Die wollen genau dasselbe hören wie die Männer, nur ohne ein gewisses Stück. Es kommt auch vor, dass ich von wütenden Ehefrauen kontaktiert werde. Die haben das Handy ihres Gatten durchstöbert oder meine Nummer auf der Telefonrechnung gesehen. Dann werde ich auch mal beschimpft.

Süddeutsche.de: Sind Sie schon mal an der Supermarktschlange hochgeschreckt, weil Sie dachten, vor Ihnen steht einer Ihrer Kunden?

Phonebitch: Ab und zu denke ich: Die Stimme von dem Typen kennst du doch! Dann mache ich meine eigene automatisch dunkler, härter - damit ja nichts auffällt. Einmal habe ich mit einem meiner Nachbarn telefoniert. Während wir uns unterhalten haben, war im Hintergrund eine Sirene zu hören. Eine Minute später ist die Ambulanz bei mir am Fenster vorbeigefahren. Aber wer es war, weiß ich nicht. Zum Glück.

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