Homosexualität auf dem Land Alles andere als normal

Der Außenminister heiratet einen Mann, Bürgermeister outen sich, RTL begleitet bei "Bauer sucht Frau" erstmals einen schwulen Mann. Doch auf dem Land wird Schwulsein noch immer nicht akzeptiert. Ein Besuch bei einem homosexuellen Landwirt in Bayern.

Von Inga Rahmsdorf

Die Nachricht verbreitete sich schnell von Haus zu Haus und von Dorf zu Dorf. Auf dem Bauernhof von Rudolf Rathgeber gehe es nicht mit rechten Dingen zu, hieß es. Der Bauer lebt in der nordbayerischen Provinz, zehn Kilometer von der Kleinstadt Dinkelsbühl entfernt. Der 53-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen, er hat den Hof noch nie länger als für eine Woche verlassen. Rathgeber, der fleißige und hilfsbereite Landwirt von nebenan, der regelmäßig in die Kirche geht, der im Chor singt, der Mitglied im Aufsichtsrat der örtlichen Genossenschaftsbank ist - der die letzte Dorfkneipe betreibt. "Und jetzt so etwas", raunte man sich empört auf dem Marktplatz, vor der Kirche und am Stammtisch zu: "schwul!"

Rudolf Rathgeber (r.) und Franz-Josef Kaup (l.) sind ein Paar.

(Foto: SZ)

Im Fernsehen wird der Alltag geprobt: In der RTL-Fernsehsendung "Bauer sucht Frau" wird am Pfingstmontag erstmals auch ein Bauer seinen Traummann suchen. Als sei Schwulsein auch auf dem Land das Normalste von der Welt.

In dunkelgrünem Overall und blassgrünen Gummistiefeln treibt Rathgeber seine Kühe in den Melkraum. Ein Geruch aus Milchsäure und Kuhmist liegt in der warmen Luft. Das gleichmäßige Pumpgeräusch der Melkanlage vermischt sich mit dem tiefen Blöken der Tiere. Rathgeber ist von schmaler Statur, und wenn er lacht, kneift er seine blauen Augen etwas schüchtern hinter der Brille zusammen. Er tippt die Nummer einer Kuh in einen Computer, säubert mit schnellen, aber ruhigen Bewegungen die Zitzen, stülpt die Melkbecher darüber und wendet sich der nächsten Kuh zu.

Seine Frau, Inge Rathgeber, hat ein dunkles Tuch mit weißen Blumen um den Kopf gebunden, das ein fester Knoten unter dem Kinn zusammenhält. Die Bäuerin nimmt einen Eimer frischer Milch und trägt ihn hinaus zu den Kälbern, die unter dem Vordach des Stalls stehen. "Mein Kindergarten", sagt sie, lacht und gießt die Milch in die Behälter am Gatter. Ihr ältester Sohn verteilt Heu in den Boxen. Der Stall mit den 80 Kühen ist der Mittelpunkt des Hofes, den Rathgeber gemeinsam mit seiner Frau und dem ältesten Sohn betreibt. Sie teilen sich die Arbeit, dafür bedarf es keiner Worte, die drei sind ein eingespieltes Team.

Rechts und links vom Kuhstall stehen zwei Wohnhäuser. In dem kleineren Haus lebt Rudolf Rathgeber allein, nur an den Wochenenden kommt sein Freund. Gegenüber in dem alten Bauernhaus wohnen seine Frau und sein Sohn. "Aus meinem ersten Leben", sagt er. Wenn der Bauer in fränkischem Dialekt von sich erzählt, dann unterteilt er die vergangenen 53 Jahre in ein erstes und ein zweites Leben. Hier auf dem Hof sind die beiden Leben nur wenige Meter voneinander entfernt.

Homosexualität ist in Deutschland heute kein Tabuthema mehr. Ein Außenminister und ein Berliner Bürgermeister, die offen sagen, dass sie schwul sind, Fernsehmoderatoren, Künstler und Schauspieler, die sich mit gleichgeschlechtlichen Partnern zeigen, sie sind in der Öffentlichkeit akzeptiert. Bunte Federboas und schrille Lederoutfits erzeugen schon lange keinen Aufschrei der Empörung mehr. Doch was Rudolf Rathgeber im Fernsehen sieht, Politiker mit ihren Partnern, Künstler mit rosa Handtäschchen und bunte Straßenumzüge, das alles hat so gar nichts mit seinem Leben zu tun.

Rathgebers erstes Leben verlief in einer vorgezeichneten Spur. Seit seiner Geburt stand fest, dass er Bauer werden würde. Als ältester Sohn war es seine Aufgabe, den Hof von seinem Vater zu übernehmen. Das hatte nie zur Diskussion gestanden und er hat es nie hinterfragt. Es war selbstverständlich, die Familientradition weist den Weg und sie duldet keine Fragen. Ebenso selbstverständlich gehört zu einem Bauernhof eine Frau, die einen unterstützt und Kinder, für die es sich lohnt, in den Ausbau des Stalls zu investieren und sieben Mal in der Woche früh aufzustehen, um die Kühe zu melken. Kinder, die einmal die Tradition fortsetzen werden. Ein Bauernhof ist keine Ich-AG, die man alleine aufbauen kann, und kein Geschäft, das abends die Türen schließt. Wer Bauer ist, ist es rund um die Uhr.

Inge Rathgeber hat in den vergangenen Wochen oft nachts im Stall gestanden, als die Kälber zur Welt kamen. Die Bäuerin klingt nicht verbittert oder vorwurfsvoll, als sie davon erzählt. Sie wirft die leeren Milcheimer in ein Spülbecken und lässt Wasser einlaufen. Ihr ältester Sohn hat eine landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen. Aber ob er den Betrieb einmal übernehmen wird, das müsse er selbst entscheiden. "Mein Mann ist doch das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man zu einem Leben gezwungen wird", sagt sie, beugt sich etwas abrupt über das Spülbecken und scheuert schweigend und mit kräftigen Bewegungen die Eimer aus.

"Sie hat sehr viel mitgemacht und sehr viel Größe gezeigt", sagt Rudolf Rathgeber, als er hinüber zu seinem Haus geht, um zu frühstücken. Er tritt den Schlamm von den Gummistiefeln, streift sie von den Füßen und läuft auf Socken in die Küche. Durch die weißen Spitzengardinen vor dem Fenster blickt er auf den Kuhstall und auf das alte Bauernhaus, in dem er früher auch gelebt hat.