Historie Gen Süden

Der Graham Greene von Ebersberg: Warum der Abenteurer und Reiseschriftsteller Kurt Heuser gerade wiederentdeckt wird.

Von Sebastian Schoepp

Knarzend bog sich jede Treppenstufe unter dem Gewicht der Schritte. Man war froh, wenn man heil oben ankam. Der Gast ging, stand, saß auf Papier in all seinen Vergänglichkeitsstufen: Der Odem seit Jahrzehnten nicht geöffneter Bücher mischte sich mit dem Verwesungsdunst vergilbter Zeitungen. Man huschte vorbei an einem wurmstichigen Flügelaltar, bizarren afrikanischen Figuren, Pfeilen und Trommeln. Vom Bücherregal grinste ein nacktes Männchen herab: die geschnitzte Karikatur eines weißen Mannes. Vor allem mit der detailverliebten Darstellung des Penis hatte sich der afrikanische Künstler viel Mühe gegeben.

In dem schiefen alten Bauernhaus am Rande der oberbayerischen Kleinstadt Ebersberg hatte der Schriftsteller, Maler, Musiker und Drehbuchautor Kurt Heuser seine letzten Lebensjahre verbracht. Sein Sohn, den Heuser, man weiß nicht aus welcher Laune heraus, Kaspar genannt hatte, hütete die Schätze des Verstorbenen in Form eines riesigen Durcheinanders, das er selbst als Gesamtkunstwerk ansah. Geduld und Entdeckerglück vorausgesetzt, konnte der Stöbernde hier eine Zeitreise buchen, die zurückführte in die Filmstudios der Ufa - und in die Tiefen Afrikas.

Das Haus ist längst abgerissen, Kurt Heuser liegt in einem Ebersberger Grab, die Inschrift ist so verwittert, dass man sie kaum lesen kann. Stadtarchivarin Antje Berberich ist es zu verdanken, dass die Schätze nun wieder ans Licht kommen. Sie räumte das Haus, nachdem auch Sohn Kaspar Heuser gestorben war. Derzeit erinnert im Ebersberger Rathaus eine umfassende Ausstellung mit Bildern und Filmabenden an das vergessene Multitalent Kurt Heuser, in dessen Leben sich das 20. Jahrhundert spiegelt: Kolonialismus, Expressionismus, Ufa-Filme, Nationalsozialismus.

Bekannt war Heuser wegen seiner Drehbücher. Er lieferte Dialoge und Handlungsvorlagen und komponierte Filmmusik für die Unterhaltungsfilme der 30er- bis 50er-Jahre, "Liebe, Tod und Teufel", "Schlußakkord", "Orient-Expreß", "Via Mala", "Lausbubengeschichten". Doch das ist es nicht in erster Linie, weshalb die Nachwelt Heuser in Erinnerung behalten sollte - findet der Sprach- und Literaturwissenschaftler János Riesz, der an der Universität Bayreuth einen Lehrstuhl für afrikanische Literatur hatte und die seltene Afroromanistik zu seinem Spezialgebiet zählt. Das ist die Wissenschaft, die sich mit den Ländern Afrikas befasst, in denen romanische Sprachen gesprochen werden - wie Mosambik. Dort lebte Kurt Heuser in den 20er-Jahren als Pflanzer. Die Bücher, die er in seiner Einsamkeit schrieb, "fallen total aus dem Rahmen dessen, was sonst in der Zeit über Afrika verbreitet wurde", sagt Professor Riesz. "Die Reise ins Innere", "Elfenbein für Felicitas", "Buschkrieg" zeichnen sich aus durch eine für die Zeit ungewöhnliche Empathie, durch den Wunsch, Afrika und seine Menschen zu verstehen. Riesz sieht Heuser in einer Reihe mit Joseph Conrad oder Graham Greene.

