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Infektionskrankheiten in Deutschland:"Manche Eltern verletzen die Menschenrechte ihrer Kinder"

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Reinhard Kurth, hat anlässlich des bevorstehenden Weltgesundheitstages die mangelnde Impfbereitschaft vieler Eltern kritisiert.

Der Weltgesundheitstag, den die WHO an diesem Samstag veranstaltet, steht unter dem Motto "Gesund bleiben - sich vor Infektionskrankheiten schützen". Tatsächlich ist die Bedrohung durch Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger vielerorts so groß, dass Infektionskrankheiten zusammen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen weltweit die häufigste Todesursache darstellen.

Besonders die Ausbreitung der Masern bereiten den Experten Sorgen.

(Foto: Foto: AP)

In Deutschland aber fühlen sich viele Bürger offenbar sehr sicher. Zu sicher, wie Fachleute kritisieren. Zwar hatten viele Menschen Angst vor der Vogelgrippe, und BSE und SARS wurden vor einigen Jahren als große Bedrohung empfunden.

Doch Gefahr droht inzwischen eher von ganz anderer Seite: Einige Infektionskrankheiten, die schon keine große Rolle mehr zu spielen schienen, breiten sich in Deutschland wieder aus.

So werden nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts in Berlin viele sexuell übertragene Krankheiten unterschätzt. Zwar war in den 80er Jahren angesichts der Bedrohung durch das HI-Virus die Zahl der Erkrankungen an Syphilis, Gonorrhö (Tripper) oder Chlamydien zurückgegangen. Doch seit einigen Jahren nimmt ihre Häufigkeit vor allem in Großstädten und an den Landesgrenzen wieder zu.

Während ein Großteil der Bevölkerung über HIV und Aids Bescheid weiß, kennen nur etwa 52 Prozent Syphilis", sagte die Präsidentin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), Elisabeth Pott. Chlamydien seien sogar noch weniger bekannt und weiter verbreitet, obwohl sie bei Frauen zu Unfruchtbarkeit führen könnten.

Und auch die Gefahr, sich mit HIV zu infizieren sowie die Belastung, die von der Immunschwächekrankheit Aids trotz der guten Behandlungsmöglichkeiten noch immer ausgeht, wird offenbar falsch wahrgenommen. Vermutlich deshalb lag die Zahl der Neuinfektionen letztes Jahr bei 2700 - das sind um die Hälfte mehr als in den Jahren 1999 bis 2001.

Masern breiten sich wieder aus

Doch besondere Sorge bereitet dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI), Reinhard Kurth, die Verbreitung von Masern. "Wir sehen eine Renaissance dieser Krankheiten", sagte Kurth in Berlin.

So verdreifachte sich allein im vergangenen Jahr die Zahl der Masern-Erkrankungen im Vergleich zu 2005.

Eine der Hauptursachen für die Verbreitung der Infektionskrankheiten ist laut RKI, dass immer weniger Eltern ihre Kinder impfen lassen. Außerdem werden Erreger durch reisende Menschen verstärkt über die Ländergrenzen hinweg transportiert und sind zusätzlich immer häufiger gegen mehrere Antibiotika resistent.

"Der Infektionsschutz in Deutschland war schon mal deutlich besser", sagte Kurth. "Nun stellt sich aber besonders bei jungen Eltern eine Impfmüdigkeit ein." Das liege daran, dass diese Eltern früher selbst geimpft gewesen und somit ohne Infektionskrankheiten wie Masern, Röteln oder Mumps aufgewachsen seien. Deshalb fehlt ihnen offenbar das Gefahrenbewusstsein.

"Impfschutz ist aber ein Menschenrecht - diese Eltern verletzen also die Menschenrechte ihrer Kinder", sagte Kurth.

Mittlerweile sind nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums nur noch rund 95 Prozent aller Kinder geimpft - die Auffrischungsimpfungen bekommen nur noch 82 Prozent. Wie die Bundesvereinigung für Gesundheit e.V., die den Weltgesundheitstag in Deutschland organisiert, berichtet, ergab die Schuleingangsuntersuchungen 2005, dass die bundesweite Quote der Masernimpfung nur bei 73 Prozent lag.

Unterschätzt wird nach Meinung der Experten übrigens auch die Virusgrippe. Etwa zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung infizieren sich jedes Jahr während der "Influenza-Wellen" vor allem in den Monaten Januar bis März.

Bei den letzten großen Ausbrüchen (Pandemien) starben 1995/96 in Deutschland schätzungsweise 30.000 Menschen, im Winter 2004/2005 waren es bis zu 20.000.

Deshalb empfiehlt das RKI chronisch Kranken, älteren Menschen und Personen, die in Einrichtungen mit Publikumsverkehr sowie in der Krankenversorgung arbeiten, die Grippe-Impfung.

© sueddeutsche.de/dpa
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