Integration in Deutschland "Manchmal ist ganz schön beleidigend, was da kommt"

Die Deutschen können noch einiges lernen: Rose-Anne Clermont, Amerikanerin mit haitianischen Wurzeln, über die Zukunft der Integration und warum alle von ihr erwarten, dass sie nie schwitzt.

Interview: Sarina Pfauth

Rose-Anne Clermont wurde 1971 in New York als Tochter haitianischer Einwanderer geboren. Nach ihrem Journalismus-Studium an der Columbia University kam sie 1998 als Fulbright-Stipendiatin nach Deutschland. Clermont arbeitet als Journalistin und hat ihre Erfahrungen als Migrantin in dem Buch "Buschgirl. Wie ich unter die Deutschen geriet" beschrieben. Sie lebt mit ihrem deutschen Mann und ihren Kindern in Berlin. Der Mädchenname ihrer Mutter lautet übrigens: Sarrazin.

Rose-Anne Clermont kam vor zwölf Jahren als Fulbright-Stipendiatin nach Deutschland. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

(Foto: Christoph Assmann)

sueddeutsche.de: Frau Clermont, wie könnten die Deutschen den Migranten die Integration leichter machen?

Rose-Anne Clermont: Deutsche sind kulturell bedingt extrem direkt. Sie sagen immer das, was ihnen gerade einfällt. Das kann angenehm sein - muss es aber nicht. Manchmal ist ganz schön beleidigend, was da kommt. Es wäre deshalb gut, wenn die Leute mehr nachdenken würden, bevor sie etwas sagen.

sueddeutsche.de: Was bekommen Sie zu hören?

Clermont: Ganz oft kommt: "Total heiß hier - aber für sie als Schwarze ist das sicher noch gar nichts". Dabei bin ich in New York aufgewachsen. Wir haben dort vier Jahreszeiten und heiß fühlt sich auch für mich heiß an! Es passiert auch häufig, dass Leute denken, dass ich Gospel singen kann. Das ist ein bisschen lustig und wirkt harmlos, aber eigentlich zeigt es, dass die Leute denken: Ihr Schwarzen seid alle gleich. Und das ist sehr gefährlich.

sueddeutsche.de: Warum?

Clermont: Das sieht man an der laufenden Debatte über Integration. Alle Migranten landen in einem Topf. Inzwischen sagt man "Migrationshintergrund" schon beinahe mit einem schlechten Geschmack im Mund. Natürlich schaden dissoziale Zuwanderer der Gesellschaft - ebenso sehr wie dissoziale Deutsche. Man würde aber keinen Hamburger Anwalt mit einem alkoholkranken, arbeitslosen Deutschen aus Berlin-Neukölln vergleichen. Ich finde es wichtig, dass die Deutschen lernen, das Individuelle zu sehen.

sueddeutsche.de: Sind die Deutschen fremdenfeindlich?

Clermont: Die Deutschen sind nicht rassistisch. Sondern unerfahren. Gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land? Die Leute auf dem Land starren einen viel länger an. Früher haben sie manchmal länger als eine Minute gestarrt, das ist inzwischen aber kürzer geworden. Wahrscheinlich haben die Menschen inzwischen gelernt, dass man nicht so lange schauen darf. Ich glaube, sie haben oft eine riesige Angst davor, als xenophob zu gelten.

sueddeutsche.de: Wundern Sie sich manchmal über die Deutschen?

Clermont: Was die Menschen denken, das weiß man nie. Aber dass sie das äußern! Das erstaunt mich oft. Ich habe zum Beispiel vor einiger Zeit im kosmopolitischen Stadtteil Berlin-Mitte das Büro einer Versicherung betreten, weil ich einen Vertrag abschließen wollte. Die Dame, die dort saß, sah mich nach der Begrüßung mit großen Augen an und sagte: Das ist ja unfassbar, sie haben eine so dunkle Haut und sprechen fließend Deutsch! Immerhin hat die Frau mich nicht geduzt - das passiert mir nämlich auch sehr häufig.

sueddeutsche.de: Wie sonderbar, dass die Leute sich trauen, immer zu sagen, was sie denken.

Clermont: Ich glaube, das würden Sie einem Deutschen gegenüber nicht immer tun. Grundsätzlich ist es natürlich eine sehr direkte Kultur, aber diese Art von Direktheit haben die Deutschen vor allem gegenüber Nicht-Deutschen. Mir sagen zum Beispiel oft irgendwelche Leute, was ich meinen Kindern hätte anziehen sollen oder wie ich mit ihnen umgehen sollte.

sueddeutsche.de: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Clermont: Vielleicht liegt es daran, dass sie versuchen, einem die Kultur zu erklären. Manchmal denke ich einfach: Lasst mich in Ruhe. Aber ich nehme auch oft wahr, dass die Leute es eigentlich gut meinen: Sie wollen mir zeigen, wie man Sachen hier in Deutschland macht.

sueddeutsche.de: Erziehungsratschläge auf der Straße, duzende Damen und Herren - gibt es noch mehr, was im Alltag nervt?

Clermont: Die Frage: "Warum sprechen Sie so gutes Deutsch?". Die Leute sagen nicht: Sie sprechen gutes Deutsch, sondern fragen immer: Warum? Immer diese Frage! Das ist nicht böse gemeint, das verstehe ich mittlerweile. Aber die Frage verlangt eine Rechtfertigung. Warum darf ich nicht gut Deutsch sprechen, wo doch so viele Deutsche gut Englisch oder Französisch sprechen? Warum sind die Erwartungen an uns Migranten immer viel niedriger?

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