Aus dem sehr lesenswerten Katalog zur Ebersberger Ausstellung zu Leben und Werk Kurt Heusers, den Riesz zusammengestellt hat, erschließt sich das Bild eines Lebens, das verlief wie ein Drehbuch zu einem Heuser-Film. Er wurde 1903 in Straßburg geboren und wuchs in einem ordnungsliebenden Elternhaus auf, der Stiefvater war Bankier und hatte dem Sprössling eine ähnliche Laufbahn zugedacht. Der junge Heuser jedoch rebellierte - bis der Stiefvater ihn in die Kolonialschule Witzenhausen steckte. Mehr als mit Kenntnissen der Landwirtschaft impfte diese Laufbahn Kurt Heuser mit Abenteuerlust.

1925 kehrte er Europa den Rücken und ließ sich von einem "gesegneten oder verdammten Wind" (wie er es später ausdrückte) an die Küste Portugiesisch-Ostafrikas treiben. Damals wie heute gehörte Mosambik zu den geheimnisvollsten Winkeln des Kontinents, für Deutsche besaß er besondere Anziehungskraft: Portugal war im Ersten Weltkrieg neutral geblieben. Und obwohl die kaiserliche Schutztruppe des benachbarten Deutsch-Ostafrika während der Kämpfe diese Neutralität aufs Gröbste verletzt hatte, zeigten sich die Portugiesen nicht nachtragend; ja sie ermunterten deutsche Siedler sogar, sich in ihrem Herrschaftsbereich niederzulassen. In Porto Amelia ging Heuser an Land. Die Kolonie befand sich in einem erbärmlichen Zustand: "Das Land ist ausgeplündert", stellte Heuser fest. "Menschlichkeit", musste der Neuankömmling bald erfahren, galt als "Luxus und Schwäche".

Heuser hielt es nicht an der Küste, bei der dekadenten Kolonisten-Clique. Er entschloss sich zur "Reise ins Innere", nicht nur des Landes, sondern auch seiner selbst. Das Leben auf der Baumwoll-Plantage versorgte Heuser mit Vorbildern für Roman-Figuren, die Züge seines Schicksals trugen: den Landvermesser Jeronimo, der zwischen die Fronten der korrupten Kolonialverwaltung und der Ureinwohner gerät; den schwarzen Jungen Baghira; oder die Großwildjägerin Felicitas, die der Sucht nach Elfenbein verfällt.

Von Heusers Büchern geht eine eigentümliche Kraft aus. Seine Einsichten sind - genauso wie die Irrtümer - authentisch als Ergebnis unmittelbaren Erlebens. Seine Bücher sind in höchstem Maße "geschmackvoll", wie Marcel Reich-Ranicki später feststellte. Wie Joseph Conrad in seinem "Herz der Finsternis" schrieb Heuser über die "auflösende Macht der Natur", aus der es "keine Heimkehr gibt für jemanden, der hierher geriet". Den "stumpfsinnigen, ungläubigen Europäern" - wie sich selbst - hielt er vor: "Ihr seid im Recht, dass ihr euch der Magie verschließt, denn was würde wohl aus euch, wenn die Berührung zu nahe würde, wenn ihr das alles zu begreifen versuchtet!"

Sendungsbewusstsein hatte Heuser nicht im Gepäck. Vielleicht machte ihn das unempfänglich für den Rassismus seiner Umwelt. Er gab den Empfindungen der Ureinwohner literarischen Raum, vertiefte sich in ihre Stimmungen, Träume und Wahrnehmungen, was auf Einfühlungsvermögen und gute Sprachkenntnisse schließen lässt. In der Tat trug Heuser sich im Alter mit dem Gedanken, den "Faust" in Suaheli zu übersetzen. "Er hat das starke Bemühen, einzudringen in diese Welt, in der er lebte, wie ich es von keinem anderen Autor der Zeit kenne", erklärt János Riesz. Heusers Herangehensweise sei revolutionär gewesen, weil in dieser Zeit in Deutschland sonst nur plumpester Revanchismus verbreitet wurde, wenn es um Afrika ging.

