Interview mit Sexualwissenschaftler "Impotente gehören nicht in die Psychiatrie"

Der Frankfurter Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch über Homosexualität, die Liebe zu Tieren und Maschinen - und die Abwicklung seines Instituts.

Interview von Barbara Kerbel

Am Freitag wurde Volkmar Sigusch, 66, in den Ruhestand verabschiedet - sein Institut für Sexualwissenschaft wickelt die Universität Frankfurt gleich mit ab. In seinem letzten Interview spricht Sigusch über Befriedigung, Neosexualität und die Rolle der Sexualwissenschaft.

Viagra-Tablette: "Wer darunter leidet, impotent zu sein, gehört nicht in die Psychiatrie."

(Foto: Foto: dpa)

SZ: Herr Professor Sigusch, zu Ihrem Abschied schreiben die Zeitungen von der Zerstörung Ihres Lebenswerkes. War alles umsonst?

Sigusch: Nein, auf gar keinen Fall. Die Früchte unserer Arbeit sind ja da, zum Teil niedergeschlagen in Gesetzen wie dem Transsexuellengesetz. Mich macht nur sehr traurig, dass eine von rechts bis links gelobte Entwicklung einfach abreißt und man keine sexualwissenschaftliche Traditionsbildung zulässt.

SZ: Sex scheint dauernd verfügbar, trotzdem ist Sexualität für viele Menschen schwierig. Die sexuelle Revolution hat also nicht alle Probleme gelöst?

Sigusch: Nein. Es ist vor allem schwierig, Liebe zu stabilisieren. Und viele Menschen sind unbefriedigt! 95 Prozent der sexuellen Ereignisse finden in festen Beziehungen statt - und die 24 Prozent Singles müssen mit ein paar Prozent zurechtkommen. Gleichzeitig wird von den Medien und der Werbung vorgemacht, es könnte jeder Mann die tollsten Frauen haben. Das ist alles nicht die Realität!

SZ: In der Diskussion um Ihr Institut fällt oft das Stichwort "Psychiatrisierung". Ist die Sexualforschung in der Psychiatrie denn nicht gut aufgehoben?

Sigusch: Vor 100 Jahren hat die Psychiatrie viele Sexualitäten als Krankheiten definiert. Selbst Freud war überzeugt, dass Oralverkehr pervers ist. Die Medizin hatte die Theologie als Deutungsmacht abgelöst - früher galt Sex als sündhaft, dann als krank. Dann hat über Jahrzehnte eine Liberalisierung stattgefunden. Die Homosexualität ist das beste Beispiel. Während der Nazizeit kamen Homosexuelle ins KZ, bis 1969 war Homosexualität verboten. Heute dürfen Schwule und Lesben heiraten. Das ist für jemanden, der so lange dabei ist wie ich, sehr abenteuerlich. Das hat die Sexualwissenschaft mit angestoßen.

SZ: Apropos Homosexualität. In Berlin gibt es eine Initiative für ein Magnus-Hirschfeld-Institut zur Erforschung der Homosexualität. Was muss denn an Homosexualität noch erforscht werden?

Sigusch: Die Homosexualitätsforschung ist eher der Ausgangspunkt, sie hat die längste Tradition. Hirschfelds Institut wurde 1933 von den Nazis zerstört. Homosexualität ist heute weitgehend normalisiert, wirklich wichtig ist es, Neosexualitäten und neue Suchtformen zu untersuchen.

SZ: Neosexualitäten?

Sigusch: Die neuen Formen der Sexualität. Zum Beispiel Asexualität - Menschen organisieren sich, die sagen, sie haben gar kein Verlangen. Da muss man der Frage nachgehen, ob die Sexualität beginnt, in der alten Form zu verschwinden. Dann gibt es die so genannten Objektophilen: Menschen, die sich in tote Objekte verlieben, in ein Schiff, ein Hochhaus oder eine Maschine.

SZ: Was gibt es noch?

