Hysterie Wir Jammerlappen!

Schon bei den ganz Kleinen: Lamentieren und Gejammer auf höchstem Niveau.

(Foto: vandalay / photocase.com)

Wir leben in einer Welt voller verhaltensauffälliger Hypersensibelchen. Die Bewohner der westlichen Wohlstandsländer verhalten sich wie Prinzen und Prinzessinnen auf der Erbse. Über die hysterische Gesellschaft.

Von Sebastian Herrmann

Die Kinder der Bärengruppe hatten im Stuhlkreis alles Wichtige besprochen, und auch das tägliche Förderprogramm zur gedeihlichen Entwicklung der Kleinen war erledigt. Nun befanden sich die Vier- bis Fünfjährigen zum Freispiel im Garten. Sie rutschten auf Rutschen, schaukelten auf Schaukeln und ergingen sich in anderen Zerstreuungen. Ein paar Jungs spielten Verstecken am Rande der Kindergartenwiese.

Da ertönte ein Schrei des Entsetzens. Der kleine Paul, der eigentlich anders heißt, so wie die Bärengruppe in Wirklichkeit vielleicht die Füchse- oder Schwalbengruppe war, hatte eine Nacktschnecke berührt.

Bäh. Voll mit der Hand drauf. Igitt.

Der kleine Paul ekelte sich - und dann sprach er mit großem Schmerz in der Stimme diesen Satz: "Ich habe eine Schneckenallergie!"

Wie bitte? Klar, Schnecken sind glitschig-scheußlich-bäh, aber Ekel ist keine Krankheit. Bedrängen Eltern ihre Kinder mittlerweile mit Allergieängsten vor Weichtieren? Stellen Kinderärzte bald Rezepte über Schneckenkorn aus?

Liebe künftige Schneckenallergiker, ihr mögt besonders feinfühlige Menschen sein, doch ihr seid nicht alleine: Wir alle, die Bewohner der westlichen Wohlstandsländer, verhalten uns wie Prinzen und Prinzessinnen auf der Erbse. Er herrschen Lamentieren und Gejammer auf höchstem Niveau. Stress, Burnout, Kinder, Karriere, Allergie, Rassisten, Sexisten, Mobbing, Lebensmittelskandale, Kriminalität und überhaupt, die Widrigkeiten des Lebens stürmen zu zahlreich auf das verstörte Erbsen-Individuum ein, als dass diese hier auch nur annähernd vollständig aufgezählt werden könnten.

Erbse unter der rückenfreundlichen Allergiker-Matraze

Hat sich die Welt in einen Kindergarten voll verhaltensauffälliger Hypersensibelchen verwandelt? Oder haben wir es einfach ziemlich gut? Je geringer Not und Elend ausgeprägt sind, desto aufdringlicher drückt die Erbse unter der rückenfreundlichen Allergiker-Matratze. Solange es durchs Dach regnet, die Menschen mit Hunger im Bett liegen und nicht wissen, wie sie morgen ihre Kinder satt bekommen sollen, spielt die Hülsenfrucht unter der Liegefläche dagegen keine Rolle. Wer echte Probleme hat, findet - so absurd das klingen mag - oft weniger Anlass zur Klage.

Bei guter Lebensqualität lässt es sich also am besten jammern. Lassen sich manche zeitgenössische Meckereien durch diesen Filter vielleicht als positive Zeichen deuten? Ist nicht alles gar so schlecht, wie es uns erscheint?

Lesen Sie den ganzen Essay von Sebastian Herrmann mit SZ Plus:

Psychologie Leben auf der Erbse
Meckern für Fortgeschrittene

Leben auf der Erbse

Es geht uns immer besser, und wir klagen wie nie zuvor. Selbst harmlose Allergien oder Raucher im Biergarten führen oft zu panischen Reaktionen. Zeit für eine Desensibilisierung.   Von Sebastian Herrmann