Historie:  Kostümpartys, Ausstellungen und die Serie "Babylon Berlin" Die frechste Stadt der Welt

Berlin feiert den düsteren Glamour der Zwanzigerjahre. Nun kann man das wilde und verrückte Leben dort auch in den Zeichnungen von Robert Nippoldt entdecken.

Von Christian Mayer

Berlin, Stadt der Unterhaltung – gezeichnet von Robert Nippoldt: Leicht bekleidete Künstlerinnen verzauberten das Publikum in der Komischen Oper. Abbildung: Robert Nippoldt/Taschen Verlag

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Was für eine Stadt. Sie ist Verheißung und Verführung, ein gewaltiges Kraftfeld, eine Tempo-Metropole mit der verkehrsreichsten Kreuzung Europas, dem Potsdamer Platz. Kreischend laut, lasterhaft, turbulent und brutal, kreativ und abenteuerlich. Berlin, in den Zwanzigerjahren: Anziehungspunkt für Dichter, Theaterleute, Filmschauspieler, Künstler, Wissenschaftler, Fotografen, Geschäftemacher, Erfinder, Hochstapler und Glücksritter. Die perfekte Bühne für rasende Reporter. Und für alle Großstadt-Hedonisten, die den Tanz auf dem Vulkan noch einmal genießen wollen, am Ende der wilden Zwanziger lauert schließlich ein bodenloser Abgrund.

Alles lange her, aber noch immer wird genauso getanzt wie damals. Zum Beispiel an Silvester 2017, im Wintergarten in der Potsdamer Straße, wenn die "Gesellschaft für mondäne Unterhaltung" zur "Bohème Sauvage" lädt. 600 Gäste werden da höchst burlesk eine Zwanzigerjahre-Party feiern, in historischen Kostümen, mit Liveband, Conférencier, Charleston und Absinthbar, über den Verlauf des Abends wird mit strenger Hand die Gastgeberin Else Edelstahl wachen, die sich gerne als Ufa-Filmstar mit kunstvoll blond gelocktem Kurzhaar inszeniert. "Zu vermeiden sind auf den ersten Blick als solche erkennbare Plastik-Perücken, grell bunte Hahnenfederboas, serienmäßig produzierte Federstirnbänder und verdächtig glänzende Polyesterstoffe", heißt es im Dresscode; für die wahren Twenties-Freunde gibt es längst Fachgeschäfte. Gibt es noch Tickets für die Zeitreise? Natürlich nicht, die "Bohème Sauvage"-Sause zum Jahresende ist seit Langem restlos ausgebucht.

Berlin feiert die Zwanzigerjahre, nicht zum ersten Mal, sicherlich, aber so intensiv wie noch nie. Mit der Fernsehserie "Babylon Berlin" hat Regisseur Tom Tykwer den Mythos kräftig befeuert: In seiner Kriminal- und Sittengeschichte nach den Bestsellerromanen von Volker Kutscher zeigt er Glanz- und Schattenseiten einer Stadt, in der jeden Tag und jede Nacht ungeheuerliche Dinge geschehen. Mord, Verbrechen, Verrat, Spionage, Prostitution gehören in "Babylon Berlin" genauso zum Alltag wie die tödlichen Kämpfe zwischen der preußischen Polizei und den Kommunisten. Noch sind die Nazis nicht an der Macht, noch schlägt das Herz der Republik - aber die Feinde der Republik, die Feinde der Freiheit werden täglich aggressiver.

Berlins schnoddriges Selbstbild ("arm, aber sexy") stammt bereits aus den Zwanzigern

Der sehnsüchtige Blick auf diese Sturm- und Drangzeit hat sicher mit der Suche nach einer urbanen Identität zu tun, nach dem besonderen Berliner Lebensgefühl. Die Stadt von Marlene Dietrich, Albert Einstein und Max Schmeling, die allesamt zu Postermotiven geworden sind, dient als Ansporn für die Bewohner und als Anreiz für Touristen: So frei, frech und verwegen wie in den Zwanzigerjahren wäre man heute vielleicht auch gerne wieder an der Spree. In Berlin ist alles möglich, hier kann alles passieren, hier gelten andere Regeln, im Zweifel sogar gar keine: Dieses schnoddrige Selbstbild stammt ja nicht von Klaus Wowereit, der Berlin mal als "arm, aber sexy" bezeichnet hat. Es stammt aus den Zwanzigern.

