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Historie:Hitlers Handlanger

"Die Wunde Vichy ist unverheilt": Auch 75 Jahre später diskutiert Frankreich heftig über das historische Erbe von Philippe Pétain.

Der lothringische Flecken Belrain, 50 Einwohner, raffte sich 2013 zu einem längst überfälligen Schritt auf: Die Gemeinde schaffte das Straßenschild "Rue du Maréchal Pétain" ab und ersetzte es durch "Rue de la Fontaine". Es war die letzte Gemeinde Frankreichs, die damit das Gespenst Pétain aus dem Land jagen wollte - es kann schwerlich gelingen.

Denn mit dem Gedenkmarathon zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs 1914 sind wieder die schwarzen Schatten des Marschalls Philippe Pétain schwer auf die Franzosen gefallen. 1919 war er als gefeierter "Sieger von Verdun" an der Spitze der Triumphparade auf einem Schimmel die Champs Elysées hinunter geritten. 1940, vor 75 Jahren, wurde er zum Staatschef des südlichen Drittels Frankreich mit der Hauptstadt Vichy berufen, ein Rumpfstaat von Hitlers Gnaden. Wie ein Monarch leitete er seine Dekrete ein: "Wir, Philippe Pétain, Marschall von Frankreich, verordnen . . .".

1945 wegen Hochverrats und Zusammenarbeit mit dem Feind zum Tode verurteilt, vom Nachkriegsregierungschef Charles de Gaulle seines Alters wegen zu lebenslanger Festungshaft begnadigt, lebte er noch sechs Jahre lang als einziger Häftling in der Zitadelle der Atlantikinsel Yeu. Er starb 1951, 95 Jahre alt.

Doch die große Schlacht über "das unendliche Leben des umstrittensten Marschalls der französischen Geschichte", so der Historiker Laurent Avezou in seinem neuen Werk über "Die Mythen der französischen Geschichte", war damit keineswegs zu Ende. An das leidvolle Thema trauten sich sogar die ehrwürdigen Archives Nationales im Pariser Palais Soubise heran. Bis in diesen März quälten sie die Franzosen mit der großen Ausstellung "La Collaboration 1940-1945". Auf dem Katalog, fast zwei Kilo schwer:die Porträts von Hitler und Pétain. Und in dem bizarren Familienkrieg an der Spitze des rechtsradikalen Front National versuchte sich der alte Jean-Marie Le Pen von seiner ein klein wenig liberaleren Tochter Marine mit den Worten abzusetzen: "Ich habe den Marschall Pétain nie für einen Verräter oder für einen schlechten Franzosen gehalten."

Noch immer legen die Pétain-Anbeter auf dem Friedhof von Port-Joinville auf der Insel Yeu an dem Grabstein mit der Inschrift "Philippe Pétain, Maréchal de France" Blumen und Kränze nieder. Der Konflikt ist kaum lösbar, denn hier konkurrieren zwei Pétains miteinander: der Retter Frankreichs und der Verräter. In die endlose Pétain-Debatte hat 2014 einer der besten Kenner eingegriffen: der Historiker Marc Ferro, ein Widerstandskämpfer gegen die Deutschen, also des Pétain-Kults unverdächtig, Verfasser einer fast 800 Seiten dicken Biografie des Marschalls. Unter dem Titel "Pétain, die Wahrheit" beantwortete er so aufwühlende Fragen wie: Waren der Pétainismus und sein System, gern verkürzt "Vichy" genannt, nur eine "Parenthese" in der Geschichte Frankreichs oder Teil einer historischen Grundströmung? Antwort: "Vichy existierte schon vor Vichy."

Bin ich ein Kind der Pétainisten oder der Résistance?

Ein weiterer Autor, Frédéric Salat-Baroux, stellt die Diagnose: "Die Wunde Vichy ist unverheilt. Jeder Franzose wird sich noch auf lange Zeit die symbolische Frage stellen: Bin ich ein Kind der 40 Millionen Pétainisten oder der Résistance?"

Die "40 Millionen Pétainisten" stehen für das französische Volk, das im Mai und Juni 1940 "die größte Niederlage seiner Geschichte erlitt", so der Nobelpreisträger François Mauriac im Figaro. In nur sechs Wochen hatte Hitlers Wehrmacht die französische Armee überrannt. Am 14. Juni 1940 waren die Deutschen in das zur offenen Stadt erklärte Paris eingezogen. Millionen Zivilisten flohen vor der Wehrmacht. Es war der "große Exodus" einer verzweifelten Bevölkerung, die nicht verstand, wie es so unversehens zu diesem Debakel kommen konnte, nur 22 Jahre, nachdem Frankreich der letzten deutschen Invasion heroisch widerstanden hatte. Gab es denn keinen Retter, nirgends?

