La Boum:Glaskugel der Wahrheit

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(Foto: Steffen Mackert)

Unsere Kolumnistin sieht eine Menge Frankreichfahnen und gesteht, den neuen Houellebecq noch nicht gelesen zu haben.

Von Nadia Pantel

Wenn man einen Vertrag als Frankreich-Korrespondentin unterschreibt, gibt es eine Klausel, in der steht: Sie müssen jeden neuen Houellebecq lesen und dann müssen Sie diesen Houellebecq wie eine Glaskugel der Wahrheit behandeln, und in jedem neuen Houellebecq sollen Sie die politische Realität des Landes als noch realer als die Realität erkennen. Ich habe das unterschrieben, weil ich dachte, das baut in mir den nötigen Druck auf, endlich mal richtig viel Houellebecq zu lesen. Und nun ist mal wieder ein neuer Houellebecq auf dem Markt und ... Ich weiß gar nicht, wie ich es schreiben soll. Also. Ja. Ich habe ihn nicht gelesen.

Kurz folgende Frage, nicht um vom Thema abzulenken, sondern weil ich es ehrlich nicht verstehe: Warum sagt man "den" Houellebecq gelesen oder nicht gelesen? Wofür steht denn dieses "den"? Anscheinend nicht für "das Buch". Vielleicht bin ich gerade nur begrenzt denkfähig, weil mein Hirn noch dumpf nachpulsiert von der Jean-Luc-Mélenchon-Party, die ich gerade besucht habe. Mélenchon, Präsidentschaftskandidat, lautester Linker Frankreichs. Als in Deutschland zart sozialdemokratisch sozialisierte Person ist es immer ein bisschen herausfordernd, sich an all die Frankreichfahnen bei Mélenchon-Meetings zu gewöhnen. Erst wird die Weltrevolution versprochen, dann singen alle gemeinsam die Nationalhymne. Und wenn es im Refrain heißt "aux armes", zu den Waffen, recken ein paar besonders Motivierte die linke Faust in die Luft. Aber Moment: Es sollte ja eigentlich nicht um Mélenchon, sondern um einen anderen Mann gehen. Warum "der" Houellebecq?

Houellebecq geht gerne in ein Hummerrestaurant, das wie eine Ramschbude aussieht

Ich habe eine Umfrage bei zwei Menschen gemacht, die mit Wörtern arbeiten. Eine sagte: "Wegen DER Roman? Oder DER Schinken?" Der andere meinte, das "der" stehe irgendwie für den Autor. Ich habe ihn dann mit dem Beispielsatz "Ich habe den neuen Sally Rooney nicht gelesen" aus dem Konzept gebracht.

Bevor das hier zu einer Grammatikkolumne wird, gebe ich lieber eine Insiderinformation weiter, die ich über Houellebecq habe. Nämlich, dass er gerne in ein Hummerrestaurant geht, das von außen aussieht wie eine ziemliche Ramschbude. Man findet das Restaurant dort, wo man auch Houellebecq findet, im 13. Arrondissement von Paris, in den hohen Wohntürmen. Falls Sie sich schon mal Sorgen um Houellebecq gemacht haben, weil er zunehmend aussieht wie jemand, der nur aufsteht, weil die Putzfrau beim Staubsaugen zu laut an die Zimmertür gerummst ist, und weil er außerdem auch behauptet, seine Mutter habe ihn nicht genug geliebt, könnte Sie diese Hummernachricht vielleicht beruhigen. Die Welt macht ihn fertig, aber Hummer baut ihn wieder auf. Man schaufelt sich Hummer nicht blind rein, man muss ihn aus seiner Schale herausarbeiten, sich ihm richtig widmen. Wer Hummer isst, der will noch was vom Leben. Wobei mein Hummerwissen ähnlich halbseiden ist wie mein Houellebecqwissen. Ich habe noch nie Hummer gegessen.

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