Der Ufa-Pavillon mit 600 Kinoplätzen in Schöneberg. Abbildung: Robert Nippoldt/Taschen Verlag

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Das passende Buch zum Hauptstadt-Hype hat nun der Zeichner Robert Nippoldt vorgelegt, gemeinsam mit dem Autor Boris Pofalla: "Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger", das klingt wie eine der Revuen, die an der Komischen Oper, im Großen Schauspielhaus oder im Admiralspalast das Publikum begeisterten. Tatsächlich hat sich der Illustrator tief in die damalige Zeit versenkt und die wichtigsten Menschen und Orte des Berliner Nachtlebens in tausend Schwarz-Weiß-Zeichnungen festgehalten.

Eines seiner Großformate zeigt das "Haus Vaterland", den größten Vergnügungstempel, den Berlin je hatte. In seinen Glanzzeiten besuchten eine Million Besucher im Jahr die zwölf Restaurants und das riesige Lichtspieltheater, in dem die neuesten Ufa-Filme gezeigt wurden und alle dreißig Minuten ein gewaltiges "Rheingewitter" über die Gäste hernieder brach - eine frühe Form der Erlebnisgastronomie.

"Rein ästhetisch sind die Zwanzigerjahre ein Genuss. Aber mich hat auch begeistert, wie modern viele Filme, Theaterstücke, auch die ganze Architektur heute noch wirken", sagt Nippoldt. "Manchmal wünsche ich mir diese dekadenten Abende zurück, diese ungeheure Lebenslust, und dann bin ich wieder froh, dass wir 2017 leben - ohne die Armut, Gewalt, Weltwirtschaftskrise und Nazis, die in brauen Hemden durchs Viertel marschieren."

Kundgebung der SPD 1925 im Sportpalast. Abbildung: Robert Nippoldt/Taschen Verlag

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Abends tritt Nippoldt manchmal mit seinem "Trio Größenwahn" auf, um in alten Berliner Tanzsälen eine "poetische Amüsier-Schau" aufzuführen. Zur Musik von Friedrich Hollaender oder den Comedian Harmonists zeichnet er dann live auf eine weiße Leinwand; seine Skizzen aus der Stummfilm- und frühen Tonfilmzeit entstehen im Minutentakt: natürlich auch das Haifischgrinsen und die legendäre Seeräuber-Jenny aus der "Dreigroschenoper", dem größten Theatererfolg der Epoche. "Ein rätselhafter Schimmer" heißt das Programm. Berlin hat bekanntlich keinen Karneval, aber große Sehnsucht.

Die Vorgeschichte zu den wilden Zwanzigern beginnt am 9. November 1918, als der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann vom Berliner Reichstagsgebäude aus die Deutsche Republik ausruft. Zwei Tage später kapituliert das Deutsche Reich, der Kaiser flieht ins niederländische Exil. Der Erste Weltkrieg ist vorbei, es beginnt eine Zeit der politischen Wirren, aber auch des Aufbruchs, die psychischen und physischen Zerstörungen, die der Krieg hinterlassen hat, sind in Berlin überall spürbar.

Bert Brecht, der Berliner Theaterrevolutionär. Abbildung: Robert Nippoldt/Taschen Verlag

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In der Hauptstadt regiert mit Unterstützung der Sozialdemokraten ein liberaler Oberbürgermeister, aber auch hier hat die Republik einen schweren Stand: Von ganz rechts steht sie unter Beschuss. Extremistische Attentäter haben prominente Vertreter der demokratischen Parteien im Visier - Außenminister Walther Rathenau wird auf dem Weg von seiner Villa in Berlin-Grunewald ins Auswärtige Amt in der Wilhelmstraße ermordet. Und von ganz links bekämpfen die Kommunisten, die in Berlin über eine Hochburg unter anderem im sprichwörtlichen roten Wedding verfügen, das neue Staatswesen. Zu den politischen Problemen kommen Armut, Arbeitslosigkeit und die Hyperinflation von 1923, während der 1723 Druckpressen in der Reichsdruckerei rund um die Uhr laufen. Das Geld ist nur noch eine Illusion - so wie die vielen Shows, die abends in den Berliner Theatern laufen. Dass die heutigen Gäste der "Bohème Sauvage"-Party als Spielgeld im Casino 50 Millionen Reichsmark erhalten, ist eine hübsche Reminiszenz an diese irre Zeit.

"Schöne Berlinerin. Du bist tags berufstätig und abends tanzbereit ..."