Es gab ihn - scheinbar. In der äußersten Not rief Ministerpräsident Paul Reynaud den "Sieger von Verdun" von seinem Botschafterposten in Madrid nach Paris, den Marschall Pétain. Inzwischen 80 Jahre alt, war er "der berühmteste lebende Franzose", vor allem für die Millionen Soldaten, die unter ihm, dem letzten Oberkommandierenden des Ersten Weltkrieges, gekämpft hatten. Denn er genoss den Ruf, das Leben der Soldaten zu schonen, sie nicht gegen gut befestigte Stellungen anrennen zu lassen, nur um ein paar Meter Gelände zu gewinnen. Er verbesserte das Elendsleben des "poilu" in den Schützengräben durch bessere Verpflegung und mehr Urlaub, und ließ jede Division ablösen, die ein Drittel ihrer Mannschaftsstärke verloren hatte. 1916, als die Deutschen in der blutigen Schlacht um Verdun das Fort Douaumont erobert hatten, feuerte er die Ersatztruppen mit dem legendär gewordenen Ruf an "Mut! Wir packen sie!" Und sie packten sie - die Deutschen konnten Verdun nicht nehmen.

Pétain, Bauernsohn aus Nordfrankreich, von Mönchen erzogen, war Katholik, aber kein praktizierender, der gern spottete: "Eine gute Messe hat noch niemandem geschadet." Später, in der Zwischenkriegszeit, mied er, obwohl Kriegsminister, die Pariser Salons und mischte sich nicht in die Tagespolitik ein. 1931 wählte ihn die Académie Française zum Mitglied. 1934, als Marschall Lyautey, ein anderer Weltkrieg-I-Held, die Regierung des linken "Kartells" wegputschen wollte, lehnte Pétain jede Zusammenarbeit mit ihm ab.

"Philippe, du bist ein Hase, ich frage mich, wie du den Krieg gewinnen konntest."

Plastische Sprüche wie "Ich liebe nur zwei Dinge: die Liebe und die Infanterie" machten ihn noch populärer. Seine strahlend blauen Augen zogen die Frauen an, er war ein "homme à femmes", der sich noch mit über 80 Jahren "dank Übung" seiner Sexualität rühmte. Die Monografie des Historikers Hervé Bentégeat mit dem Titel "Pétain und seine Frauen" weiß davon zu erzählen. Seine, neben Gemahlin Ninie, lebenslange "zweite große Liebe", die Schlossherrin "Jacqueline", genannt Mella, hielt er so sorgfältig vor Ninie verborgen, dass Mella spöttelte: "Philippe, du bist ein Hase, ich frage mich, wie du den Krieg gewinnen konntest."

Aber Ende Juni 1940, wie Historiker Rémond schreibt, gab es "fast keinen Franzosen, der nicht von Dankbarkeit erfüllt gewesen wäre gegenüber diesem alten Mann, der in einer derart katastrophalen Situation wieder in die Dienste seines Landes trat und diesem seine Person als Geschenk darbrachte", so hatte es Pétain über Radio formuliert. War diese "divine surprise" (himmlische Überraschung) nicht ein Fingerzeig darauf, dass Gott Frankreich auch diesmal nicht im Stich lassen würde? Und wäre es, so dachten viele, nicht unpatriotisch, frevelhaft gar, gewesen, einem solchen Mann nicht zu vertrauen?

"Wollt ihr französischer sein als er?", schrieben Vichy-Propagandisten auf Plakate mit dem Pétain-Porträt. François Mauriac verfiel in patriotische Mystik: "Diesen Greis haben uns die Toten von Verdun geschickt." Natürlich aber konnte der neue Erlöser nichts an der militärischen Niederlage ändern. So sprach denn Pétain über den Rundfunk zu seinem Volk. Er habe sich an den Gegner mit der Frage gewandt, ob dieser bereit sei, "mit mir, unter Soldaten, nach dem Kampf und in Ehre", Mittel zu suchen, die Feindseligkeiten zu beenden.

