Internetschule in Bochum Lernen mit Smiley

Weil sie das Mobbing ihrer Klassenkameraden nicht mehr aushielt, geht Katja seit Monaten nicht mehr ins Gymnasium. Unterrichtet wird sie jetzt zu Hause, von den Lehrern an Deutschlands einziger Internet-Schule. Für viele Jugendliche ist es die letzte Chance auf einen Schulabschluss. Ein Besuch im wohl kleinsten Klassenzimmer der Republik.

Von Lena Jakat, Bochum

Lehrerin Julia Wirth unterrichtet per Webcam.

(Foto: Lena Jakat)

Katja starrt in die Kamera ihres Laptops, beißt sich auf die Unterlippe. "Mhm. Ja." Sie hat verstanden, wie das funktioniert mit der Chromosomteilung. Vor einem anderen Laptop hält die Lehrerin Julia Wirth einen Bogen Papier in die Webcam. Mit grünem und rotem Filzstift hat sie Kreise und Xe darauf gemalt. Meiose und Mitose. Katja nickt aus Wirths Bildschirm. Die 16-Jährige sitzt in einem Bauernhaus im Ruhrgebiet etwa 40 Kilometer von ihrer Lehrerin entfernt. Doch das spielt keine Rolle, genauso gut könnte sie dort sein, in China, oder in Ungarn wie einige ihre Mitschüler. Es ist Montag, 8.15 Uhr. An der Internetschule in Bochum hat gerade der Unterricht begonnen.

62 Kinder und Jugendliche bereitet die Web-Individualschule auf den Schulabschluss vor. Aber die meisten von ihnen haben den geklinkerten Flachbau hinter dem Bochumer Hauptbahnhof noch nie betreten. Mit dem Comic-Hund an der Fassade und den hellen Fenstern, die Freundlichkeit in den regentrüben Morgen strahlen, erinnert das Gebäude eher an eine Kita. Die fünf Lehrer der Web-Individualschule unterrichten ihre Schüler via Skype, vor allem per Videochat, aber auch per Kurznachricht oder Facebook. Das Unterrichtsmaterial wird gemailt oder ganz altmodisch mit der Post geschickt. Es gibt keine festen Lehrpläne, die Stundenpläne werden von Lehrern, Schülern und Erziehungsberechtigten gemeinsam ausgearbeitet. Manche Schüler lernen eine Stunde am Tag, manche vier, manche unregelmäßig. Es ist eine besondere Schule für Schüler in besonderen Situationen.

Unter der transparenten Schreibtischunterlage in Julia Wirths Büro klemmen bunte Stundenpläne. Katja ist jeden Tag von 8.15 Uhr bis 13 Uhr online. Die Lehrerin blättert im Biologiebuch und blickt wieder in die Kamera. "Also, auf dieser Seite könntest du die Aufgaben 1 und 2 machen - und die 3, wenn du Lust hast." Katja nickt. "Und melde dich, wenn du Fragen hast, ja?" Das Mädchen mit den langen blonden Haaren wirkt wissbegierig, ehrgeizig.

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Noch vor einem halben Jahr ging sie auf ein normales Gymnasium. Doch dann wurde der Hass der anderen zu viel. Katja wurde gemobbt, so lange, bis sie es nicht mehr aushielt. Bis sie aufhörte, zur Schule zu gehen. Die Mobbing-Erfahrung teilt Katja mit einigen ihrer Mitschüler. Andere sind durch einen Amoklauf in ihrer Schule traumatisiert, wieder andere sind jugendliche Straftäter, die sich jeder Regelschule verweigert haben. Gefährdete Kinder, die vom Jugendamt bei Gastfamilien im Ausland untergebracht wurde. Jugendliche, deren seelische oder körperliche Krankheit es ihnen ummöglich macht, in einem Klassenzimmer zu sitzen, und die sich morgens mit dem Laptop auf den Knien aus dem Krankenhaus melden.

Zwar verfügen inzwischen 99 Prozent aller Schulen in Deutschland über Computer, doch sind an Sekundarschulen nur drei Viertel von ihnen online, an Grundschulen noch nicht einmal die Hälfte. Oft stehen die Rechner noch immer in einem speziellen Medienraum. "Der damit verbundene Organisationsaufwand schreckt viele ab. Das ist ein echtes Hemmnis", sagt der Medienpädagoge Horst Niesyto von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. "Dabei ist das eigentlich eine Geschichte von vorgestern. Was man bräuchte, sind mobile Lösungen: Medienwagen mit Laptops für die ganze Klasse. Schließlich dominieren mobile Geräte längst unseren Alltag." Immerhin 57 Prozent der Lehrer gehen zwar schon mal während der Schulstunden online. Doch über den Erwerb technischer Kompetenzen hinaus wird dem Lernen am Computer und im Netz kaum Bedeutung beigemessen. Zwar gibt es immer wieder Ausnahmen, aber insgesamt ist das deutsche Schulsystem internettechnisches Brach- um nicht zu sagen: Neuland.

Internet als Grundbedingung von Schule

Für die Bochumer Webschule dagegen, wo die Lehrer vor mit Aufklebern verzierten Notebooks statt vor Tafeln unterrichten, ist das Netz Grundbedingung für Schule. "Die Technik ist ein totaler Anreiz für unsere Schüler", sagt Sarah Lichtenberger. Die große blonde Frau mit der strengen Frisur und dem eleganten Auftreten - brauner, hellblau abgesetzter Blazer, passende Stiefeletten - leitet die Webschule. "Die finden das super, am Rechner zu lernen. Bis sie merken, dass es Schule ist, die da aus dem Computer kommt." Lichtenberger lacht. Überhaupt wird sehr viel gelacht hier in Bochum.

Diesen letzten Satz seiner Direktorin würde Linus wohl nicht recht verstehen. Der Achtjährige trägt einen Pulli, der aussieht wie eine Seite aus dem Lustigen Taschenbuch und sitzt gerade im rheinischem Meckenheim vor dem Rechner. Er ist Asperger-Autist. Mit Zwischentönen und Ironie weiß der rotblonde Junge ebenso wenig anzufangen wie mit dem Sozialgefüge einer Schulklasse. Wenn er sich im Unterricht unverstanden fühlte, fing er an zu schreien, versetzte so die ganze Klasse in Aufruhr. Seit einigen Monaten wird er in der Webschule unterrichtet. Und sitzt immer schon eine Viertelstunde vor Unterrichtsbeginn vor dem Rechner.