Süddeutsche Zeitung

Hörspiel-Helden aus der Kindheit:Baldrian? Nö, Bibi!

Auf Internetplattformen wie StudiVZ outen sich die alten Kassettenkinder als Fans. Am liebsten schlafen sie zu den altbekannten Klängen ein. Eine Auswahl der Lieblinge und Erfahrungsberichte.

Christina Herbert

Auf Internetplattformen wie StudiVZ outen sich die alten Kassettenkinder als Fans. Am liebsten schlafen sie zu den altbekannten Klängen ein. Eine Auswahl der Lieblinge und Erfahrungsberichte. Gruppe: Bibi Blocksberg Fancrew, 7984 Mitglieder Susanne Popp: "Ich bin 28 und höre seit meinem vierten Geburtstag Bibi. Da habe ich nämlich die erste Kassette geschenkt bekommen und ich möchte sie auf gar keinen Fall missen. Habe auch meinen Mann damit angesteckt. Jetzt sagt er jeden Abend, wenn wir ins Bett gehen: 'Bibi Blocksberg anmachen!'" Bernd Hauke: "Man oh man, ich werde 32 und finde Bibi-Hören in Ordnung. Meine Frau ist zum Glück genauso drauf wie ich! Wer braucht schon 'nen Fernseher wenn es Bibi Blocksberg zum Einschlafen gibt." Tina: "Ich bin 27 und steh voll dazu. Klingelton: Bibi-Titelsong. SMS-Ton: 'Hex-Hex'. Schlafzimmer: voll mit Kassetten."

Gruppe: Benjamin Blümchen-zum-Einschlafen-Hörer, 777 Mitglieder Fee: "Mein Freund ist der Meinung, er müsse zum Einschlafen immer irgendwelche Gruselfilme schauen - das geht echt gar nicht. Also: Kopfhörer rein, Benjamin an und schon wird geschnarcht. Ich dachte schon, ich bin verrückt, aber nachdem mir eine Freundin erzählt hat, dass sie Bibi zum Einschlafen braucht und ich jetzt diese Gruppe gefunden habe, bin ich beruhigt." Ina T.: "Ich bin schon seit vielen Jahren (so ungefähr 19 oder 20) Benjamin-Fan, obwohl ich ausgrenzen muss: Ich mag ausschließlich MCs. Ich finde die Serie geht gar nicht, da haben die zum Teil richtig blöde Stimmen. Außerdem finde ich, dass zu Benjamin einfach keine CDs passen!" Gruppe: Benjamin Blümchen - Für alle, die ihn lieben, 835 Mitglieder Niklas D.: "Vielen Dank Benjamin Blümchen für die nette Unterhaltung während betrunkener nächtlicher Fahrradfahrten nach Hause."

Benjamin-Fan Petra aus Berlin: "Ich liebe die Hörspiele, weil sie so kindlich friedlich sind. Benjamin ist nicht der typische Held: er ist dick, gemütlich und ruhig. Der Elefant und Bibi Blocksberg schaffen es, dass ich nach einem stressigen Tag nicht mal zehn Minuten zum Einschlafen brauche, weil sie mich beruhigen. Man kann darüber für ein paar Minuten die Realität mit all ihren Sorgen vergessen. Außerdem macht es einfach Spaß, sie zu hören. Zu den Tätowierungen kam es, weil nicht nur ich Benjamin-Fan bin, sondern auch meine kleine Tochter den dicken Elefanten liebt. Und da mein rechter Arm für meine Maus reserviert ist, hab' ich mir diese Stelle ausgesucht. Auf dem linken ist übrigens Bibi schon in Arbeit. Die Hexe wiederum habe ich als Andenken an einen verstorbenen Freund stechen lassen. Wenn ich Bibi dann anschaue, muss ich lächeln und schmunzeln. Das hilft mir ein wenig, über den Verlust hinweg zu kommen."

Gruppe: Mit TKKG-Kassetten-Einschläfer, 3.076 Mitglieder Claudia Nowak: "Ich sags ja immer wieder! Du musst mal in einer Runde anfangen zu fragen, wer welche Einschlaftricks hat! Wetten ein Großteil der Leute hört irgendwelche Hörspiele? Es muss sich nur erst mal einer trauen, es zuzugeben, dann folgen weitere Zugeständnisse! Sehr interessant!" Simönchen: "Teilweise sind die neuen Folgen, so ab 90, schlechter als die alten, oder? Mit Killerpflanzen und Seeungeheuern. Die sind nicht mehr so spannend wie früher. Vielleicht, weil man jetzt die Ganoven sprechen hört und damit schon vorher weiß, was passieren wird. Also auch, dass sie am Ende eh geschnappt werden. Das war zwar schon bei den alten Folgen so, aber man wusste eben nicht immer, was die Verbrecher genau vorhatten. Man wartet dann nur noch darauf, dass auch TKKG herausfinden, was vor sich geht. Langweilig!"

