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Hochsensibel:Sie nennt es "zweite Haut"

Forscher haben herausgefunden, dass bei Hochsensiblen der Thalamus, der Hauptteil des Zwischenhirns, Reize eher als "wichtig" bewertet als bei normalsensiblen Menschen. Viele dieser Reize stuft das Gehirn als Alarm ein - auch wenn es keiner ist. Auch bei Schneider war das so. Viele Situation empfand sie als bedrohlich und wollte fliehen. Jahrelang traute sie sich kaum etwas zu. Zeitweise drohte sogar eine Sozialphobie. Immer in der Angst, wieder eine Panikattacke zu bekommen, vermied sie Situationen, die sie überfordern hätten können - so auch Verabredungen mit Freunden oder mit der Familie.

Dabei war ihre Lebenslust immer da. Deshalb las sie viele Reisebücher, lernte Sprachen und zeigte ihr Interesse an anderen Kulturen bei Get-togethers mit Menschen aus Frankreich, den Niederlanden, Spanien und Amerika. Wenn sie allein war, fühlte sie sich nie schlecht: Sie sagt: "Ich mochte mich immer ganz gern."

Hochsensibilität

Hochsensibilität findet sich laut Untersuchungen bei etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Damit sind eine feine Wahrnehmung von Reizen und die Gefahr, von diesen überflutet zu werden, gemeint. Hochsensible nehmen Reize schneller und stärker wahr, als normalsensible Menschen. Dazu gehört das Ticken einer Uhr, das Bemerken von Details wie dem Muster der neuen Krawatte des Kollegen, eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, sodass bereits ein kleiner Stoß Tränen hervor treibt und selbst das Parfüm der besten Freundin Kopfschmerzen bereitet. Hochsensible erkennen allerdings auch besonders schnell Zusammenhänge, sie sind sehr aufmerksam, hilfsbereit und können sich auch kleine Dinge und Details gut merken.

Erst ein Jahrzehnt nach der ersten Panikattacke stieß Schneider mit der Hilfe eines Psychologen auf die Ursache für ihre Probleme. "Das war eine Offenbarung, eine Erleichterung", erzählt Anna. "Endlich wusste ich, dass ich nicht gestört bin, sondern Sachen einfach anders wahrnehme als andere."

Seither hat sie gelernt, wie es ist, mit ihrer "zweiten Haut", wie sie die Hochsensibilität nennt, umzugehen. Dazu gehört einerseits, dass sie sich jetzt traut, zu sagen: "Ich bin so und ich darf das." Meistens unterscheiden sich ihre Empfindungen nicht von denen anderer Menschen. Denen ist auch manchmal zu heiß und sie brauchen eine Pause. Bei Schneider ist das früher der Fall, aber das stört sie nicht.

Schneiders Hochsensibilität hat nicht nur Nachteile. Sie ist sehr feinfühlig, kann sich gut in andere Menschen hineinversetzen. Für ihre Freunde ist sie deshalb eine gute Beraterin. Auch in ihrem Beruf in der Verwaltung weiß sie ihre vermeintliche Schwäche als Stärke einzubringen: Sie kann schnell kombinieren und erkennt Zusammenhänge vor anderen. Zudem sei die Gesellschaft mittlerweile viel aufgeschlossener, sagt sie. Seit sie das begriffen habe, fühlt sie sich in ihrer zweiten Haut wohler.

© SZ.de/lala/segi/lot
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