Historie Die Nageprobe

In der Weimarer Republik waren sie Pelzlieferanten, in der DDR auch etwas für Feinschmecker: Sumpfbiber.

Von Ulrike Nimz

Kein Jahr ist es her, dass das Untier Parzelle 8 heimsuchte. Ungesehen schlüpfte es unter dem Tor hindurch, um sich an den Jüngsten zu vergehen. Man kann den Tatort besichtigen, in der Kleingartenanlage "Elster Idyll". Erdbeerpflänzchen und Feldsalatsprösslinge sind wieder nachgewachsen, gewachsen ist auch der Groll auf das, was da kam, um sich an den Früchten harter Arbeit gütlich zu tun - wieder und wieder.

Uwe Pfützenreuter trägt Badeshorts und nichts als Flaum auf der sonnengebräunten Brust. Wenn sie dem Archetyp des rüstigen Rentners mal ein Denkmal setzen, dann wird es so aussehen. Statt Lorbeer wird sich Brombeer um das steinerne Haupt ranken. Denn nichts sagt so sehr: Schaut her, ich habe mein Leben lang hart gearbeitet, und ich tue es noch, wie die von Dornen zerkratzen Arme eines Kleingärtners.

Seit acht Jahren kommt Uwe Pfützenreuter in den Leipziger Westen, um auszuspannen und anzubauen. 180 Quadratmeter fasst sein Garten, urige Laube, ein paar Beete, dahinter fließt die Elster. Das ist ein Problem, denn im Fluss wohnt das Untier: Sumpfbiber, Biberratte, Nutria. Drei Namen für ein zottiges Mischwesen mit kahlem Schwanz und Schwimmhäuten, anzutreffen vor allem im Osten Deutschlands und voller Appetit auf all das, was dort hinter Maschendrahtzäunen wächst. Circa 200 Tiere sollen allein rund um die Leipziger Kleingartenanlage leben. Man will nicht von einer Plage sprechen, aber im Stadtbezirksbeirat beraten sie neben Schulwegsicherheit auch über Nagetiere.

Die Gartenfreunde um Uwe Pfützenreuter - inzwischen dünnhäutig wie die Stämme ihrer angenagten Obstbäume - sind des Redens müde. Am Flussufer hinter dem "Elster Idyll" erstreckt sich ein Stromzaun, knöchelhoch, ein paar tausend Volt. "Da würden die schon zucken", sagt Pfützenreuter mit prüfendem Blick auf seine Badeschlappen. Und wenn man ihn fragt, wer Schuld daran trägt, dass in der Gartenanlage nun das Gleichgewicht des Schreckens herrscht, dann wird er sagen: die Fütterer. Denn diese Geschichte spielt, das muss man wissen, zu einem Teil im Leipziger Stadtteil Schleußig, dessen Bewohner als wohlsituiert und kinderfreundlich gelten. Man kann hier Schwangerschaftsyoga machen und Reihenhäuschen mit Bootssteg kaufen. Wildtiere in der Stadt sind für viele Familien kein Problem, sondern eine Gelegenheit: So kann Kindern Fürsorge und Tierliebe nahegebracht werden, ohne dass zu Hause ein Hamster das Apple-Ladekabel zerschrotet.

Und doch hat die Stadt Leipzig in Einzelfällen die Genehmigung zum Fang der Nutrias erteilt. Seit die Populationen wachsen, unterliegen die Tiere dem Jagdrecht, aber in Wohngebieten darf nicht geschossen werden. Einmal, sagt Pfützenreuter, habe tatsächlich jemand mit einem Käfig am Fluss gekauert. Die anwesenden Kinder, gerade in der Erprobung, was den possierlichen Tieren schmeckt (Karotten ja, Kartoffelchips nicht so), taten, was Kinder eben tun, wenn sie eines unaussprechlichen Frevels gewahr werden: schreien wie ein Feuermelder. Ob sich die Szene wirklich so zugetragen hat oder mit der Zeit das ein oder andere dramatische Detail hinzukam, ist nicht zweifelsfrei zu klären. In den Schaufenstern des Viertels jedenfalls hingen alsbald Handzettel: "NUTRIAS IN GEFAHR". Flankiert von acht Ausrufezeichen, kam die Botschaft mit einer Dringlichkeit daher, wie sonst nur der Verkauf "fast neuer" Maxi Cosys.

