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Historie:Wir sind die Roboter

Was gestern Fiction war, ist auf der Computermesse Cebit schon Science von heute: Die künstliche Intelligenz erobert Wirtschaft und Alltag - und löst Ängste aus. Eine kleine Kulturgeschichte der Automatenwesen.

Als "Rise of the Machines" 2003 in die Kinos kommt, ist die Begeisterung verhalten. Der dritte Teil der Terminator-Reihe ist in der Tat weitgehend einfallslos, umso bemerkenswerter ist jedoch ein Detail. Es geht wieder einmal um den epischen Kampf von Maschinen gegen Menschen, doch diesmal macht der Terminator eine überraschende Entwicklung durch. Für die Evolution der Roboter ist sie etwa so wichtig wie für den Menschen die Fähigkeit, das "Ich" zu denken.

Der gute Terminator - Modell T-850 - landet auf der Erde, um den Helden John Connor vor dem bösen Terminator, dem T-X, zu beschützen. Der T-X besitzt jedoch die Fähigkeit, andere Maschinen zu kapern und fernzusteuern. Er programmiert T-850 darauf, Connor zu töten. Als der T-850 auf diesen trifft, ringen in ihm seine alte und seine neue Bestimmung: Connor zu retten und Connor zu töten. T -850 kann seinen Loyalitätskonflikt nicht lösen, er wendet die Aggression gegen sich selbst und schaltet sich mit Gewalt aus. Statt wie seine Vorgänger die gespeicherten Algorithmen starr abzuarbeiten, wird der er durch einen sehr menschlichen Makel gelähmt.

Dieses neue Bild vom Roboter seit der Jahrtausendwende geht einher mit einem enormen Fortschritt in der wahren Welt: Dort haben die Menschmaschinen laufen gelernt. Der aufrechte Gang, für den Menschen selbstverständlich, war für Programmierer die Hölle. Beim Gehen ist der Mensch in jeder Sekunde Kräften ausgesetzt, die er austarieren muss. Dabei ist die Kontaktfläche zum Boden, die Füße, im Vergleich zum Rest des Körpers äußerst klein. Dies in eine mathematische Formel zu packen, schien lange Zeit unmöglich zu sein.

In den Palastgärten der Kalifen gibt es Bäume voller mechanischer Singvögel

Im Jahr 2000 stellt das japanische Unternehmen Honda "Asimo" vor. Rund 30 Wissenschaftler haben 15 Jahre an ihm gearbeitet. Asimo ist 1,20 Meter groß, er kann selbsttätig aufstehen und so schnell laufen wie ein Mensch. Selbst Treppen sind kein Problem. Plötzlich sind die Menschen imstande, Visionen der vergangenen Jahrhunderte Realität werden zu lassen. "More human than human is our motto", sagt Mastermind Dr. Eldon Tyrell in dem Film-Klassiker "Blade Runner", in dem die sogenannten Replikanten äußerlich nicht mehr vom Menschen zu unterscheiden sind.

'The Monster Robot', 1932.

"Der Monsterroboter", Schaustück bei der Radioausstellung in London, 1932.

(Foto: Getty Images)

Das erscheint inzwischen zumindest nicht mehr vollkommen absurd. Bei der Computermesse Cebit jedenfalls, die gerade in Hannover zu Ende ging, wimmelte es nur so von Robotern. Manche können Pizza backen, andere Menschen operieren. Einige sind so programmiert, dass sie bereits Patienten mit Demenz betreuen. Nach der Generation Smartphone komme nun die Generation Roboter, hieß es in Hannover.

Der technische Fortschritt ist in dieser Entwicklung immer nur ein Element gewesen. Ein anderes war die Vorstellung, die sich die Menschen von den Maschinen machten. Das erweiterte Bewusstsein des Terminators T-850 markiert dabei den vorläufigen Endpunkt einer Maschinen-Evolution, die bereits im alten Griechenland begann.

In der Ilias beschreibt Homer zwanzig dreibeinige Kreaturen, die der Gott Hephaistos auf goldene Räder montiert hatte, um den Göttern auf dem Olymp zu dienen. Unterstützt werden sie dabei von zwei weiblichen Assistenten in Gold - es sind die ersten humanoiden Roboter in der westlichen Literaturgeschichte.

Diese noch Sagen-haften Skizzen der ersten Menschmaschinen sollen bald Wirklichkeit werden: In der ägyptischen Stadt Alexandria hantieren Ingenieure mit Druckluft oder Wasserkraft und entwickeln eine mechanische Gestalt, die immerhin Wein ausschenken kann. Diese Experimente sind die Basis, auf der im frühen Mittelalter die Techniker des byzantinischen Reiches und der islamischen Welt die Entwicklung weitertreiben. In den Palastgärten der Kalifen gibt es Feuer speiende Löwen und Bäume voller mechanischer Singvögel. Die Imitation der Natur gilt als Zeichen dafür, dass man die Welt beherrscht.

