bedeckt München

Kinder und Politik:Wo Hexen leben, regieren Idioten

Bibi Blocksberg_Bürgermeister_(c) KIDDINX Studios GmbH, ACHTUNG: nur einmalig freigegeben für die Verwendung zu 1.5187597 !!

Bürgermeister Bruno Presssack

(Foto: KIDDINX Studios)

In der Pandemie lauschen viele Kinder Hörbüchern wie "Bibi Blocksberg" - und lernen die Kommunalpolitiker von der schlechtesten Seite kennen. Über ein überholtes Klischee.

Glosse von Moritz Baumstieger

Dr. Dr. Bruno Presssack hat meist kein Geld dabei, er spekuliert darauf, durch die Buffets und Häppchenteller, an denen er an einem normalen Tag als Bürgermeister so vorbeiflaniert, genug zur Erhaltung seiner stattlichen Figur tun zu können. Ansonsten verspricht er viel, Radwege zum Beispiel, hält aber nur wenig, und das stört Bibi Blocksberg. Also braut die junge Hexe aus Neustadt in Folge 3 eine Zauberlimonade, die der gierige Dr. Dr. Presssack natürlich probiert. Wenig später wird der Bürgermeister grün und fängt an, dummes Zeug zu reden.

Hörspiele entführen Kinder in Fantasiewelten und haben wenig mit der echten Welt zu tun, schon klar. Wer käme denn auf die Idee, dass ein Bürgermeister grün sein könnte und so viel Quatsch von sich gibt? Keiner - außer vielleicht im Falle Tübingens, wo die Radwege aber ausgezeichnet sein sollen. Und vielleicht außer meinem Sohn. Der dürfte nach allem, was ich höre, ein seltsames Bild unserer Kommunalpolitiker haben - und ich höre derzeit recht viel. So wie er. Denn seit er wegen der Pandemie nicht in den Kindergarten geht, läuft bei uns gerne mal ein Hörspiel. Oder wir lesen was vor. Manchmal läuft sogar die Glotze.

Anleitung zur Politikverdrossenheit

Wer sich also recht häufig mit einer weiteren Kinder-CD weitere 45 Minuten ungestörte Arbeitszeit erkauft, dem könnte ein Verdacht kommen: Dass Deutschlands Dorf- und Stadtparlamente nur schwer Nachwuchs finden - der WDR etwa fand in einer Studie für Nordrhein-Westfalen heraus, dass dort nur elf Prozent aller Gemeinde- und Stadträte jünger als 40 Jahre sind -, könnte etwas damit zu tun haben, wie die lokalen Würdenträger unseren Kindern vorgestellt werden. In all den Orten, an denen Hexen und Elefanten, Superhunde und magische Tiere leben, regieren Idioten. Korrupte, Hochstapler, Volltrottel. Kinderbuchseite für Kinderbuchseite, Hörspielminute für Hörspielminute: Anleitungen zur Politikverdrossenheit, Aufmunterung zur Eliten- und Institutionenverachtung.

Weiß mein Sohn, dass ein Dr. Dr. Presssack abends noch die Jahresversammlung des kommunalen Abwasserverbandes vorbereitet? Hat er eine Vorstellung davon, dass ein Bürgermeister Besserwisser, der den Welpen der Fernsehserie "Paw Patrol" das Hundeleben schwer macht, sicher bis in die Nacht über Vorentwürfen von Flächenutzungsplänen brütet? Was das kulinarische Niveau der Buffets angeht, die Kommunalpolitikern in der Regel so dargeboten werden - da müsste mein Sohn gar nicht beim Auftritt von Bürgermeister Klingshirn in "Doctor Döblingers geschmackvollem Kasperltheater" aufpassen, der ein "Jajajajajajaundsoweiterundsoweiter" vom Rathausbalkon lallt, bevor er sich vorne anstellt, um eines der ersten Stücke der Torte zum Stadtgeburtstag zu bekommen. Da könnte er einfach seine Oma fragen, die war bis vor Kurzem zweite Bürgermeisterin ihrer Gemeinde und meines Wissens weder gemein noch korrupt.

Tut er aber nicht. Er hört lieber ein weiteres Mal die "Schule der magischen Tiere", in der die Stadtoberen die schöne Kastanie fällen wollen, um Platz für Parkplätze zu schaffen. Ein Verkehrskonzept wie aus den Siebzigerjahren - also aus jener Zeit, in der Autorinnen und Autoren von Kinderliteratur endgültig keine Lust mehr hatten, mit ihren Werken zur Aufzucht obrigkeitshöriger Untertanen beizutragen. Viele schrieben nun lieber Werke, durch die kleine Anarchos tobten. Oder, positiver ausgedrückt: Kinder, die sicher einmal selbstbewusste Bürger werden, die Entscheidungen vermeintlicher Autoritäten hinterfragen und keinen falschen Respekt mehr vor Typen haben, die ihre Macht missbrauchen.

Was passiert jetzt? Jeder macht, was er will

Die gibt es in der Politik zweifelsohne - weil in Kinderbüchern aber selten US-Präsidenten vorkommen oder fragwürdige Berliner Seilschaften, trifft es eben jene, die den Kindern am nächsten sind. Generelle Politikverachtung lässt sich nun bei den Generationen, die mit diesem Narrativ groß geworden sind, nicht feststellen: Zehntausende Millennials marschieren bei "Fridays for Future"- und "Black Lives Matter"-Demonstrationen. Gleichzeitig dämmern die Ratsversammlungen dieser Republik kollektiv dem Koma entgegen - hat da noch nie jemand den Einfluss von Kinderliteratur hinterfragt?

Anscheinend doch: Uwe Brandl ist Bürgermeister von Abensberg, Präsident des Bayerischen Gemeindetags und Vizechef des deutschen Städte- und Gemeindebunds. Als solcher hat er 2017 ein Kinderbuch geschrieben, in dem kleine Tiere sich mit den großen Aufgaben der Kommunalpolitik auseinandersetzen.

"Die kleine Mäusegemeinde" heißt es. Auf einem Schuldach, so der Autor, "lebt eine Mäusefamilie, und weil die Location so cool ist, haben sie einen unglaublichen Zuzug. Und dann passiert das, was in jeder Gesellschaft passiert, wenn es keine Regeln gibt: Jeder macht, was er will". Weil das ja gar nicht geht, bauen die Mäuse mit Hilfe einer schlauen Eule eine Verwaltung auf. Und wir, wir schalten dann doch vielleicht wieder rüber zur kleinen Hexe. Folge 7, "Bibi Blocksberg heilt den Bürgermeister". Wenn das mal gut geht.

© SZ/chrm
Zur SZ-Startseite
Stimme Bibi Blocksberg

SZ PlusSynchronsprecherin
:Das ist Bibi Blocksberg

Susanna Bonasevicz ist Synchronsprecherin, 65 und spricht seit 40 Jahren eine 13-jährige Hexe. Wie das geht? Ach: "Es ist eine Frage der Haltung."

Lesen Sie mehr zum Thema