Uwe Pfützenreuter ist nicht der Typ, der sagt: Früher war alles besser. Aber früher, zu DDR-Zeiten, da habe man die Viecher einfach gegessen. Nutria mit Pellkartoffeln war nicht nur in den Gefängnissen der Deutschen Demokratischen Republik ein gern kredenztes Mal. Wer einmal seine Scheu vor der Vorstellung verloren hatte, einen aus Südamerika eingeschleppten Sumpfbewohner mit nichts als Salz und Pfeffer zu verzehren, der entdeckte Erstaunliches: "Ein bisschen wie Karnickel, nur zarter", beschreibt Uwe Pfützenreuter sein Geschmackserlebnis.

Und so ist dies der Punkt der Geschichte, an dem sich das erste Mal eine delikate Dialektik offenbart: In einer Zeit des Überflusses, in der das Verspeisen von semiaquatischen Nagetieren - sagen wir - exotisch geworden ist, beginnt der Sumpfbiber, Uwe Pfützenreuters Essen zu verspeisen. Es ist auch der Punkt, an dem man verraten kann, dass der Leipziger Gartenwart recht hat mit seiner Theorie zum Ursprung dieses gattungsübergreifenden Problems, aber eben nur zum Teil. Denn naturverklärende Großstädter waren nicht die Ersten, die die Nutrias fütterten. Wer mehr wissen will, braucht nur nach Ettischleben zu fahren, und wer nach Ettischleben fährt, braucht einen Grund. Hier kommt man nicht einfach so vorbei. 157 Menschen wohnen im Ort, ein paar kämpfen gegen die Schweinemastanlage im benachbarten Alkersleben, ein paar sicher auch gegen Langeweile. Denn obwohl die Orte im Herzen Thüringens so oft auf -leben enden, sucht man gerade das manchmal vergeblich. Ab und zu aber rollen fremde Kennzeichen die Hauptstraße hinunter - westdeutsche Kennzeichen. Sie rollen bis vor ein großes braunes Tor. Dahinter liegt der Hof von Edgar Heyder, seit drei Generationen in Besitz der Familie. Es gibt einen Teich, in dem früher mal Fische schwammen, eine alte Hündin namens Dolly 6 und einen Schweinestall. Betritt man dessen Halbdunkel, starren einen 60 Augenpaare an, Schnurrhaare erzittern.

Edgar Heyder züchtet Nutrias. Aneinandergeschmiegt hocken flauschige Mutationen: silberne Grönländer, braune Kubaner, Champagnerfarbene. Das klingt nach Reichtum, nach großer, weiter Welt. Edgar Heyder aber trägt Latzhose und Gummistiefel und hat Ettischleben nur für ein paar Tage Urlaub verlassen.

Als der Fleischbeschauer Heyder 1969 beschloss, zum Nagerzüchter zu werden, hatten schon viele Genossen vor ihm die gleiche Idee gehabt. Nutrias sind anspruchslos. In Gefangenschaft schlagen sie ihre orangefarbenen Hauer in das, was kommt: Grünzeug, Kartoffeln, Möhren. Der Züchter hat kaum mehr zu tun, als die Nachbarn zu besänftigen: "Wenn die Männchen aufdringlich werden, schreien die Weibchen", erklärt Heyder: "Klingt wie kleine Kinder."

Der Nutria-Bestand in der DDR war Mitte der Sechzigerjahre mit rund 150 000 erfassten Tieren beachtlich. Hoch im Kurs stand vor allem deren Fell, für das bekamen Züchter bis zu 115 Ostmark. "Ein volkswirtschaftlich nützliches Hobby" nannte der Journalist, der Heyder einmal auf seinem Hof besuchte, die Zucht. Heyder hat den Artikel aufgehoben. Auf dem Foto balanciert er einen kiloschweren Bock, auf den Unterarmen, so als wäre er bereits ein Muff. Wie viele Privatleute in der DDR anfingen, Maschendrahtkäfige zu errichten und Wasserbassins aufzustellen, lässt sich heute kaum sagen. Was fest steht, ist, dass der Preis für Nutriafell nach der Wende ins Bodenlose fiel.

Ein Sumpfbiber-Braten kann noch so zart sein, dessen Fell noch so weich - wenn es Entrecôte gibt und Persianer, ist das alles nichts mehr wert. Mag so mancher im Osten Deutschlands heute anders darüber denken, für die Nutrias schlug mit dem Fall der Mauer tatsächlich so etwas wie die Stunde der Freiheit. Denn statt den Garaus machten viele Züchter ihren unrentabel gewordenen Haustieren einfach die Käfigtüren auf. Die Winter wurden milder, die Tiere pflanzten sich fort, begannen sich einzurichten.

