Bibi Blocksberg wird 30 Baldrian? Nö, Bibi!

Bibi Blocksberg wird 30. Ihre Fans auch. Immer mehr Erwachsene gestehen, ohne Bibi Blocksberg und Co. schlecht einschlafen zu können. Christoph Morgenroth, Betreiber der Fanseite "hoerspiele.de" erklärt, warum.

Interview: Christina Herbert

Bibi Blocksberg, die neunmalkluge Hexe aus Neustadt wird in diesem Jahr 30 Hörspiel-Jahre alt. Aber nicht nur Kinder lauschen regelmäßig den Abenteuern ihrer Helden, auch Erwachsene outen sich als passionierte Kassetten-Jäger und -Sammler aller Art. Christoph Morgenroth ist so ein Mensch. Vor 13 Jahren hat er die Seite "www.hoerspiele.de" gegründet.

Hörspiel-Helden aus der Kindheit

Baldrian? Nö, Bibi!

sueddeutsche.de: Herr Morgenroth, seit 1997 betreiben Sie Ihre Website. Was fasziniert Sie persönlich an Hörspielen?

Christoph Morgenroth: Schon in meiner Jugend war ich ein großer Hörspiel-Fan. Mit vier Jahren habe ich mein erstes Exemplar bekommen: Biene Maja. Die Geschichten auf Band faszinieren mich immer noch, weil man seine Phantasie benutzen muss. In Filmen wird einem alles vorgelebt. Wenn man aber nur zuhören kann, findet der Rest des Abenteuers im Kopf statt - ähnlich wie beim Lesen, nur sind Hörspiele weniger mühsam.

sueddeutsche.de: Ist es denn ein bestimmter Schlag Mensch, der gerne Hörspielen lauscht?

Morgenroth: Ich glaube nicht. Durch mein Hobby habe ich eine Menge Hörspiel-Fans kennengelernt und das sind Grafiker, Paketzusteller, Lokführer, Altenpfleger und viele mehr. Die meisten hören die Geschichten tatsächlich schon seit ihrer Jugend, andere sind durch das Radio auf den Geschmack gekommen.

sueddeutsche.de: Hörspiele erfreuen sich besonders in der Altersgruppe großer Beliebtheit, die in den siebziger und achtziger Jahren damit großgeworden sind - zu Zeiten des Kassettenrekorders. Was bedeuten die alten Hörspiele für die Fans?

Morgenroth: Zuerst einmal sollte man feststellen, dass es vor allem ein deutsches Phänomen ist, da gibt es in anderen Ländern wenig Vergleichbares. Ende der siebziger Jahre hat es mit den ersten Märchenschallplatten angefangen. Etwas später kamen dann die Jugendserien auf den Markt - und die haben eine ganze Generation geprägt. Fernsehen war noch nicht so selbstverständlich, Filme nicht so wichtig. Und das Medium Hörspiel war neu. Noch heute werden Produktionen mit den alten Klassikern verglichen und viel Neues basiert auf den Erfolgen der achtziger Jahre. Die wurden einfach so oft gehört, dass die Fans darauf schwören. Daher haben neue Produktionen es auch manchmal schwer. Allerdings werden viele im Vergleich auch schlechter, das kann man schon so sagen.

sueddeutsche.de: Gerade auch explizite Kinderhörspiele, wie etwa Bibi Blocksberg, werden häufig von Erwachsenen gehört - besonders gern als eine Art "Einschlafhilfe". Die Fans kennen viele Texte in- und auswendig. Wie viel hat das Ganze mit Psychologie oder auch Nostalgie zu tun?

Morgenroth: Ich bin kein Psychologe, aber ich bin auch einer von denen, der gerne mit den Drei ??? einschläft. Vielleicht ist es nur Gewohnheit, so wie manche mit Musik einschlummern. Ich eben lieber mit einer guten Geschichte - vorausgesetzt natürlich, ich kenne die schon, sonst könnte ich niemals schlafen.

sueddeutsche.de: Also sozusagen als Erhalt der "Gute-Nacht-Geschichte"?

Morgenroth: Wahrscheinlich ist das vergleichbar - eine alte Liebe rostet nicht. Man kennt die Folgen aus seiner Kindheit und weiß genau, wie es ausgeht. Das ist ein sicheres oder auch beruhigendes Gefühl. Vielleicht auch Teil einer Welt, in der noch alles übersichtlich und in Ordnung war. Und solange man sich dabei wohl fühlt, ist das doch einfach gut, oder?

sueddeutsche.de: Zweifellos. Zu welchen Gelegenheiten hören Sie Hörspiele noch gerne?

Morgenroth: Wenn ich nicht zu den altbekannten Geschichten einschlafe, sind die besten Gelegenheiten Zug- oder Autofahrten.

sueddeutsche.de: Manche wollen ihre Lieblinge immer dabei haben, lassen sich zum Beispiel Tattoos von ihren Helden stechen. Was sind die skurrilsten Geschichten, die Sie von Ihren Usern kennen?

Morgenroth: Vor allem bei den Fans der Drei ??? geht die Liebe schon ziemlich weit. Tattoos, Auto-Lackierungen - da ist alles drin. Bei reinen Hörspiel-Fans ist das weniger ausgeprägt, da geht es eher um die Präsentation der Sammlung. Ich selbst hatte zum Beispiel zwischenzeitlich mehr als 2000 Kassetten in meinen Schlafzimmerregalen hängen.

sueddeutsche.de: Wie hat denn Ihre Frau darauf reagiert und was sagen andere dazu?

Morgenroth: Das Erste, was meine Frau dazu gesagt hat, war: "Die staubst du ab!" Eigentlich bin ich aber erst durch sie wieder zu meiner "alten Liebe" gekommen: Ihre kleine Schwester hat die Jugend-Helden mit ins Haus gebracht und ich habe wieder mit dem Sammeln angefangen. Fremde bringt das auch mal zum fassungslosen Staunen, die meisten aber reagieren interessiert.

sueddeutsche.de: Glauben Sie, der Hörspiel-Trend wird mit diesen sogenannten Kassettenkindern "aussterben"?

Morgenroth: Ich glaube nicht. Erstens sind die Kassettenkinder zwischen 25 und 40 jahre alt - ein bisschen Zeit haben wir also noch. Außerdem werden viele, wie ich, Kinder haben und die Hörspiellust kann man weitergeben. Meine Kleinste ist drei und hört gern Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen, die Große 13. Sie mag momentan am liebsten die Teufelskicker und Die Drei !!! - die Mädchen-Variante von Justus Jonas, Peter und Bob. Und auch die Freunde meiner Kinder kommen auf den Geschmack. Ich denke, das macht den positiven Trend der letzten Jahre aus.

sueddeutsche.de: Jetzt mal ganz subjektiv: Was ist Ihr persönlicher Liebling?

Morgenroth: Natürlich haben mich die Hörspiele meiner Jugend geprägt - Fünf Freunde, Tim und Struppi oder Die Drei ???. Aber wenn man mich nach meinem Lieblingshörspiel fragt, dann ist das Jack the Ripper von Ripper Records. Das ist das erste Hörspiel eines kleinen Labels, das so ein richtiger Erwachsenen-Knaller war.