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Architektur:Luft nach oben

Der Entwurf für ein 270 Meter hohes Wohngebäude in Sydney.

(Foto: Architekturbüro Ingenhofen)

In deutschen Städten entstehen viele neue Wohntürme. Ist das die Zukunft? Fühlen wir uns da wohl? Ein Besuch bei Menschen, die dem Bodenständigen entkommen sind.

Der Aufzug surrt so futuristisch wie vom Sounddesigner gestimmt in den zehnten Stock. Michael Ziller, Architekt, Stadtplaner und Chef des angesehenen Planungsbüros Zillerplus, Anfang 50 ist er, macht dem Reporter im Münchner Wohnhochhaus namens "Friends" freundlich-gelassen die Tür auf. Er wohnt hier. Und damit, also mit der im Wortsinn friendsgemäßen Freundlichkeit, hätte man jetzt nicht unbedingt gerechnet.

Denn etliche Studien und Untersuchungen zur Wohnraumpsychologie in höheren und höchsten Häusern legen eher das genaue Gegenteil nahe. Demnach leben in der Höhe nicht nur die gefiederten Freunde der Menschheit, Mauersegler zum Beispiel, die jetzt mit ihren Sriihsriih-Rufen den heranziehenden Sommer ankündigen, sondern auch etwas, sagen wir, eigenartige Mitmenschen. Die nicht mal um die Mauern segeln, sondern nur aus diesen heraus- und hinuntergucken wollen.

Der aus Dresden stammende Architekturpsychologe Peter Georg Richter sagt etwa im Interview mit der Schweizer Fachzeitschrift Baublatt, dass die mit Wohnhochhäusern angestrebte städtische Dichte aus architekturpsychologischer Sicht eher nur zur Hälfte erstrebenswert sei. Was die andere Hälfte angeht: "Zu viel Enge, sogenanntes Crowding, hat negative Effekte und kann zu Cocooning und Vereinzelung führen."

Das "Federpicken" als aggressive Kampfhaltung ist auch aus Legebatterien für Hühner bekannt. Aber Michael Ziller pickt nicht nach Federn. Stattdessen bietet er dem Gast einen Espresso an - und eine spektakuläre Aussicht auf München.

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Hochhaus-Debatte

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In der Ferne: der Gipfel der Zugspitze

Vom ovalen Esstisch, der die 68 Quadratmeter große, aber großzügig wie ein heller, lichter und geräumiger Allraum organisierte Wohnung gastfreundlich dominiert, sieht man in der Ferne die Türme der Frauenkirche, dazu den Fernsehturm, das Olympia-Areal, den Gipfel der Zugspitze und, ganz nah zur Linken, das gewaltige, archaisch suggestive Gewölbe der Paketposthalle. Wie eine halbverbuddelte Bierdose für Titanen liegt die Halle als Fanal der Nachkriegsmoderne im Wimmelbild der Stadt. Ein ICE gleitet über die Gleise.

Architekt im Hochhaus, Friedenheimerbrücke 19

Der "Friends"-Wohnturm an der Friedenheimer Brücke in München.

(Foto: Florian Peljak)

Mit Blick auf die Bergspitzen und die Dachspitzen, auf Stadt und Natur, könnte man fast denken, dass hier im zehnten Stock Kurt Tucholskys Gedicht vom "Ideal" aus dem Jahr 1927 doch einmal wahr geworden ist: "Ja, das möchste: / Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, / vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße; / mit schöner Aussicht, ländlich-mondän, / vom Badezimmer ist die Zugspitze zu sehn - / aber abends zum Kino hast dus nicht weit." Also, wenn man mal Villa, Ostsee und Friedrichstraße beiseitelässt.

Die beiden je 53 Meter hohen "Friends"-Türme (Entwurf 2017 durch die Münchner Architekten Allmann Sattler Wappner), die insgesamt fast 50 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche umhüllen, und deren Fassaden facettenhaft, also charakteristisch räumlich gestaltet sind und an den Schliff von Edelsteinen erinnern, befinden sich in der Nähe vom Hirschgarten und direkt an der Friedenheimer Brücke über den Gleisanlagen zwischen Pasing und Hauptbahnhof. Es ist ein Ort, den man so beschreiben kann: städtisch dicht und anregend. Lebendig. Lebensbejahend. Urban. Und ab und zu guckt ein Mauersegler durch Zillers Panoramafenster. Sriihsriih.