25 Prozent

ihres Körpergewichts verzehren Nutrias täglich an Nahrung, die in Freiheit rein vegetarisch ausfällt. Gräser und Schilf werden ins Wasser geschleppt, um aufgeweicht besser verzehrt werden zu können. Beim Verlassen des Flusses markieren die Böcke oft ihr Revier - im Handstand.

Für ihre Baue und Nester durchhöhlen Nutrias bisweilen die Uferbefestigung von Flüssen. Wenn dann das nächste Hochwasser kommt, kann das Ufer absacken, sagen Leute, die sich mit Ufern auskennen. In Sachsen, wo die Menschen in einigen Regionen öfter abgesoffen sind als ein Trabi an der roten Ampel, untergräbt ein Nager mit dem Boden immer auch das Sicherheitsgefühl der Anwohner.

Auch Edgar Heyder wohnt an einem Fluss. Auch für ihn wäre mit dem Mauerfall beinahe Schluss gewesen. Im Schweinestall saßen noch zehn Metzen, die Weibchen der Nutrias, und kein Männchen mehr, um sie zum Schreien zu bringen. Eines Morgens aber sah das Ehepaar Heyder etwas auf der Wiese hinter dem Stall hocken. Ein dunkler Fleck im Klee. "Das ist aber eine große Katze", sagte Heyders Frau. Ihr Mann war da schon ganz still geworden. Was sie vor sich hatten, konnte kein Zufall, musste ein Zeichen sein: Der Wipfra, diesem 40 Kilometer langen gurgelnden Bächlein, war ein viriler Nutria-Bock entstiegen. Man kann sich vorstellen, wie Edgar Heyder die Gelegenheit am Schwanz gepackt hat. Er sieht dann ein bisschen aus wie ein Schlangendompteur. Mit geübter Hand greift er zu, lässt die kopfüber zappelnden Tiere kurz absacken, damit sich ihr Körper streckt. Dann kapitulieren die Nutrias vor der Schwerkraft. Ein Vierteljahr nach der wundersamen Begegnung hockten mehr als 60 Nager im Schweinestall. Heyder war wieder im Geschäft.

Galt früher das Fell der Nutrias als wertvoll und das Fleisch als Ausschuss, ist es heute umgekehrt. Im September ist Schlachtzeit. Dann setzt Heyder den Nutrias Futter vor und das Sportgewehr an. Im Haupthaus gibt es einen gefliesten Raum. An der Wand hängt ein Gartenschlauch, in der Ecke stehen Fleischwolf und Stopfmaschine. Hier zieht Heyder den Tieren das Fell ab. Es gibt eine Zwischenhaut, die er mit etwas entfernen muss, das Schabeglocke heißt. Dann spannt er das Fell auf ein Formbrett und lässt es trocknen, eine Woche lang , bei Ofenheizung. In diesen Tagen bekommt Heyder noch einen Euro pro Fell. 24 Euro für ein Kilo Fleisch. Die Autos, die in Ettischleben vorfahren, kommen aus dem Schwarzwald und aus Frankfurt am Main.

Dabei gibt es Nutrias auch im Westen Deutschlands. Anfang des 20. Jahrhunderts für erste Zuchtversuche aus Frankreich und Argentinien importiert, haben sich geflüchtete Exemplare an der holländischen Grenze, am Oberrhein, im Emsland angesiedelt. Es gibt Berichte über ein Tier, das sich in Hannover in eine Kneipe verirrte. Die Schicksalsstadt für die Nutrias aber ist Leipzig. Nicht, weil sich heute manch Gärtner im Geheimen den Schießbefehl zurückwünscht, sondern weil diese Stadt noch nie geeignet war, seine Haut zu retten. Leipzig - da denkt jeder an die friedliche Revolution. "Pelzstadt" hingegen ist ein Label, das heute kaum noch gebraucht wird, dabei wurde vor dem Ersten Weltkrieg ein Drittel des Pelz-Welthandels über Leipzig abgewickelt. Selbst nachdem Europa ein zweites Mal in Flammen stand, brach das Geschäft nicht vollends ein und bescherte später der DDR beachtliche Profite. Die Weltstraße der Pelze war der Leipziger Brühl. Hunderte Händler und Handwerker zog das weiche Gold hierher in die Innenstadt. Heute gibt es nur noch das "Pelzatelier Romy K." Ein vergitterter Fahrstuhl bringt die exklusive Kundschaft hinauf in den zweiten Stock.