Sigusch: Menschen, die ich Kultursodomiten nenne - Menschen, die mit einem Tier leben. Für sie ist die Katze oder der Hund das Wichtigste auf der Welt. Juristen sind heute mit der Frage befasst, wie man es abwickelt, wenn ein Millionär alles Geld seinem Hund vererbt.

SZ: Und solche Phänomene kann die soziologische Sexualwissenschaft besser untersuchen als die Psychiatrie?

Sigusch: Absolut. Die Psychiatrie ist nach wie vor nicht geöffnet gegenüber den sexuellen Problemen und Konflikten. Es gibt in der Universitätspsychiatrie keinen einzigen Fachmann für sexuelle Störungen. Und das gehört da auch nicht hin! Wer darunter leidet, impotent zu sein, gehört nicht in die Psychiatrie.

SZ: Muss Sexualwissenschaft demnach mehr sein als Therapie?

Sigusch: Das ist genau meine Auffassung. Sie muss mehr sein als Medizin - sie muss offen sein für die Kultur, muss neue gesellschaftliche Entwicklungen wahrnehmen und beforschen.

SZ: Ist umgekehrt die Kultur, also die Gesellschaft, nicht mehr offen für die Sexualwissenschaft? Weil man glaubt, alles schon gehört und gesehen zu haben?

Sigusch: Da ist sehr viel dran. In dem Sinn, dass die liberalen Leute sagen, es ist doch jetzt alles erlaubt, jeder kann alles machen. Dabei gibt es so viele neue Formen der Sexualität, zum Beispiel auch im Bereich des Sadomasochismus, auch davon könnte ich lange reden...

SZ: Niemand kann also von sich behaupten, er kenne alles.

Sigusch: Es stellen sich ständig neue Probleme, die oft auch neue Gesetze erfordern. Denken Sie doch nur einmal an Kinderpornographie im Internet. Wir haben momentan die heikle Rechtssituation, dass der Besitz solcher Bilder strafbar ist. Die Forschung auf diesem Gebiet fehlt völlig. Die Politik muss es aber doch fertig bringen, diejenigen Leute zu finden, die Kinderpornographie herstellen und vertreiben. Da braucht es Fachleute, die dann auch den Finger in die Wunde legen, wenn es politisch heuchlerisch wird.

SZ: Das ist die Aufgabe der Sexualwissenschaft?

Sigusch: Ja. Das beste Beispiel dafür, wie viel sich entwickelt, ist das Internet. Es gibt inzwischen eine sexuelle Süchtigkeit, die mit den Darbietungen von sexuellen Darstellungen im Internet zu tun hat. Eine ganz neue Form der sexuellen Sucht. Und dann kommt man zu dem Schluss, man braucht unser Fach nicht. Als ob die Sexualität plötzlich aufhört.

SZ: Verschließt die Gesellschaft den Blick vor den neuen Entwicklungen?

Sigusch: Das könnte sein. Heute herrscht nicht mehr eine solche politische Aufbruchstimmung wie in den 60er und 70er Jahren. Gibt es die Frauenbewegung eigentlich noch?

SZ: Braucht es denn eine neue Bewegung?

Sigusch: Bei einigen Problemen ja. Übrigens auch bezogen auf die Homosexuellen. Ich finde es sehr ungerecht, dass sie jetzt zwar heiraten dürfen, jeder geldwerte Vorteil aber ausgeschlossen ist. Das ist doch eine Frechheit.

SZ: Wer kann die Lücke füllen, die das Frankfurter Institut hinterlässt?

Sigusch: Es gibt nur noch das Institut in Hamburg, das zur Psychiatrie gehört, aber immerhin selbstständig ist. An der Berliner Charité gibt es ein kleines medizinisches Institut, das aber Positionen vertritt, die ich nicht teile. Und in Kiel gibt es eine kleine Forschungs- und Beratungsstelle. Alles in der Hand der Medizin. Die Sozialwissenschaft ist raus.