Vor diesem Hintergrund ist der Berliner Boom umso staunenswerter: Schon während der Krisenjahre, vor allem aber seit der 1924 einsetzenden wirtschaftlichen Erholung erlebt die Stadt eine einmalige Blüte. Und eine Bevölkerungsexplosion, was auch daran liegt, dass Berlin die umliegenden Städte Charlottenburg, Neukölln oder Schöneberg einfach schluckt. In der Nacht zum 1. Oktober 1920 wird Berlin so zur drittgrößten Metropole der Welt, nach London und New York. Eine Stadt mit Leuchtkraft, denn Berlin ist die Hauptstadt der Elektroindustrie, Konzerne wie Osram, Siemens, AEG und Telefunken haben hier ihren Sitz. In Berlin wird die Nacht zum Tag, mit einer Straßenbeleuchtung, die Schaufenster, Denkmäler und den Flughafen von Tempelhof ständig illuminiert.

Kulturell kann die Stadt ohnehin mit der Konkurrenz mithalten: Die Filmindustrie in Babelsberg ist führend in Europa, Ausnahmeregisseure wie F. W. Murnau ("Nosferatu"), Josef von Sternberg ("Der blaue Engel") oder Fritz Lang ("Metropolis") erreichen ein Millionenpublikum. Maler wie George Grosz, Otto Dix oder Jeanne Mammen, der gerade die Berlinische Galerie eine Einzelausstellung widmet, halten das Großstadtleben in bestürzend realistischen, oft brutalen Bildern fest. Und all den widersprüchlichen Stimmen der Stadt bietet der Verleger Rudolf Ullstein eine Heimat: Das Ullsteinhaus in Tempelhof, ein expressionistischer Backsteinbau und das höchste Gebäude Deutschlands, ist ein Bollwerk des liberalen Berlin, hier erscheinen die Werke von Lion Feuchtwanger, Ödön von Horváth, Heinrich Mann, Vicki Baum und Erich Maria Remarque.

Wer die Berliner der Zwanzigerjahre feiert, von denen viele nach 1933 vor den Nationalsozialisten flüchteten, darf die Berlinerinnen nicht vergessen. Die Drehbuchautorin Thea von Harbou ("Dr. Mabuse"), die Architektin Emilie Winkelmann, die Pilotin Elly Beinhorn, die Kernphysikerin Lise Meitner, die Regisseurin Lotte Reiniger oder die Taxiunternehmerin Elli Blarr, sie alle waren Vorreiterinnen und sehr eigenständige Frauen. In Robert Nippoldts Berlin-Buch erhalten sie ihren Platz.

Überhaupt, die Frauen von Berlin: Sie sind weder auf den Mund gefallen, noch lassen sie sich alles gefallen, auch wenn nicht alle so durchtrieben sind wie die "fesche Lola", mit der Marlene Dietrich ihre Weltkarriere gestartet hat. "Schöne Berlinerin. Du bist tags berufstätig und abends tanzbereit ... Mit der Geschwindigkeit, in der deine Stadt aus klobiger Kleinstadt sich ins Weltstädtische mausert, hast du Fleißige schöne Beine und die nötige Mischung von Zuverlässigkeit und Leichtsinn, von Verschwommenheit und Umriß, von Güte und Kühle erworben": So beschrieb die Vogue 1929 die "neue Frau".

Robert Nippoldt – so wie er sich selbst sieht. Geboren 1977 in Kranenburg. Zu seinen Büchern zählen: „Es wird Nacht im Berlin der Wilden Zwanziger“, „Hollywood in the 30s“ und „Jazz. New York in the Roaring Twenties“. (alle Taschen Verlag)

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In der Serie "Babylon Berlin", die man nicht nur Großstadtnostalgikern unbedingt ans Herz legen möchte, gibt es auch so eine großartige Frauenfigur. Die Stenotypistin Charlotte Ritter, wunderbar gespielt von Liv Lisa Fries, hat etwas Besseres im Sinn: Eine Ausbrecherin will nach oben, raus aus dem Milieu. Sie kommt aus dem Elend der Berliner Hinterhöfe, sie verkauft sich, wenn sie dringend mal Geld braucht, auch an skrupellose Männer, doch sie bleibt sich treu. Charlotte Ritters großes Ziel ist es, Kommissarin bei der Berliner Polizei zu werden, Verbrecher zu jagen. Sie will frei sein, unabhängig. Und wenn es Nacht wird, dann tanzt diese junge Berlinerin um ihr Leben, sie tanzt buchstäblich bis zum Umfallen.

Wer könnte auch schlafen, in dieser großen Stadt?