Nein, wie ein Kokon (siehe das eingangs erwähnte Gefahrenpotenzial des "Cocooning") sieht Zillers Habitat eigentlich nicht aus. Und entfremdet oder ängstlich wirkt der Architekt schon gar nicht, obwohl die Metastudie von Robert Gifford schon 2007 zeigen wollte, dass das Wohnen in Hochhäusern tendenziell zu Entfremdung führe und Menschen in Hochhäusern aufgrund fehlender nachbarschaftlicher Beziehungen ängstlicher seien als der Durchschnitt der Wohnbevölkerung.

Übrigens soll es auch, einer anderen Studie über "Freizeitmobilität im Hochhaus" zufolge, so sein, dass Bewohner aus den oberen Etagen an den Wochenenden häufiger mit dem Auto aufs Land fahren, "als diejenigen, die unten wohnen". Ist das eine Fluchtbewegung?

Architekt im Hochhaus, Friedenheimerbrücke 19

Der Münchner Architekt Michael Ziller wohnt im „Friends“-Haus.

(Foto: Florian Peljak)

Das will man jetzt ganz genau wissen. Herr Ziller, fahren Sie denn öfter mal aufs Land am Wochenende? Der Architekt lacht und sagt: "Zu Fuß oder mit dem Rad bin ich schnell im nahen Hirschgarten. Das ist Land genug. Und außerdem sehe ich die Berge von hier aus."

Er sei, sagt er, eher der Stadt- als der Landtyp. Ziller mag Hochhäuser. Eigentlich schon immer. Aber noch mehr, seit er von 2011 bis 2015 von München aus immer wieder seine Frau Irene Port in Hongkong besuchte. Damals wohnte sie im 32. Stock. Dagegen ist das aktuelle Habitat im zehnten Geschoss fast schon etwas grasmückenhaft Bodenständiges.

Immer mehr Hochhäuser, die früher vor allem als Konzernzentralen und Prestigeobjekte dienten, werden nun als superschlanke Wohntürme geplant. 2017 wechselten (nach Angaben der Immobiliengesellschaft City Realty) in Manhattan rund 12 000 Wohnungen für insgesamt 26 Milliarden Dollar die Besitzer. Apartments für zehn Millionen Dollar und mehr machten rund ein Fünftel der gesamten Transaktionen aus.

Wohntürme und Bürohochhäuser in Frankfurt

Die Computersimulation zeigt den geplanten Wohnturm 'Grand Tower' in Frankfurt, er soll 172 Meter hoch werden.

(Foto: Willi Brandt/dpa)

Auch in Deutschland entstehen neue Wohntürme. Laut Pandion-Marktreport sind es 11 467 Wohnungen in 78 Wohnhochhäusern bis 2020. Allein in den größten deutschen Städten. "Der Trend zum Wohnturm setzt sich fort", als Treiber gelten Flächenmangel und Einwohnerzuwächse - aber auch die neuen Images jener Türme, die früher als soziale Brennpunkte galten. Längst haben die Wohnungen oben die Häuser unten als Hintergrund der Homestorys in den Hochglanzmagazinen abgelöst. In Frankfurt wirbt zum Beispiel der neue 172 Meter hohe "Grand Tower" mit einer luxuriösen Ausstattung, einem "hausinternen Concierge-Service" und einem knapp tausend Quadratmeter großen Dachgarten. Ab der 43. Etage, wo sich auch das "Sunset Deck" befindet, kostet die Vierzimmerwohnung schnell mal drei bis vier Millionen Euro. Man kann sich ausrechnen, was das für ein Geschäft ist, wenn dort insgesamt 400 Wohnungen verkauft werden.

In Hongkong gibt es ein Projekt des Architekturbüros James Law Cybertecture: Betonwasserrohre werden zu Mikroapartments umgewandelt. Hongkong ist bekannt für seinen Wohnraummangel, weshalb hier der Begriff "Moskito-Apartments" geprägt wurde. Das sind Wohnungen, groß genug für Stechmücken. Nur dass Menschen darin wohnen. In Hongkong gibt es über 300 Gebäude mit einer Höhe von mehr als 150 Metern, womit die Metropole Platz eins in der Rangliste der Städte mit den meisten Wolkenkratzern belegt. München, Deutschland, ja Europa insgesamt: Die spielen alle nicht ganz in dieser Liga. Muss ja auch nicht sein.

