HochstapeleiEin "Seal" mit 300 Pfund

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Plötzlich gehört jeder zu den Seals - die Spezialeinheit der US-Marine bietet nach der Tötung Osama Bin Ladens Stoff für Hochstapler in den USA: Übergewichtige und Arthritis-Leidende geben sich verstärkt als Elitesoldaten aus, obwohl diese sich niemals zu erkennen geben würden.

"Sie wollen einen Seal sehen? Dann gehen Sie zu einem Fernfahrerrastplatz, dort wimmelt es derzeit davon." So spricht Don Shipley, der früher tatsächlich bei der Spezialeinheit der US-Navy diente und mittlerweile pensioniert ist.

Soldaten der 1962 gegründeten US-Spezialeinheit Sea-Air-Land (SEAL) während eines Manövers: "Ein wahrer Seal wird Ihnen nicht sagen, dass er einer ist."
Soldaten der 1962 gegründeten US-Spezialeinheit Sea-Air-Land (SEAL) während eines Manövers: "Ein wahrer Seal wird Ihnen nicht sagen, dass er einer ist." (Foto: dpa)

Heute kümmert er sich um den guten Ruf der Elitesoldaten und meldet Hochstapler, die sich als ehemalige oder aktive Seals ausgeben. Sie tragen gefälschte Abzeichen und Medaillen, um bei Frauen Eindruck zu schinden, die Rechnung im Restaurant zu drücken oder kostenlos Sportveranstaltungen besuchen zu können.

Seit die Navy Seals - angeblich mit ihrem berüchtigten Team 6 - am 2. Mai Terrorchef Osama bin Laden töteten, hat Shipley viel zu tun. Das Forum auf der Internetseite usnavyseals.com, einem von der Regierung unabhängigen Auftritt der Soldaten, ist voller Einträge über Erfahrungen mit angeblichen Seals.

Eine Frau, die sich passenderweise "Skeptische Tochter" nennt, erzählt dort, wie ein Mann mit der Behauptung, Kommandant von Team 6 gewesen zu sein, als Bin Laden getötet wurde, derzeit das Herz ihrer Mutter erobern will. "Er ist übergewichtig, klagt über Knieschmerzen und erzählt ihr alles über seine Missionen", schreibt sie und fragt sich, ob US-Elitesoldaten sich wirklich so benehmen würden.

Ein Mann namens Gene schreibt in dem Forum der Seite, die auch Videos der Soldaten online stellt und T-Shirts vertreibt, wo er sie überall zu Gesicht bekommt, die angeblichen Ex-Seals: In Bussen, im Supermarkt, im Steak-Haus. "Lustig, ich wusste gar nicht, dass Seals 300 Pfund wiegen", erzählt Gene.

Bei falscher Behauptung droht Gefängnisstrafe

Manchmal tragen sie das goldene Dreizackabzeichen der Seals an ihren Hüten, manchmal prangen angebliche Ehrenmedaillen an ihrer Brust. Beinahe erheiternd war der Fall von Pastor Jim Moats aus Pennsylvania, der seit Jahren behauptet, mit den Navy Seals im Vietnamkrieg gewesen zu sein und erst kürzlich einer Lokalzeitung ein Interview über diese Zeit gegeben hat.

Elitesoldat im Ruhestand: Don Shipley, 49, diente früher bei den Navy Seals. Nun kümmert er sich um den guten Ruf der Spezialeinheit der US-Marine.
Elitesoldat im Ruhestand: Don Shipley, 49, diente früher bei den Navy Seals. Nun kümmert er sich um den guten Ruf der Spezialeinheit der US-Marine. (Foto: AFP)

Er will sogar Training im Waterboarding erhalten haben - für den Fall, gefangengenommen und auf diese brutale Art verhört zu werden. Erst als Shipley bei der Zeitung anrief und Moats als Betrüger entlarvte, gestand dieser seine Hochstapelei ein und entschuldigte sich bei der Zeitung und seiner Gemeinde. "Auf jeden echten Seal kommen tausend falsche", schätzt Shipley die Lage ein.

Vor Bin Ladens Tod bekam er täglich bis zu 20 Hinweise auf Betrüger, die nach US-Recht mit bis zu einem Jahr Gefängnis für ihre Behauptungen bestraft werden können. Heute sind es locker doppelt so viele.

Landesweit gibt es nur rund 2300 Seals, die eine spezielle Ausbildung durchlaufen müssen. Die Abkürzung steht für Sea, Air, Land - Meer, Luft, Boden - den Einsatzgebieten der Truppe.

Während in einigen Ecken der USA seit dem 2. Mai jeder zu den Seals gehören will, sind sie genau dort unsichtbar, wo es sie wirklich gibt: In Virginia Beach, wo Team 6 stationiert ist. "Ein wahrer Seal wird Ihnen nicht sagen, dass er einer ist", sagt Dilsat Dorsey, die dort einen Schmuckstand betreibt.

Die Seite usnavyseals.com warnt seit Jahren vor angeblichen Seals. Wer demonstrativ in Tarnkleidung voller Abzeichen herumlaufe und von den vielen Toten bei seiner letzten Mission erzähle, sei sehr wahrscheinlich ein Betrüger, heißt es. "Ein wahrer Seal wird sich scheuen, Ihnen seinen Ausweis unter die Nase zu halten."

© sueddeutsche.de/AFP/pak - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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