Vor allem private Züchter versorgten die verstaatlichte Wirtschaft mit Fellen. Als Folge lebten auch viele Sumpfbiber ein bequemes Leben in Unfreiheit.

(Foto: Deutsche Fotothek)

Romy Kästners Haar ist grellrot, so wie die eingefärbten Fuchsstolen, die sie auf Wandregalen drapiert hat. Wer sich die um die Schultern legt, bekommt immer Gänsehaut, ob nun vor Wonne oder Widerwillen. Kästner trägt einen Arbeitskittel und viel Rouge. Mit geradem Rücken und gesenkten Lidern steht sie am Zurichtertisch und streichelt ein Stück Leder. Mit Sachsens Kleingärtnern hat sie eines gemeinsam: Sie kann Nutrias nicht leiden. Das Fell zu grob, zu zottig, zu schlammfarben. Zu viel ist zu tun, bis es sich plüschig genug anfühlt, damit die Kundschaft vergisst: Sie trägt hier ein Tier, das sein Fell zu Lebzeiten mit einem Sekret aus Fett- und Analdrüsen pflegte. In der Antike glaubte man, dass mit dem Tragen von Fellen die Eigenschaften des Tieres auf den Menschen übergehen. Heerführer trugen Löwe oder Leopard für Mut und Schnelligkeit. Eine Dame, die sich in einen Pelz aus 35 Nutrias hüllt, müsste sich folglich Tauchgänge von bis zu fünf Minuten erhoffen, eine monogame Lebensweise und die Fähigkeit, giftige Wasserpflanzen zu verdauen, als wäre es Fenchel.

Die Tiere werden jetzt nicht mehr gefüttert, dafür gefuttert

Romy Kästner ist nicht überzeugt von dieser Theorie. Vielleicht muss man ein bisschen unterkühlt sein, um mit wärmenden Pelzen zu arbeiten. Das Bleichen, Beizen, Blenden jedenfalls hat sie beim VEB Brühlpelz gelernt. Ihr Meisterstück war ein Mantel aus Kaninchen. Die Frau, der sie ihn schließlich verkaufte, floh in den Westen, dorthin also, wo das Außenhandelsunternehmen Interpelz ganze Kollektionen absetzte und die DDR mitkassierte. Nach dem Mauerfall konnten die ehemaligen Bruderländer nicht mehr in Devisen zahlen, und für die westliche Kundschaft waren die Pelze schlicht zu teuer geworden. Keiner der DDR-Pelzgroßbetriebe hat die Wende überstanden. Und von den wenigen Leipziger Kürschnern legt heute kaum noch einer Hand an den Sumpfbiber. Er ist außer Mode - aber ist er auch außer Gefahr?

In Leipzig dürfen die Tiere mittlerweile nicht mehr gefüttert werden, gefuttert werden schon. Eines der hippen Restaurants im Westen der Stadt hat "Würzfleisch vom Nutria" auf der Karte. Ein Metzger lockt im Netz: "Frische Nutrias eingetroffen". Man kann danach fragen, aber nicht danach, wo das Fleisch herkommt. Aus Ettischleben vielleicht, vielleicht aus der Elster.

Wie gut, dass das Untier nicht weiß, dass seine stolzen Vorfahren aus Patagonien und Buenos Aires geschlachtet und gehäutet und gewürzt wurden, dass seine Geschichte deshalb irgendwie auch Zeitgeschichte ist. Es weiß nichts von Sozialismus und Karma. Es weiß nur, was schmeckt. Und das sind die Erdbeeren in Uwe Pfützenreuters Garten. "Einmal, da fühlte ich mich beobachtet", erzählt der, als im "Elster Idyll" das alljährliche Sommerfest steigt. "Ich dreh' mich um, und da sitzt einer. Hatte einen abgebrochenen Hauer und guckte nur." Es ist der Moment, in dem der alte Mann seiner Nemesis ins Auge blickt. Und wie das so ist, mit Feinden, die sich bekämpfen aber nicht besiegen lassen, kann er ein gewisses Maß an Wertschätzung nicht verhehlen. Deswegen steht der Zaun unten am Flussufer auch gar nicht unter Strom. Deswegen bekam der Besucher, ohne Nagezahn seiner Waffen beraubt, einen Namen. Und vielleicht, nur vielleicht, haben Pfützenreuters Enkel den "alten Oscar" auch gefüttert.