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HIV:Warum Aids immer noch ein Tabu ist

Charlie Sheen listens during an interview with host Matt Lauer on the set of NBC's 'Today' show in Manhattan

In einer TV-Show machte Schauspieler Charlie Sheen seine HIV-Infektion öffentlich.

(Foto: REUTERS)

Drei Jahrzehnte Aids-Aufklärung - und doch klagen viele HIV-Infizierte über Diskriminierung. Hollywood-Schauspieler Charlie Sheen soll sogar damit erpresst worden sein. Hat sich denn gar nichts geändert?

Ein Prominenter sagt vor laufender Kamera: Ich bin HIV-positiv. Er bekommt viel Zuspruch, Ermutigung. Der Tenor lautet: Das war ein wichtiges Signal gegen Vorurteile und Ausgrenzung.

Fast 25 Jahre ist das her. Als Earvin "Magic" Johnson, damals Basketball-Superstar, sich 1991 zu seiner HIV-Infektion bekannte, sagte er: "Man glaubt immer, das ist nichts, was mir passiert. Aber es kann jedem passieren, sogar mir, Magic Johnson." Seine Pressekonferenz gilt als Meilenstein in der öffentlichen Wahrnehmung der Krankheit. Denn er war kein Homosexueller, kein Drogensüchtiger, keiner von denen, die sonst die Betroffenen waren. Johnson war ein Star, ein Familienvater. Die Debatte über HIV schien angekommen in der Mitte der Gesellschaft.

Und heute? Wieder hat ein Prominenter seine HIV-Infektion öffentlich gemacht. "Es ist ein Wendepunkt in meinem Leben", sagte US-Schauspieler Charlie Sheen in der Today-Show des US-Fernsehsenders NBC. Vor vier Jahren habe er die Diagnose erhalten, seither nehme er Medikamente, die den Ausbruch von Aids verhindern sollen.

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Die Reaktionen klingen gar nicht so anders als damals. "Wir wünschen Mr. Sheen, dass er selbstbewusst und offensiv mit seiner Situation umgehen kann. Dass ein Hollywood-Star offen über seine HIV-Infektion spricht, ist eine Chance. Es zeigt, dass man auch mit HIV mitten im Leben stehen kann", kommentierte Manuel Izdebski vom Vorstand der Deutschen Aids-Hilfe das Interview des Schauspielers.

Mitten im Leben?

Ist es also nach wie vor nicht selbstverständlich, dass Menschen mit dem HI-Virus mitten im Leben stehen? Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren getan?

Anfang der Achtzigerjahre schreckt die neue Krankheit Mediziner auf. 1981 berichtet eine Fachzeitschrift zum ersten Mal über die Infektion mit dem Namen AIDS. Die Abkürzung steht für Acquired Immune Deficiency Syndrome, zu Deutsch "erworbenes Immundefektsyndrom". Vier Großbuchstaben, von denen man zunächst nicht recht wusste, wie man sie aussprechen soll, werden zur Chiffre für weit mehr als die Krankheit. Denn betroffen sind zunächst vor allem gesellschaftliche Außenseiter: Homosexuelle, Drogensüchtige, Prostituierte.

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Der Schauspieler macht seine Erkrankung im US-Fernsehen öffentlich - offenbar wurde er seit längerem erpresst.

Das bayerische Kabinett verabschiedet einen bundesweit einmaligen Maßnahmenkatalog, der von Beamtenanwärtern einen negativen HIV-Test verlangt und bei Prostituierten und Heroin-Abhängigen Zwangstests vorsieht. Aids - das hatten die anderen, diejenigen, deren Leben nicht gängigen Normen entsprach. "Sind die nicht eigentlich selbst schuld", hieß es hinter vorgehaltener Hand.

Sogar Ärzte und Angehörige gehen auf Abstand

Gleichzeitig kämpfen Mediziner in den Kliniken mit den Auswirkungen der Infektion - zunächst ohne viel über den Verlauf zu wissen. "Die Zahl der Neuinfektionen war Mitte der Achtziger am höchsten, damals fing das große Sterben an", erinnert sich Ärztin und Forscherin Eilke Brigitte Helm, eine Pionierin im Kampf gegen Aids, in einem Gespräch mit dem SZ-Magazin an jene Jahre.

In den Aufklärungskampagnen zu Aids und HIV ging es von Anfang an nicht nur darum, den Ausbruch einer Krankheit zu verhindern, sondern auch um den gesellschaftlichen Umgang mit Infizierten und Erkrankten. Seit Mitte der Achtzigerjahre sind Aids und HIV zentrale Themen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA). "Gib Aids keine Chance" ist nach Angaben der BzgA die größte und umfassendste Kampagne zur gesundheitlichen Aufklärung in Deutschland.