Der Waffenstillstand von 1940 steht auch nach 70 Jahren noch im Zentrum der Pétain-Kontroverse. Hätte der Marschall den Krieg damals nicht von einem "Réduit" in der Bretagne oder von Nordafrika aus fortsetzen müssen? Oder war der Waffen-stillstand unausweichlich, wie Pétain glaubte, weil Frankreich sonst von den Deutschen verheert ("polonisiert", wie sie es nannten) worden wäre? Und war es nicht vielmehr klug, nach der Niederlage und vor dem erwarteten Einlenken Englands sich durch Kollaboration mit dem Sieger einigermaßen glimpfliche Überlebensbedingungen zu sichern?

Kaum jemand glaubte, dass England durchhalten könnte, nachdem Hitler seinen Nichtangriffspakt mit Stalin geschlossen hatte, Frankreich besiegt war und die USA ein pathetisches Hilfeersuchen aus Paris abgelehnt hatten. Als Schreckgespenst geisterte gar die Vorstellung durch die Ministerien, England könne sich mit Hitler auf dem Rücken Frankreichs vergleichen. Dass ein einfacher Brigadegeneral mit lediglich zwei Sternen an der Uniform, Charles de Gaulle, weitsichtiger war als der Marschall mit seinen sieben Sternen, mochte kaum jemand glauben. De Gaulles historischer Radio-Appell, am 18. Juni vom Londoner Exil aus über BBC gesendet, dass dieser Krieg keineswegs verloren sei, schien illusionär zu sein. 1940 erfasste eine latent immer vorhandene Anglophobie weite Kreise der Franzosen, vor allem des Militärs. Denn aus dessen Sicht hatten die Briten nicht mit dem gleichen Einsatz gekämpft wie 1914 und sich anschließend auf ihre Insel in Sicherheit gebracht.

Und ein englisches Geschwader schoss, was die Franzosen als schändlichen Bruch des Bündnisses mit ihnen empfanden, in Mers-el-Kebir die wehrlos vor Anker liegende französische Schlachtflotte zusammen, 1380 Seeleute starben. Großbritanniens Premier Winston Churchill hatte der Zusicherung der Franzosen nicht getraut, dass sie ihre Schiffe nicht in die Hände der Deutschen fallen lassen würden. Doch den Briten an der Seite Deutschlands den Krieg zu erklären, wie die Deutschen gehofft hatten, kam für Pétain nicht in Frage.

Pétain ließ sich zum Chef eines "Etat Français" wählen, die republikanische Devise "Liberté, Egalité, Fraternité" wurde durch das bukolische "Famille, Travail, Patrie" ersetzt. Eine "Nationale Revolution" sollte die französische Revolution von 1789 überwinden. Umfassende Vollmachten, von dem noch vor dem Krieg gewählten Parlament mit 569 gegen 80 Stimmen in Vichy beschlossen, machten Pétain zum allmächtigen, nur von den Deutschen abhängigen Diktator.

Eine weitgehend ständestaatliche Organisation statt des republikanischen Zentralismus rückte den Staat von Vichy in die Nähe der faschistischen Regime Italiens und Portugals - mit einigen Ähnlichkeiten, etwa einem mystisch verklärten Bodenkult ("Die Erde lügt nicht", so Pétain), aber auch mit einem gewichtigen Unterschied: So sehr Pétain und die Seinen den Parlamentarismus verachteten - eine Einheitspartei zu gründen, lehnte der Marschall entgegen den Wünschen französischer Faschisten stets ab. Historiker Ferro ist sich sicher: "Ein Faschist war Pétain nicht." Pétains neueste Biografin, die Historikerin Bénédicte Verges-Chignon, nennt den Staat von Vichy deshalb "eine pluralistische Diktatur". Die ideologische Richtung gab weniger Pétain vor als sein Regierungschef Pierre Laval, ein radikaler Befürworter der Kollaboration mit den Deutschen.

Allerdings - die Einstellung Pétains zum Faschismus ist, wie vieles an ihm, widersprüchlich. Schon im Juli 1940 billigte er, angeblich widerstrebend, ein antisemitisches Gesetz, das alle Juden vom öffentlichen Dienst ausschloss, ohne dass die deutschen Besatzer das verlangt hätten. Hohe Vichy-Beamte, wie die erst Jahrzehnte nach Kriegsende verurteilten Maurice Papon und Paul Touvier, beteiligten sich mit Eifer an der Verhaftung und Deportation von Juden und geflüchteten deutschen Nazigegnern. Mitglieder der "Französischen Miliz", einer schwarz gekleideten Terrortruppe, die schwere Exzesse gegen französische Widerständler beging, mussten schwören, gegen "die jüdische Lepra und für die französische Reinheit" zu kämpfen.