Als der italienische Diplomat Liutprand von Cremona 949 nach Konstantinopel reist, die größte Stadt der Christenheit, erlebt er schier Unglaubliches, denn der oströmische Kaiser Konstantin VII. empfängt seine Gäste mit einem großen Spektakel. Zwei goldene Löwen, die neben seinem Thron sitzen, fangen plötzlich an zu brüllen und mit dem Schwanz zu schlagen. Gleichzeitig schraubt sich der Thron des Herrschers langsam gen Himmel empor. Während sich Liutprand dieses Wunder noch erklären kann - eine Mechanik "wie bei unseren Weinpressen" - lassen ihn die Löwen schauderhaft fasziniert zurück.

Vom "Meister der Maschinen" in Versailles bis zur Debatte um eine "Robotersteuer" von heute

Die Automatenkunst erregt im rückständigen Westeuropa Misstrauen, sie wird als etwas Fremdes, gar Unchristliches gesehen. "Die Zeitgenossen bemerkten schon, dass eine bewegliche Mechanik im Spiel war", erklärt die Historikerin Elly Truitt. "Aber sie waren nicht imstande, solche Apparate nachzubauen. Deshalb nahmen sie als Erklärung zu Hilfe, was ihnen besser vertraut war: das Wirken von Dämonen." Die Automaten werden in Reimen und Gesängen verbrämt, in Gemälden aus dem 15. Jahrhundert tauchen sie als feindlich gesonnene, kupferne Ritter auf.

Mit "R.U.R." von Karel Čapek fing 1921 die Roboter-Literatur an.

(Foto: mauritius images)

Seit dem späten 13. Jahrhundert hatten Westeuropäer dennoch begonnen, die Mechanik der Automaten zu kopieren und weiterzuentwickeln. Robert II., Graf von Artois, lässt im nordfranzösischen Hesdin gleich einen ganzen Park im Stile byzantinischer Herrscher anlegen. In der Renaissance gehören die Automaten vor allem in Frankreich bereits zum Standard bei Hofe; mehr als 500 Jahre nach Kaiser Konstantin besitzt auch Ludwig XII. einen mechanischen Löwen. Der schlägt zwar nicht mit dem Schwanz, bleibt aber auf Befehl stehen und hebt das französische Wappen. Mit den Automatenbauern entsteht ein neuer Beruf, deren berühmtester Vertreter Jacques de Boulogne ist: "Meister der Maschinen des Schlosses und der Gemälde".

Eigentlich als Maler ausgebildet, wird er damit beauftragt, den Garten von Hesdin zu warten. Nach ihm arbeitet seine Familie noch über fünf Generationen in dem Park. Die Fertigkeiten der Feinmechaniker führen zu immer ausgefeilteren Apparaten, die wichtigsten davon sind Uhren, erst in Kirchtürmen verbaut, später dann auf Wand- und Taschenformat komprimiert.

Wie schon bei den alten Griechen soll der Automatenbau auch helfen, die Natur besser zu verstehen. Der Konstrukteur Jacques de Vaucanson (1709 - 1782), ein Günstling des französischen Königs Ludwig XV., lässt sich bei seinen Projekten daher von Ärzten und Chirurgen beraten. Mitte des 18. Jahrhunderts will er so einen künstlichen Menschen schaffen. Daraus wird zwar nur eine künstliche Ente aus 400 Teilen, diese aber wird zur Sensation. Sie kann mit den Flügeln schlagen, den Hals recken, ein Korn aus der Hand fressen, das sie - mithilfe einer chemischen Reaktion im Innengehäuse - als Brei wieder ausscheidet. Der Schweizer Pierre Jaquet-Droz baut von 1768 bis 1774 gleich drei menschenähnliche Apparate, jeder etwa 70 Zentimeter groß. Einer kann zeichnen, der andere Cembalo spielen und der dritte, "Schreiber" genannt, Texte mit bis zu 40 Buchstaben verfassen - in eleganter Schrift, wie es heißt. Die Automaten mit ihrem raffinierten Bewegungssystem aus Hebeln und Nockenscheiben sind so gut konzipiert, dass Jaquet-Droz in Spanien beinahe wegen Hexerei angeklagt wird.

