Süddeutsche Zeitung

50 Jahre Internet:Warum Hunde die neuen Katzen sind

In unserer schnelllebigen Welt war wenigstens auf eines Verlass: Cat-Content geht immer. Aber selbst das ist vorbei. Das Internet hat sich in eine Hundewiese verwandelt.

An diesem Dienstag feiert das Internet wieder einen seiner Geburtstage. Der Plural ist deswegen richtig, weil es mehrere dieser Tage gibt. Am 29. Oktober vor 50 Jahren jedenfalls gelang ein allererster Datenaustausch zwischen Computern in Los Angeles und San Francisco, damals noch in einem Vorläufer des Internets, im Arpanet. Überflüssig zu sagen, dass sich seitdem fast alle Lebensbereiche grundlegend verändert haben. Was aber doch erstaunlich ist: Die Katze als Internet-Maskottchen, die womöglich verlässlichste Konstante dieses neuen Zeitalters, ist inzwischen abgelöst - durch den Hund.

Was ist da passiert? Und was hat das mit uns Nutzern zu tun?

Dass das Netz auf den Hund kommen würde, galt sehr lange als sehr unwahrscheinlich. Das Internet war einfach ein Katzen-Ort. Katzen wurden gefilmt, fotografiert, die Videos und Bilder verschickt, in Memes verwandelt, also in Bildchen mit ironischen Aphorismen, in Posteingänge, Timelines und Foren gespült, angeschaut, weitergeleitet. 56 Millionen Menschen schauten sich alleine das Video einer Keyboard spielenden Katze namens Fatso an: "Keyboard Cat".

Es gab (und gibt) auf der ganzen Welt Katzenvideo-Filmfestivals, eine jährliche "CatCon", also Katzeninhalte-Convention in Pasadena, Kalifornien, den Brauch des Caturdays (man traktiere samstäglich Mitmenschen mit Katzenbildern und -videos) und eine Netz-Katzensprache, die man "Lolcat" nennt ("I Can Has Cheezburger?", Kann ich Cheeseburger haben?). 2016 fand dann auch noch eine Cat-Content-Kunstausstellung statt, in New York.

Es gibt neben "Keyboard Cat" unter anderem: "Nyan Cat" (eine Katze in trashiger Videospieloptik), "Lil Bub" (eine Katze mit heraushängender Zunge), Katzen, die ihre Besitzer grundlos anspringen, die einem Laserpointer nachjagen, auf dem Staubsaugerroboter durch die Wohnung surfen. Nicht zu vergessen: "Grumpy Cat", die Grantler-Katze, das vielleicht Beste, was katzenmäßig jemals durchs Netz geisterte.

Befragt danach, was ihn am Internet am meisten überrascht hat, antwortete Tim Berners-Lee, britischer Physiker, Informatiker und Miterfinder des World Wide Web: "Kittens", Kätzchen.

Sogar eine Katzeninhalte-Forschungsszene hat sich an diversen US-Universitäten etabliert. Eine Vertreterin dieser Szene heißt Elyse Graham, sie forscht im Bundesstaat New York an der Stony Brook Universität zu Internetkultur und hat gerade die womöglich - so raunen es Kollegen - Katzeninhalte-Monografie schlechthin fertiggestellt. Wer mit Graham spricht, sieht sofort ein: Theorien über Katzen-Content sind Theorien über uns.

Graham sagt am Telefon: "Die Katze, wie jedes gute Symbol, hat gleich mehrere Ebenen." Und eine davon hat massiv mit der Gegenkultur zu tun, die das öffentliche Internet in seiner Frühphase verkörperte. Das Internet in den frühen Neunzigerjahren, sagt Graham, sei wild, anarchisch und extrem dadaistisch gewesen. Graham benutzt auch die Wörter "pointless" und "silly", was man mit zwecklos und doof - "für die Katz" - übersetzen kann und was einen sofort an den eher analogen, aber nicht weniger dadaistischen Helge-Schneider-Nonsens denken lässt ("Katzeklo").

Grahams Forschung zufolge fing es Anfang der Neunziger im Usenet an, einem Diskussionsforum aus der Internet-Steinzeit. Dort kaperte eine Horde von Nutzern ein Katzenliebhaberforum, um sich dann bald selbst gegenseitig jede Menge Katzenvideos zuzuschicken.

Das Netzmaskottchen war gefunden, das "Totemtier des Internets" (Washington Post): nonkonformistisch, selbstbestimmt, anarchisch, unkontrollierbar. Einerseits, sagt Graham, sei das ein Witz gewesen, haha, wir schauen uns Katzenvideos an. Andererseits war es aber auch ein Bekenntnis. Ein bewusst sinnloser Akt. Ganz nach dem Motto: Es gibt Unwichtigeres, als mein Jobportal-Profil zu optimieren.