Gruppe: Fünf Freunde - Für alle, die schon immer wie sie sein wollten, 406 Mitglieder Julia Köhler: "Wir haben zu Grundschulzeiten mit einigen Leuten ein altes Wasserrohr gefunden und uns eingeredet, es wäre ein Tunnel. Sind dann immer mit mehreren reingekrochen und haben versucht, das zugemauerte Ende aufzukloppen. Letztendlich haben wir es nicht geschafft und wurden verscheucht. Wer weiß was passiert wäre, wenn wir es geschafft hätten, mein Gott." Martin Greindl: "Wir mussten früher immer entlang der alten Stadtmauer zur Schule laufen. Da gab es so einen geheimnisvollen Turm, uralt, von Efeu umrankt. Mit Räuberleiter konnte man durch die Schießscharten ins Innere spähen: Es war dunkel, aber man konnte ein leichtes Schimmern erkennen - Rüstungen, Waffen, ein unentdeckter Schatz? Wir waren uns absolut sicher, dass wir die ersten waren, die seit Jahrhunderten einen Blick in den verwunschenen Turm werfen durften! Jahre später ging ich zufällig auf der anderen Seite der Mauer entlang - es war der Moment, an dem irgend etwas in mir starb. Das Tor des Turms stand sperrangelweit offen und ich erkannte einen Unimog, Schaufeln, Werkzeug und allerhand gänzlich ungeheimnissvolle Gerätschaften - eben alles, was man in einem Depot der Stadtwerke so erwartet."

Gruppe: Die Drei ???, 25.972 Mitglieder Torsten Lang: "Ich war in der ersten Klasse und hab an einem Montag noch vor der Schule die zweite Folge "Der Phantomsee" gehört. Als Sechsjähriger hab ich noch nicht wirklich geschnallt, um was es geht. Ich weiss aber noch, dass ich die Folge gleich dreimal hintereinander gehört habe, weil ich unbedingt wollte, dass Patrick auf dem Schrottplatz den doofen Java-Jim endlich kriegt (O-Ton: "Aus dem mache ich Hackfleisch"). Es war - welch Wunder - nicht der Fall und ich bin zwei Stunden zu spät in den Unterricht gekommen!" Petra Mayer: "Schüsse fallen. Ich krieche unter meinen Schreibtisch, sehe mich hilfesuchend um und halte mir die Ohren zu. In der Geisterstadt gibt es Ärger. Kommt mir vor, als wär's gestern gewesen, dass ich mich vor den gemeinen Bösewichten versteckt habe. Dann wurde es mir zu viel. Ich drückte auf den Knopf und ein "Klack!" versicherte mir, dass die Kassette auch wirklich aus ist. Es war die erste und einzige Folge der Drei Fragezeichen, die ich nie zu Ende gehört hatte. Bis letzten Herbst. Zu Besuch bei einer Freundin bewunderte ich ihre Kassettensammlung. Ich erzählte ihr natürlich von diesem Vorfall und fragte sie nach der Folge. Also habe ich etwa 15 Jahre später doch noch herausfinden können, wer der Bösewicht war. Ganz ohne Verstecken."

Gruppe: Pumuckl-Fans, 1.920 Mitglieder J.L.: "Ich find den Humor genial, der zeigt, dass bei der Serie wirkliche Könner am Werk waren. Zum Beispiel der Running-Gag in der Doppelfolge mit dem Schorschi und dem Wickerl, deren Mutter sie ständig verhauen will, sie aber nie erwischt.  Oder auf Meister Eders 'Party': "Mei, was kommt's a denn alle nunter?" (in die Werkstatt, wo der Eder dem Pumuckl erklärt, dass man nicht stehlen darf) "Mir san eine so genannte heruntergekommene Gesellschaft."" Kai: "Ich habe ziemlich lange geglaubt, dass es den Pumuckl wirklich gibt - wir konnten ihn halt nur nicht sehen. Wenn in der Küche oder in der Garage etwas runtergefallen ist, hab' ich meine Eltern immer damit genervt, dass der Pumuckl bestimmt da ist. Einmal habe ich auch überlegt, ob ich Klebe-Fallen aufstellen sollte, aber das wollte ich ihm dann doch nicht antun. Irgendwann kam leider die Einsicht, dass er in München wohnt und es wohl kaum bis in unsere Gegend schafft - trotz seiner Klabauter-Wanderfüße. Trotzdem höre ich den Pumuckl heut noch gern, weil er einfach originell, lustig und liebenswert ist."  

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