Es zeigte sich, dass doch nicht nur "die anderen" betroffen waren. An Aids erkrankten auch Kinder, die mit dem Virus verseuchte Blutkonserven erhalten hatten. HIV-positive Prominente traten an die Öffentlichkeit. Damit stieg die Akzeptanz für Aufklärung, für Hilfe und Solidarität. Es gab Spendengalas und öffentliche Solidaritätsbekundungen in Form einer kleinen roten Schleife, dekorativ am Revers oder am Dekolleté getragen. Aidsprävention war Pflichtthema in den Schulen. Das Thema Aids, damals noch eine oft tödliche Krankheit, war raus aus der Tabu-Ecke. Zumindest sah es so aus.

Medikamente halten das Virus in Schach

Trotzdem überholte irgendwann der medizinische Fortschritt den gesellschaftlichen Diskurs. Eine HIV-Infektion ist heute kein Todesurteil mehr. Betroffene - in Deutschland sind es etwa 83 400 - können jahrzehntelang mit dem Virus leben, sofern sie rechtzeitig und regelmäßig Medikamente bekommen. Trotz Aufklärungskampagnen und Medikamenten gehe die Zahl der Neuinfektionen allerdings nicht zurück, stellt das Robert-Koch-Institut fest. 3200 neue Diagnosen gab es im Jahr 2014.

Aids "In solchen Zeiten funktioniert keine Aufklärung"
SZ-Magazin
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Seit HIV 1982 erstmals in Deutschland diagnostiziert wurde, kämpft die Frankfurter Ärztin Eilke Brigitte Helm dagegen: Unermüdlich behandelt sie Patienten, forscht und schreibt. Ein Gespräch über Aids damals und neue Gefahren heute.

Sofern HIV-Infizierte einfache Vorsichtsmaßnahmen beachten, stellen sie keine Gefahr für andere dar. Das Virus wird durch Blut oder Sperma übertragen, geschützter Sex und entsprechende Vorkehrungen bei medizinischen Behandlungen verhindern eine Infektion. Es gibt daher keinen Grund, alltägliche Sozialkontakte zu Infizierten zu meiden.

Diese Informationen sind in der Öffentlichkeit durchaus angekommen. Die jüngste Ausgabe der Untersuchung "Aids im öffentlichen Bewusstsein", die jährlich von der BzgA durchgeführt wird, ergab, dass nur acht Prozent der Bevölkerung Aids für eine der gefährlichsten Krankheiten halten. Anfang der 90er Jahre lag der Wert bei knapp 60 Prozent.

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Je eher eine HIV-Infektion diagnostiziert wird, desto besser lässt sie sich behandeln. Doch selbst Ärzte übersehen die Anzeichen mitunter. Dabei gibt es einige Erkrankungen, die auf eine HIV-Infektion hindeuten können - und zur Sicherheit einen Aids-Test nach sich ziehen sollten.

Dennoch gehört für viele Betroffene Stigmatisierung zum Alltag. 2012 veröffentlichte die Deutsche Aids-Hilfe erstmals Daten zur Diskriminierung von Menschen mit HIV. Demnach hatten knapp 77 Prozent der Befragten Diskriminierung erlebt: Klatsch und Tratsch, Beleidigungen, tätliche Angriffe - sogar durch Ärzte und Angehörige: Rund 20 Prozent wurde wegen ihrer HIV-Infektion eine medizinische Behandlung verweigert. 30 Prozent haben sich von ihrer Familie zurückgezogen. HIV-positive Menschen müssen damit leben, dass andere in ihnen ein Risiko sehen.

Um sich "aus diesem Gefängnis zu entlassen", sei er mit der Nachricht über seine HIV-Infektion an die Öffentlichkeit gegangenen, sagt Charlie Sheen. Damit sprach er auch auf Erpressungen an, denen er ausgesetzt gewesen sei. Eine Prostituierte habe ein Foto von seinen Medikamenten gemacht und Schweigegeld gefordert. Das ist die Nachricht hinter der Nachricht. Bei HIV geht es nach wie vor nicht nur um Gesundheit und Krankheit. Sondern um die Bewertung von Lebensweisen, um Tabuthemen wie Sexualität, um gesellschaftlichen Leumund. Wie man lebt und wen man liebt - und was die anderen davon halten.

Die aktuelle Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, aufgelegt anlässlich des Welt-Aids-Tags im Dezember, trägt den Titel "positiv zusammen leben". "Was machst du, wenn dein Date HIV hat?" "Was macht ihr, wenn euer Stürmer HIV hat?", steht in dicken, weißen Lettern auf den knallfarbigen Plakaten. "Weiter kräftig Komplimente", lautet die Antwort. Oder: "Hoffentlich viele Tore". Unbegründete Ängste wolle man ansprechen und überwinden und auf diese Weise "einen respektvollen und angemessenen Umgang mit HIV-positiven Menschen fördern", hieß es zum Auftakt der Kampagne.

Auch das hat man vor 25 Jahren schon ähnlich formuliert. Für das Bemühen, dem Thema HIV das Stigma zu nehmen, braucht es einen langen Atem. Denn die Gesellschaft hält nach wie vor Abstand.