Hotel-Kultur Piano Man

Wegen der Liebe zog Eddie Friel einst nach Österreich. Nun wohnt und musiziert er seit 17 Jahren in einem Hotel am Arlberg.

(Foto: Enno Kapitza)
  • Eddie Friel ist Barpianist aus Leidenschaft.
  • Der Ire vertrat sein Land beim Eurovision Songcontest und ging mit Van Morrison auf Tour.
  • Jetzt spielt er sechs Abende in der Woche im Hotel Zürserhof am Arlberg - und will nichts anderes mehr machen.
Von Titus Arnu

Draußen stellen die Skilifte gerade den Betrieb ein, drinnen knistert das Brennholz im offenen Kamin. Der Wind treibt dichte Schneewolken am Fenster vorbei, durch das Hotelfoyer schweben Töne, die sich zu Klangwolken verdichten. "Scandinavia" heißt das Stück, eine Instrumental-Nummer von Van Morrison, mit ihren hin und her wabernden Harmonien der passende Soundtrack zum windigen Winterwetter. Während die Gäste an der Hotelbar mit Aperol Spritz anstoßen, verschmilzt der Barpianist den Schneesturm auf musikalische Weise mit dem Nachmittagstee, ohne dass es die Zuhörer dabei fröstelt. Das muss man erst mal schaffen.

Eddie Friel trägt einen schwarzen Anzug, weißes Hemd und Krawatte, das ist seine Arbeitsuniform, wenn er am Flügel sitzt. Er spielt ohne Noten, die Töne schneien nur so aus ihm heraus. Die grauen Haare und der förmliche Kleidungsstil lassen ihn älter erscheinen als 55. Seine Augen sind oft geschlossen, zwischendurch schaut er zum Barkeeper rüber, seinem treuesten Fan. Meistens nickt der Barkeeper bestätigend zurück, und Friel improvisiert weiter. Keith-Jarrett-artige Arpeggien, frei schwebende Klangwolken, danach ein Prélude von Chopin, etwas Bach, dann wieder ein Song von Billy Joel oder Randy Newman. Friels Repertoire reicht von Klassik bis Hitparade, von Mozart bis Coldplay.

Er ist für dezente Hintergrundmusik gebucht

Jeder Drogeriemarkt, jeder Fahrstuhl und jede Imbissbude wird heutzutage mithilfe individuell angepasster Playlisten digital beschallt - wozu braucht es da noch handgemachte Hintergrundmusik? Ist ein Barpianist in unserer Gesellschaft nicht ein Anachronismus? Ja, und das ist ja gerade das Schöne daran. In einem Luxushotel, das statt Plastikkarten bleischwere Zimmerschlüssel an der Rezeption an die Gäste verteilt, wäre eine Berieselung aus der Konserve ein Stilbruch. "Ich bin keine Jukebox", sagt Eddie Friel, "ich mache keine Fahrstuhlmusik."

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Er weiß, dass er für dezente Hintergrundmusik gebucht ist, sieht sich aber auch als ernst zu nehmenden Künstler - ein ständiger innerer Konflikt. Friel ist mit Van Morrison auf Tournee gegangen, hat auf dessen Album "Hymns to the silence" Piano und Orgel gespielt und eigene Songs komponiert. 1995 trat er für Irland beim Eurovision Song Contest an, mit der Schnulze "Dreamin'". Nach drei irischen Siegen in Folge landete Friel auf dem 14. Platz. "Künstlerisch war das sicher nicht mein Höhepunkt", gibt er zu, aber ein größeres Publikum hatte er nie: schätzungsweise 200 Millionen Fernsehzuschauer.

Friel kann auf Zuruf fast jedes Lied spielen und singen

Nun spielt er vor zwölf müden Wintersportlern in der Bar des Hotels Zürserhof am Arlberg. Sechsmal die Woche sitzt er dort von 16 bis 17 Uhr am Flügel und später noch mal, nach dem Abendessen bis Mitternacht. Nachmittags gibt er ausschließlich Instrumentalmusik zum Besten, abends singt er auch - Evergreens von Frank Sinatra, Jazz-Standards, Hits von Elton John, eigene Kompositionen. Die Stammgäste kennen und schätzen ihn, seit 17 Wintern. "Eddie ist eine Institution", sagt Willy Skardarasy, Seniorchef des Hotels. Über eine Künstleragentur waren die Skardarasys auf Friel gekommen, er hatte damals eine Freundin in Österreich und suchte dort Arbeit.

Friel hat eine klassische Ausbildung durchlaufen, spielt Klavier, Trompete und Orgel, er komponiert selbst und kann auf Zuruf fast jedes Lied spielen und singen. Seine Stimme klingt leicht rauchig. Sein Talent fiel früh auf, schon als Vierjähriger spielte er seiner großen Schwester am Klavier alles nach. Er wuchs in Donegal in Nordwestirland auf, zusammen mit vier Schwestern. Schon während des Musikstudiums in Belfast verdiente er Geld als Pianist in Bars und Hotels. Er arbeitete als Musiklehrer, war musikalischer Direktor des Belfast Arts Theatre und arrangierte Stücke für ein modernes Ballettensemble in Schottland.