Neulich war ich auf eine Hochzeit in Österreich eingeladen, eine sogenannte Adults-only-Hochzeit. Selbst als Mitglied jener Blase, die jedem Auswuchs des Elternseins einen Anglizismus, eine Diagnose aufdrückt, muss ich sagen: Adults only klingt in meinen Ohren immer ein wenig so, als träfen sich spärlich bekleidete Leute im Whirlpool, um unkonventionellen, vielleicht sexpositiven Dingen nachzugehen. Das Gegenteil war der Fall, klar.
Die gigantisch schöne Braut trug Alabasterweiß, der Bräutigam einen sommerlichen Anzug, am Ende lasen beide ihre Liebesschwüre vor, woraufhin manche weinten und andere Trockenblumen warfen. Hätten also ruhig auch Kinder zusehen können.
Haben sie auch. Entgegen dem Wortlaut der Hochzeitswebsite, dass man ohne Minderjährige feiern wolle (Subtext: ohne Kleinkind-Tyrannei beziehungsweise Autonomiebekundungen), waren dann doch ein paar Babys und Kinder auf der Adults-only-Feier; die des Brautpaares sowie die derjenigen, die keine Oma oder Babysitterin mobilisieren konnten, größtenteils ruhiggestellt mit Limonade und Tablet, also bösem Zucker und deutlich überschrittener Bildschirmzeit.
Keinen scherte das. Wer mit Kindern anreiste, war exponiert, wie Eltern es immer sind, und tanzte mit Babyphone in Sichtweite, als die DJane „That Don’t Impress Me Much“ von Shania Twain auflegte. Die anderen, die sich ans Protokoll gehalten hatten, waren inkognito unterwegs, so auch ich, die ich kaum jemanden auf dieser Feier kannte.
Übermutter, Nichtmutter, Noch-nicht-Mutter, proud boys mum, helikopternde, nervtötende Person, krass karrierefixiert oder bedürfnisorientiert bis zur Schlafstörung? War hier egal.
Bis ich morgens um vier am Rande der Tanzfläche in das beste Gespräch des Abends verwickelt wurde und die Kategorien wieder erwachten. Eine Frau Anfang vierzig schrie mir, um den Techno zu übertönen, ins Ohr, dass solche Feiern für sie nicht einfach seien, als Frau ohne Kinder, Adults only hin oder her. Ich nickte, sie redete weiter. Darüber, wie Freundschaften sich verändern, wenn die einen Eltern werden und die anderen nicht. Darüber, dass Menschen sich quasi mit Verlassen des Kreißsaals und Versenden des ersten Babyfotos auf die andere Seite begeben, ja, auf der richtigen Seite wähnen. Womit sie wiederum auf der falschen Seite stünde, wo man keine Ahnung von gar nichts habe, denn: Du hast ja keine Kinder.
Ich nickte und dachte an meine Freundschaften, die sich gelockert bis aufgelöst hatten, seitdem viele in meinem Radius während der Pandemie Babys bekommen hatten und andere nicht. Ich dachte an die Freundin, die abtauchte, als ich schwanger wurde, an die Freundin, der ich mich nicht mehr so nah fühle, seitdem wir beide Kinder haben, und an die ganz neue Freundin, mit der ich auf dem Spielplatz rumhocke und Eis esse.
Dann outete ich mich als Mutter, die dieses Trennende ebenfalls betrauert, in der Regel trauere ich darüber alleine. Leider gibt es einfach kein gutes Wort für dieses Auseinanderdriften von Eltern und Nicht-Eltern, kein Label für dieses Sich-neu-Ordnen von Beziehungen. Aber dafür sehr viel Sprachlosigkeit. Die Frau nickte.
Zum Abschied umarmten wir uns ziemlich fest und tauschten keine Telefonnummern.
In dieser Kolumne schreiben Patrick Bauer und Friederike Zoe Grasshoff im Wechsel über ihren Alltag als Eltern. Alle bisher erschienen Folgen finden Sie hier.