Mit einem klugen Stadtort lässt sich punkten

"Dennoch wird man sich auch in unseren Regionen zunehmend mit dem Wohnen in höheren Häusern beschäftigen. Man muss ja nicht immer gleich einen neuen Höhenrekord anstreben", sagt Architekt Michael Ziller. In den Großsiedlungen der Nachkriegszeit habe man das Wohnen hierzulande schon einmal in die Höhe verdichtet. Allerdings auf der grünen Wiese - mit wenig architektonischer Ambition. "So ist das Wohnen in der Höhe in Verruf geraten. Es wurde stigmatisiert." Heute brauche ein Wohnhochhaus den urbanen Kontext, einen klug gewählten Standort - dann könnte man damit punkten. Auch dort, wo man das Wohnen darin noch nicht so gewohnt ist. Wie in Deutschland, wo die Doppelhausgegenden ja bisweilen eher an Hobbithöhlen in Mittelerde als an zeitgenössische Städte erinnern. Abgesehen davon, dass ein solches Wohnen, ein Haus für eine Familie, für bald acht Milliarden Menschen weder ökonomisch auch nur annähernd möglich, noch ökologisch auch nur annähernd sinnvoll ist.

Auch Dietmar Holzapfel, Wirt der Deutschen Eiche und bekannter Aktivist in München, ist ein Luftmensch. Manchmal. Dann bewohnt er in der Innenstadt eine grandiose Wohnung im siebten Himmel, nämlich in "The Seven". Das ist ein umgebautes früheres Heizkraftwerk an der Müllerstraße 7, das nun angeblich zu den teuersten Bleiben der Stadt München gehört. Wenn man oben in Holzapfels Wohnung steht und München einfach mal umarmen will, weil es so schön ist, ahnt man bald, dass das neuere Wohnen im Himmel über München eine Frage des Preises sein dürfte. An dieser Stelle sollte man sich aber vor simplen Sozialneidreflexen hüten. Dazu strahlt einen auch der nahe Himmel gerade viel zu gut gelaunt an.

Dass Menschen mit Geld und Geschmack zunehmend gern oben statt unten wohnen, muss wohl das sein, was man Paradigmenwechsel nennt. Was früher der Bungalow war, ein Haustyp, der seine Erdverbundenheit schon im Namen (low, niedrig) trägt, ist heute das Hochhaus-Apartment: ein weithin sichtbares Distinktionsmerkmal in Zeiten von Verstädterung und urbaner Lebensweise. Auch deshalb gehen etwa in New York die Preise für Luxusimmobilien nicht nur geldhaft, sondern auch baulich seit Jahren nur in eine Richtung. Durch die Decke.

Hochhaus-Lebensraum als Geldspeicher

Jetzt muss man nur aufpassen, dass aus dem Trend nicht Brennpunkte werden für Leute, die nie daheim sind, weil sie eigentlich in Moskau, Dubai oder Shanghai leben und die hohen Lebensräume nicht zum Leben, sondern nur als Geldspeicher benötigen. Und natürlich zur Beantwortung der Warum-Frage: "Weil ich es kann." Es wird Zeit, auch das Wohnen oben preislich variabel zu gestalten. Möglich ist es.

Gut, dass außer Investoren auch Normalverdiener gerne oben wohnen. Dazu gehören Fred und Minnefried Steinbichler. Seit mehr als vierzig Jahren wohnen sie im 16. Stock in Neuperlach. Neue Heimat pur. Der Block der Steinbichlers wäre demnach ein Stigma. Einer Umfrage der Bausparkasse LBS West zufolge "haben Hochhäuser das schlechteste Image aller Wohnformen". Aber nur, sagt Minnefried Steinbichler, "weil die Menschen es nicht besser wissen". Und: "Wir sind hier glücklich. Seit mehr als vierzig Jahren." Das Glück kennt auch Manfred Strässle, Apartment 920 im Münchner Arabellahaus. "Der Blick", sagt er, "dieser Blick. Als ich hier eingezogen bin, dachte ich: Mein Gott, ist das cool."

Michael Ziller, der Architekt im Friends-Turm, hat keinen Fernseher. "Wozu soll man fernsehen", will er wissen, "wenn man auch in die Ferne sehen kann?"

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