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Hobby:Die Pappstadt

Als Kind hat Karl Sperber angefangen, Häuser aus Pappe zu bauen - und nie wieder damit aufgehört. Jetzt ist er 78 Jahre alt und hat eine ganze Stadt aus Wolkenkratzern.

Sein erstes Haus war gerade mal so groß wie ein Daumen. Karl Sperber klaute dafür einen Pappdeckel aus dem Müll, zeichnete die Fenster mit Bleistift auf, schnitt den Karton mit einem Messer leicht ein, faltete ihn und klebte die Seiten zusammen. Da stand es vor ihm, ein kleines Hochhaus - und Karl Sperber war glücklich. Denn es sah genauso aus wie die Wolkenkratzer in den amerikanischen Großstädten, die er wohl nie sehen würde. Zumindest dachte er das damals, denn er war gerade mal sechs Jahre alt.

In einer Zeitschrift hatte er kurz zuvor ein Foto von Chicago gesehen und war fasziniert: "Was für eine beeindruckende Architektur, was für klare Formen!" Solche Häuser wollte er auch haben. Aber natürlich hatte er als kleiner Junge kein Geld, um sich ein echtes Hochhaus zu bauen. Deshalb baute er sich eben eines aus Pappe. Seine Mutter, eine Bäuerin, fand das gut. Sie freute sich, dass ihr Sohn ein Hobby gefunden hatte, das ihn ablenkte und Freude machte. Kurz zuvor war Karls Vater als Soldat gestorben, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war hart für die Familie. Deshalb träumte sich Karl gern weit weg, um weniger traurig zu sein. Er baute und baute - und hörte nicht mehr auf.

Damals war Karl Sperber sechs Jahre alt, heute ist er 78. In den vielen Jahrzehnten dazwischen hat er eine Großstadt geschaffen, die alles hat, was echte Städte haben: Wolkenkratzer, Villen, einen Flughafen, Kirchen und Fabriken zum Beispiel. "Ich besitze heute mehr Hochhäuser als Donald Trump", sagt der ehemalige Möbelverkäufer stolz. Sein Antrieb: Aus Nichts etwas machen, eine Stadt aus Müll erschaffen. Das hat gut geklappt: Tausende Häuser stehen inzwischen in einem ehemaligen Büro, das Karl Sperber extra für seine Stadt gekauft hat.

Das Büro liegt direkt an der Hauptstraße seines Heimatorts. Und auch wenn es von dort nicht in die weite Welt geht, für Karl Sperber ist genau dort das Zentrum des Universums. In diesem Raum ist er Schöpfer und Architekt. Er selbst nennt sich aber lieber Bastler. Und statt Pappe sagt Karl Sperber lieber Babberdeggl, denn er kommt aus einem kleinen Ort in Franken, und dort spricht man eben so.

Seine Werkstatt hat er gleich nebenan. "Wenn ich da bin, ziehe ich die Vorhänge auf. Das wissen auch meine Freunde, sie kommen dann vorbei und schauen mir zu." Mitgebastelt hat noch keiner, nur einige der Kinder. "Dabei tut es so gut, etwas mit den eigenen Händen zu machen", sagt Sperber. Für ihn ist das die beste Entspannung. Besser als Sauna oder Fernsehschauen oder Zeitung lesen oder Kaffee trinken. Manchmal faltet der Franke sogar mehrere Häuser in einer Woche, dabei hört er Klassik oder amerikanischen Jazz von Glenn Miller oder Benny Goodman.

Längst ist in dem 40 Quadratmeter großem Raum (das ist ungefähr so groß wie die eine Seite eines Badminton-Spielfeldes) kein Platz mehr für alle Werke. Immer häufiger muss sich Karl Sperber entscheiden und auch mal Häuser wegpacken. Das ist eine echte Qual für ihn, denn er hat alle seine Häuser gern und noch nie eines weggeworfen. "Außerdem geht dann das Gekreische wieder los", sagt der 78-Jährige mit einem Schmunzeln im Gesicht. Er meint damit: seine Häuser. "Die rufen alle durcheinander: Nein, ich will da nicht stehen. Nicht neben dem da!" Auch die "Prinzessin" bereitet ihm häufig Kopfzerbrechen. So nennt er ein etwa 50 Zentimeter hohes Gebäude, das seinen Platz in der Stadt noch nicht so recht gefunden hat. Aber wenn seine Schützlinge sich nicht wohlfühlen, kann Sperber nicht schlafen. Dann denkt er nach: Über den richtigen Platz für die Gebäude, seine nächsten Bauten und seinen größten Traum. Und der ist ausnahmsweise nicht aus Pappe.

"Mein größter Traum wäre ein Restaurant mit einer Drehscheibe in der Mitte. Darauf würde meine Stadt stehen und beim Essen kann man sie bewundern." Häufig fährt Karl Sperber nach Frankfurt am Main und blickt ehrfürchtig in den Häuserschluchten nach oben. Einmal hat er es auch bis nach Los Angeles geschafft in den USA und die großen Brüder und Schwestern seiner Häuser besucht. Richtig Zuhause fühlt er sich aber nur, wenn er wieder in seine eigenen vier Wände zurückkehrt - aus Pappe.

Weihnachtstipp vom Papp-Bastel-Baumeister:

"Es muss ja nicht gleich das Empire State Building sein. Man sollte lieber mit etwas Einfachem anfangen. Wie wäre es mit einer Krippe? Dann kann man sogar Weihnachten mit seinem Werk feiern. Am besten erst mal in eine Kirche gehen und Eindrücke sammeln: Wie soll die Krippe aussehen? Dann zuhause eine Skizze zeichnen und diese mit einem Bleistift auf die Pappe übertragen. Fenster zum Beispiel sollte man genau aufmalen und erst dann ausschneiden. Die Schere kann man auch verwenden, um damit die Kanten anzuritzen, die man später knicken will. Zum Zusammenkleben reicht normaler Bastelkleber. Ich setze meine Häuser am Schluss auf eine Pappplatte. Darauf stehen sie sicher."