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Homosexualität und Kirche:Zwei Welten treffen aufeinander

Für Alexander Brodt-Zabka, der in einem Dorf in Hessen aufwuchs, war die Kirche ein Zufluchtsort. Vor dem Gefühl, anders zu sein und damit allein. "Ein anstrengendes Spiel" sei seine Jugend gewesen, "dass nichts rauskommt, ich nicht entdeckt werde". Nach dem Coming-out mit 21 wurde es besser, "aber man kann seine Jugend nicht nachholen." Wenn Brodt-Zabka die Bibel las, habe er sich "geborgen gefühlt". Dass ausgerechnet die Kirche, die sie beide als Rettung und Ort der Freiheit empfunden hatten, sich ihrer Liebe entgegenstellte, war für sie schwer zu ertragen.

Ein Lebensentwurf von vielen

Und wie leben sie als Pfarrer mit der Bibel, in der es etwa heißt, es sei ein "Gräuel", wenn "ein Mann bei einem Mann liegt"? Brodt-Zabka sagt, da gehe es um Prostitution im Tempel. Gerade das Alte Testament sei voll mit verschiedenen Lebensmodellen. Da hat ein Mann mehrere Frauen, Menschen bleiben allein, und David sagt über einen Freund: Seine Liebe war mir köstlicher als Frauenliebe.

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Die Kirche habe sich weiterentwickelt, sagt Brodt-Zabka. In den meisten Landeskirchen ist die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich, in Hessen und Westfalen ist sie sogar der kirchlichen Trauung gleichgestellt.

Das Gesetz zur Lebenspartnerschaft habe dazu viele Anstöße gegeben, sagt Jörg Zabka, "die Kirche ist dem Staat nachgekleckert". Er frage sich allerdings manchmal, wie weit die Toleranz gehe. Wie "tragfähig das Eis ist", wenn es in seiner Pfarrei mal ein Problem gibt. "Bei den Frauen war das so: Wenn es gut läuft, ist alles prima. Wenn nicht, hieß es, das ist eine Frau, wir haben es ja immer gewusst."

Zwischen zwei Welten

Zabka zeigt das Hochzeitsfoto. Die beiden mit einer Rose, Jörg im dunklen Anzug, Alexander mit gelber Krawatte. Zwei Pfarrer in der Kirche, einmal auf der anderen Seite. Sehr emotional sei das gewesen, sagt Zabka. "nicht kämpferisch, ich habe das geschafft". Überhaupt will Zabka ihre Liebe nicht als Kampf gegen irgendwen verstanden wissen. "Ich wollte einfach mit einer Selbstverständlichkeit meinen Weg gehen, der gut ist." Sich nicht immer erklären müssen.

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Wobei die beiden Pfarrer zwischen vielen Stühlen sitzen. In der Kirche müssen sie dafür kämpfen, als schwules Ehepaar akzeptiert zu werden. Und ihre schwulen Freunde haben Probleme damit, dass sie in der Kirche sind.

Geistliche, die ihre Liebe leben wollen - seit "Die Dornenvögel" ist das ein Thema für kitschige Filme. Bis es im echten Leben so weit war, hat es gedauert. 2010, vier Jahre nach der Hochzeit, setzte Zabka durch, dass er mit seinem Mann im Pfarrhaus wohnen darf. Das gilt jetzt für alle homosexuellen Pfarrer in Berlin und Brandenburg, in anderen Landeskirchen ist das noch immer umstritten.

Die beiden blieben in ihrer kleinen Wohnung, weil das einfacher war. Aber ihr Trauspruch wurde Wirklichkeit. Er stammt aus dem Römerbrief und lautet: "So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung."

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