Dabei war der französische Antisemitismus keineswegs von den Nazis abgeschaut, sondern Teil der antidemokratischen und nationalistischen "Action Française" des Schriftstellers Charles Maurras, der für den Niedergang ("décadence") Frankreichs und das Debakel von 1940 vier Schuldige ausgemacht hatte: Freimaurer, Protestanten, Ausländer und Juden. Von Maurras stammt das Wort von der "divine surprise" namens Pétain.

In Vichy umgab sich Pétain mit Leuten aus dem Dunstkreis von Maurras, so war sein Arzt und Berater Bernard Ménétrel ein glühender Antisemit, der es ablehnte, in seiner Praxis Juden zu behandeln. Das politische Panier der französischen Rechten hieß damals: "Lieber Hitler als Blum" - der Sozialist Léon Blum war in den Dreißigerjahren Chef der linken französischen Volksfrontregierung gewesen, und er war Jude.

Sein Motto: "Familie, Arbeit, Vaterland" statt "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit"

Pétains Hoffnung, Hitler durch Kollaboration zur Nachsicht bewegen zu können, erfüllte sich nicht. Rücksichtslos beuteten die Deutschen das besetzte Land aus. Da half weder am 24. Oktober 1940 ein Treffen des Marschalls mit Hitler auf dem Bahnhof von Montoire - noch heute ist nicht völlig klar, wer dabei wem zuerst die Hand entgegenstreckte -, noch Pétains Glückwunschtelegramm an Hitler, nachdem die Deutschen 1942 einen englischen Landungsversuch bei Dieppe abgewiesen hatten, noch die Aufstellung einer "Französischen Freiwilligenlegion gegen den Bolschewismus" (in deutschen Uniformen) unter dem Faschistenführer Jacques Doriot. Insgesamt dienten rund 40 000 Franzosen in der Wehrmacht. Andererseits widersetzte sich Pétains Regierung erfolgreich dem Verlangen der Deutschen, ihnen acht Luftstützpunkte in Französisch-Marokko einzuräumen und den Juden in der unbesetzten Zone den gelben Stern anzuheften.

Nachdem die SS-Panzerdivision "Das Reich" das Dorf Oradour in Südwestfrankreich niedergebrannt und 642 Einwohner, darunter 123 Kinder, ermordet hatte, erlaubte sich Pétain, was ein Mann ohne seine Autorität niemals hätte wagen können. Er bestellte den deutschen Diplomaten von Renthe-Fink ein und herrschte ihn an: "Sie töten unsere Kinder; Sie bedecken Ihr Land mit Schande; Sie sind eine Nation von Wilden." Hilflos antwortete der Deutsche, sein Einfluss in Berlin sei zu gering, als dass er so etwas verhindern könne.

Vor den anrückenden Alliierten entführten die Deutschen den widerborstigen Kollaborateur Pétain schließlich auf das Schloss Sigmaringen und ließen ihn Anfang 1945 in die Schweiz ausreisen. Sein Widersacher de Gaulle, inzwischen siegreich in Paris eingezogen, wünschte, dass der alte Mann in der Schweiz Asyl beantragen würde, so dass ihm ein Prozess in Frankreich erspart geblieben wäre. Doch Pétain beharrte darauf, sich zu stellen, er wurde in Paris abgeurteilt - in einem Schauprozess. Die Hälfte der Geschworenen waren Résistance-Kämpfer gewesen, die andere Hälfte Abgeordnete, die 1940 gegen die Vollmachten für Pétain gestimmt hatten.

Auch das gehört zu Vichy: Die Franzosen, die dem Marschall 1940 bis 1943 auf seinen Reisen durch Frankreich - noch im März 1944 in Paris - hysterisch zugejubelt hatten, verlangten zwei Jahre später ebenso hysterisch seinen Tod. Sie suchten wohl ihre Katharsis. Der Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie, viele Jahre Chef der Pariser Bibliothèque Nationale, erklärt damit auch eine eigene Jugendsünde: "Um die Schande Vichy zu sühnen, warf ich mich in die Arme des Kommunismus." Seine Schande: Sein Vater war, bevor er in die Résistance ging, Minister Pétains gewesen.

© SZ vom 30.05.2015
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