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Hochzeit von Kate und William:Am Tag, als der Regen kam

Die Bürgerliche bekommt den Prinzen - das ist so rührend, dass die Romantiksynapsen schon mal durchbrennen können. Wer allerdings meint, das Hochzeitskleid hätte damit was zu tun, der irrt.

Tanja Rest

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach: "Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich, wirf Gold und Silber über mich." Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten sie alle nicht, was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn aber tanzte ganz alleine nur mit ihm...

Ach, Kinder, genau so wird es sein! Zwar hat Kate Middleton in ihrem 29-jährigen Leben wohl eher selten Arbeiten in der Gesindeküche verrichten müssen, auch besaßen ihre Eltern stets Gold und Silber genug, sie allen Anlässen entsprechend aufzubrezeln. Aber sie ist und bleibt eine Bürgerliche, die den Königssohn bekommen wird, und da brennen auch bei hartgesottenen Charakteren die Romantiksynapsen durch.

Nukleus der Märchenhaftigkeit ist natürlich dieses weiße Kleid, in dem sie am 29. April den Gang nach Westminster Abbey antreten wird, und um dessen Hersteller und Look der Palast ein Staatsgeheimnis macht, als handele es sich um den Zugangscode zu einem atomaren Sprengkopf. Opulent oder schlicht? Schulterfrei oder hochgeschlossen? Schleppe: ja oder nein und falls doch - wie lang? Länger als bei Diana?

Die Geschichte königlicher Hochzeiten zeigt übrigens, dass dies alles herzlich egal ist. Das Publikum will sich ja verzaubern lassen und wird ein noch so mittelmäßiges Kleid mit Todesverachtung hochjubeln. Nehmen wir nur einmal Norwegens Mette-Marit, die im August 2001 in einer Robe vor den Altar trat, so schmucklos, keusch und bieder, als gehe sie für immer ins Kloster (was angesichts ihres eher wilden Vorlebens ja auch irgendwie der Fall war). Musste der Designer Ove Harder Finseth dafür Prügel einstecken? Mitnichten. "Wunderbar schlicht", schwärmten die Kommentatoren und priesen die "neue Zurückhaltung" als Zeichen von Volksnähe.

Ganz ähnlich die auch nicht immer stilsichere, weil zu tantenhaften Kostümen neigende Victoria von Schweden. Im Juni 2010 heiratete sie ihren Fitnesstrainer in einem hochgeschlossenen Seidenkleid, dem als Hingucker ein überschaubarer V-Ausschnitt am Rücken sowie eine Schleppe vergönnt waren, was am eher konventionellen Gesamteindruck aber nichts änderte. Die Zeitungen lobten den "raffinierten Minimalismus" und die "Reduktion aufs Wesentliche". Die Gala glaubte immerhin, in der Kreation einen "Traum aus 36 Metern doppellagiger Seide" erkannt zu haben.

Keine Frage, der Trend beim königlichen Brautkleid geht seit vielen Jahren hin zu mehr Bescheidenheit, was in Zeiten wirtschaftlicher Krisen und umstrittener Apanagen einerseits nachvollziehbar, andererseits aber auch ein Jammer ist. Wann, wenn nicht beim "Royal Wedding" kann die staatlich subventionierte Monarchie Abermillionen Fernsehzuschauer teilhaben lassen am Potential ihrer Schatzkammer? Den Vogel in dieser Disziplin hat natürlich Diana abgeschossen, in einem elfenbeinfarbenen Schleifen-plus-Puffärmel-Baiser inklusive Stickerei, Schleier, 10.000 Perlen und Acht-Meter-Schleppe, was man heute wohl als obszön empfinden würde.

Für einen Mittelweg - Glamour, aber nicht zu doll - entschied sich die modisch ambitionierte Letizia, als sie im Mai 2004 den spanischen Kronprinzen Felipe ehelichte. Sie trug ein Modell des katalanischen Designers Manuel Pertegaz, der schon Audrey Hepburn eingekleidet hatte: tiefes Dekolleté, Trompetenärmel, die Seide mit Gold und Silber durchwirkt, die Schleppe fünf Meter lang und mit Lilien bestickt. Es war ein mutiges, fantastisches Kleid. Und dann? Regnete es. Nein, es kübelte nur so auf die Braut herunter, und hinterher redeten alle bloß davon, was für ein grässliches Pech das war.

Das Brautkleid von Kate Middleton werden die Leute schon schön finden. Viel wichtiger, seien wir doch mal ehrlich, ist schönes Wetter.

© SZ vom 13.04.2011/bre
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