Heuser steckte seine Manuskripte in Umschläge, auf die er bunte Briefmarken mit Giraffenmotiven klebte, und schickte sie an den S.-Fischer-Verlag in Berlin. Sie fanden Widerhall bei Lektoren und Kritikern. Das Berliner Tageblatt bezeichnete Heuser als "eine unserer stärksten epischen Hoffnungen". Zur US-Ausgabe von "Die Reise ins Innere" (The Journey Inward) bemerkte das Time-Magazine, Heuser sei zwar "metaphysisch-deutsch". Doch anders als viele Landsleute stoße er "zu einem Afrika des Geistes durch".

Autor und Afrikaexperte Kurt Heuser.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

1930 kehrte Heuser nach Berlin zurück, nachdem Schädlinge seine Plantage zerstört hatten. Nun warf er sich der Filmerei so hingebungsvoll in die Arme wie vorher der Pflanzerei. Dass er von 1933 an seine Drehbücher an eine von den Nazis gleichgeschaltete Filmindustrie lieferte, schien ihn vorderhand nicht zu stören.

Selber ein Nazi zu werden, davor bewahrten ihn nach eigener Aussage seine Kontakte zur jüdischen Welt Berlins. 1933 versteckte er Gottfried Bermann Fischer und dessen Frau Brigitte zeitweise in seinem Gartenhaus in Grunewald. Immerhin räumte er hinsichtlich der Filme jener Zeit ein, "dass niemand die Fehler und Schwächen dieser photographierten Volksstücke besser kennt als die an ihrer Herstellung Beteiligten". Anfang der 40er-Jahre beteiligte Heuser sich allerdings an einer weniger harmlosen Produktion: "Ohm Krüger", ein gegen England gerichtetes Propagandawerk mit Emil Jannings in der Hauptrolle. Im Kern benahm sich Heuser wohl wie viele Deutsche: Er machte mit, suchte grummelnd seinen Platz, ohne wirklich von dem überzeugt zu sein, was er tat. Doch als ihm angetragen wurde, das Drehbuch für den antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" zu schreiben, war die Grenze seiner Anpassungsfähigkeit erreicht. Er lehnte ab. Reich-Ranicki hat Heusers Weigerung als "historisches Nein" bezeichnet.

In den 60er-Jahren zog Heuser mit seiner Familie nach Ebersberg östlich von München. Dort widmete er sich seinem dritten künstlerischen Lebensabschnitt - der Malerei: Viele Bilder lassen auf starke Identifikation mit der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung der Zeit schließen: Lumumbas Tod, die Katanga-Gendarmen sind seine Motive, Landschaftsstudien und kraftvolle Alltagsskizzen. Dass das meiste davon bis jetzt nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat, mag damit zu tun haben, dass Heuser sich nicht groß um Anerkennung als Maler bemühte. Sein Sohn Kaspar sagte später, seinem Vater sei es im späteren Leben vor allem um Geselligkeit gegangen: "Er war in erster Linie Freund."

Nur ein Buch schrieb Kurt Heuser noch: "Malabella". Es sollte die Quintessenz aller vorherigen sein und erzählt mosambikanische Geschichte vom Kolonialismus bis zum Befreiungskrieg anhand eines Protagonisten, der Heuser sehr ähnelt. Es war im Erscheinungsjahr 1974 hochaktuell - ein Jahr später räumte Portugal die Kolonien -, erinnerte jedoch vom Ton her eher an einen Hans-Albers-Film. Seine offene Haltung zum Selbstbestimmungsrecht der Afrikaner war einmal progressiv gewesen, nun wirkte sie fast altbacken.

Die Zeit war an Heuser vorbeigegangen. Carl Amery schrieb immerhin, "Malabella" fordere die "Erinnerung an eine verdrängte Verantwortung" ein. Genau dazu hatte Kurt Heuser in den 20er-Jahren die Ansätze geliefert - als einer der ersten Europäer überhaupt.