Die Katze als Symbol verkörpert also etwas Subversives, eventuell gar Politisches. Zumindest ist dieser Meinung auch Ethan Zuckerman, einer der renommiertesten Kenner der Internetkultur. Bis vor Kurzem war er noch Direktor des MIT Center for Civic Media in Massachusetts, USA, bis er sein Amt niederlegte, weil er erfuhr, dass Geld von Jeffrey Epstein auch an sein Institut geflossen war. Der Investmentbanker Epstein hatte sich, unter dem Verdacht des schweren sexuellen Missbrauchs Minderjähriger stehend, das Leben genommen.

Zuckerman sagt am Telefon zwei schöne Sätze: "Wir brauchen Freiraum für Albernheiten. Immer ernst zu sein, das geht nicht und wäre keineswegs wünschenswert." Er hat 2008 auch die Süße-Katzen-und-Digitaler-Aktivismus-Theorie aufgestellt. Die Theorie besagt, dass Regierungen schwerlich Internetplattformen lahmlegen können, auf denen brave Bürger Katzenbilder teilen, was wiederum Internetaktivisten die Möglichkeit gibt, diese Plattformen für ihre Aktionen zu nutzen.

Die entscheidende Frage lautet aber jetzt: Warum wurde die Katze abgelöst?

Netzinsider, Technikjournalisten, insbesondere Katzenliebhaber weisen schon länger darauf hin: An den einschlägigen Internetorten für alles Flauschige werden heute mehr Hunde als Katzen gesichtet. Wombats, Stinktiere und Eulen auch, das ist aber ein Randphänomen. Im Subreddit "r/aww", ein berühmter Gebäudetrakt der Online-Community Reddit für Tierinhalte, sieht man beispielsweise inzwischen: einige Katzen und extrem viele Hunde (was vor einiger Zeit noch anders war).

Facebook genauso, wo der Zwergspitz Boo doppelt so viele Likes sammeln konnte wie Grumpy Cat - bevor beide verstarben. Das Suchvolumen nach "cute dogs", süßen Hunden, ist laut BBC schon länger größer als das für "funny cats", lustige Katzen. Die neuen Tierhelden des Internets: devote Hunde, die ihre Schnauze freudig jeder Kamera entgegenstrecken.

Oder wie soll man den Auftritt der französischen Bulldogge Elvis verstehen, die sich willenlos in jedes noch so bescheuerte Kostüm stecken lässt, hechelnd? Und saß nicht erst vergangene Woche der Instagram-Star Maru, ein japanischer Shiba Inu, dauergrinsend auf einem Steinpodest, mit Leine (!), in Erwartung seines nächsten Befehls?

Solche Bilder anzuschauen, macht womöglich gute Laune, entbehrt aber jeder Ironie, und eine dadaistische Zeitverschwendung ist es schon mal gleich gar nicht, sondern eher Stimmungsmanagement, eine Beruhigungspille für den Netznutzer der Gegenwart.

Man muss kein Katzenliebhaber (oder Cat-Content-Connaisseur) sein, um die Tragweite der neuen Mehrheitsverhältnisse zu begreifen. Zuckerman sagt: "Die Verschiebung von Katzen zu Hunden kommt daher, dass das Internet heute Mainstream ist. Jeder nutzt es, nicht nur Nerds und Nonkonformisten." Und ein Mainstream-Internet ist eher eine Hundewiese.

Zugegeben: Es ist durchaus demokratisch, dass sich jetzt auch Krethi und Plethi im Netz herumtreiben (lassen). Damit einher geht leider aber, dass das Katzige seinen Rückzug antreten muss, während der Hund - sein Gehorsam und seine eindimensionale gute Laune - zur neuen Normalität geworden ist. Das Netz von heute ist kein Gegenentwurf mehr zum bestehenden System: Es ist das System. Ein sehr ernstes, auf Selbstoptimierung, Ich-Vermarktung und Konsum abgerichtetes System. Es wurde sozusagen - nicht nur, was Tierbilder betrifft: domestiziert.

Und wo sind die Katzen jetzt hin?

"Eine Antwort", sagt Elyse Graham, "ist nicht so leicht." Katzeninhalte werden ja nach wie vor hochgeladen, konsumiert, rezipiert, aber halt nicht mehr so viel. Außerdem ist die Katze im Netz ein Symbol, und ein Symbol lebt weiter, auch wenn es gerade nicht vorkommt. Hier drängt sich die Idee auf, die Verbreitung von Katzeninhalten im Netz als eine Art Lackmustest für den Zustand des Internets zu begreifen. Viel: Die Gegenkultur lebt noch. Wenig: Amazon gewinnt.

Oder, wie es mal die Kollegen vom SZ-Magazin formuliert haben: "Das Internet ohne Katzen ist möglich, aber sinnlos." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Außer vielleicht: Miau.

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Quelle:
SZ vom 29.10.2019/wib
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