"Wir funktioniern automatik, jetzt wolln wir tanzen mechanik" (Kraftwerk, 1978)

Das Bedrohliche der Menschmaschinen wird auch zum Topos in Romanen und Filmen. In "Frankenstein" wendet sich die von Menschen geschaffene Kreatur gegen ihre Schöpfer, im "Sandmann" von E.T.A. Hoffmann wird der Held durch eine künstliche Frau, Olimipa, zum Wahnsinn getrieben, der ihn sie lieben lässt. Seine echte Gefährtin Clara aber wird von ihm behandelt wie ein Objekt: "Da sprang Nathanael entrüstet auf und rief, Clara von sich stoßend: 'Du lebloses, verdammtes Automat!'" Der Regisseur Fritz Lang schafft 1927 in "Metropolis" einen der schönsten Roboter der Filmgeschichte, eine Androidin, welche die Rebellion einer unterdrückten Unterschicht gegen eine dekadente Oberschicht anführt.

Der Ruhm aber, den Roboter erfunden zu haben, gebührt dem tschechischen Autor Karel Čapek. In seinem Stück R.U.R. (Rossum's Universal Robots) von 1921 wird der Begriff erstmals verwendet; im Tschechischen bedeutet er so viel wie "Zwangsarbeit". Das Stück handelt von einem Roboterproduzenten, der seine Geschöpfe immer weiter sensibilisiert, bis sie sogar Schmerzen empfinden können. So sollen sie vorsichtiger und damit produktiver werden. Am Ende entwickeln die Maschinen ihr eigenes Bewusstsein und töten die Menschen. "Die Macht der Menschen ist gebrochen", sagt ihr Anführer: "Ein neues Zeitalter hat begonnen - das der Roboter."

Im Nierentischstil - Kampfroboter aus der legendären TV-Serie "Raumpatrouille Orion" (1966), hier in der bunten Version eines Kartenspiels.

(Foto: Privat)

Čapeks Kreatur soll recht behalten. Wie bereits zu Homers Zeiten bedingen Fiktion und Wissenschaft gleichermaßen den Fortschritt. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat der Roboter ein schlechtes Image, die mechanischen Konstruktionen sind ausgereizt. Erst das Aufkommen der Elektronik und der Computertechnologie schafft den nötigen Durchbruch.

In der Fiktion ist es Isaac Asimov, der den Androiden den Weg bereitet. In einer Reihe von Kurzgeschichten stellt der amerikanische Biochemiker mit russischen Wurzeln die menschenähnlichen Gestalten als mitfühlende und hilfsbereite Geschöpfe dar. Asimov formuliert drei Gesetze der Robotik: Ein Roboter darf einem Menschen keinen Schaden zufügen. Er muss dem Menschen weitestgehend gehorchen, außer solchen Befehlen, die ihn in Konflikt mit dem ersten Gesetz bringen; und er hat seine eigene Existenz zu schützen - es sei denn, dies widerspricht dem ersten oder zweiten Gesetz.

Was wie ein Robotermärchen klingt, beflügelt auch die praktische Entwicklung der Maschinen. Asimovs Visionen führen dazu, dass man von Robotern mehr erwartet, als nur Bleche in der Autoindustrie zusammenzuschweißen. Sie sollen imstande sein, Eindrücke selbsttätig zu verarbeiten und mithilfe künstlicher Intelligenz Schlüsse daraus zu ziehen. Von 1966 an entwickeln Wissenschaftler in Stanford den ersten autonomen Roboter. Der Kopf ist eine drehbare Kamera, der Körper ein riesiger Computer. Bevor er selbständig eine Bewegung machen kann, muss er eine gute Stunde lang rechnen. Da er sich dann nur sehr ruckartig bewegt, geben ihm seine Schöpfer den Spitznamen "Shakey". Auch 1978 ist der Roboter noch nicht ausgereift. Dennoch singen die Elektromusik-Pioniere "Kraftwerk" in "Die Roboter" schon einmal: "Wir funktioniern automatik, jetzt wolln wir tanzen mechanik."

Nun treiben die technikaffinen Japaner die Entwicklung voran. Wabot 1 kann in den Siebzigern schon Gegenstände greifen und einfache Gespräche auf Japanisch führen. Zwanzig Jahre später bringt die Universität Tokio die ersten echten Androiden auf den Markt, wenig später präsentiert Honda schließlich "Asimo".

Microsoft-Gründer Bill Gates hat jüngst gefordert, die Arbeit der Roboter wie die des Menschen zu besteuern. Es zeigt, dass die Entwicklung weit fortgeschritten ist: Roboter sind längst nicht mehr fiktive Wesen, sondern handfeste Konkurrenten.